Andersartig – Gleichwertig

Kirchlicher Blick auf Homosexualität im Spiegel der Tagungszentren

Die Tagungen für Homosexuelle an kirchlichen Bildungshäusern haben viel zur öffentlichen Meinungsbildung beigetragen. Und auch die Tagungen haben im Laufe eines Vierteljahrhunderts Entwicklungen durchgemacht.

VON SUSANNE KRAMER-FRIEDRICH

Seit 1974 bieten das Evangelische Tagungs- und Studienzentrum Boldern und die Paulus-Akademie Zürich Wochenendtagungen für homosexuelle Menschen an. „War es am Anfang das erklärte Ziel, das Unrecht aufzuzeigen, das vielen Homosexuellen geschah, so wird im Laufe der Zeit eine Dynamik der Betroffenen immer deutlicher, die Gesellschaft so zu verändern, dass sie selbstverständliche Freiräume zur Entfaltung der Sexualität eines jeden und einer jeden garantiert“, heisst es im Boldern Bericht Nummer 81 vom Dezember 1991.

Damit ist das Ziel formuliert: Auch die Liebe zwischen Menschen des gleichen Geschlechts soll selbstverständlich als gleichwertig akzeptiert werden, als „normal“ gelten. Wie weit oder wie nah sind wir als Gesellschaft und als Kirchen hierzulande von diesem Ziel entfernt? Wie viel Veränderung erträgt die Schweiz?

Im Gespräch mit Gina Schibler, reformierte Theologin – zusammen mit Matthias Mettner von der Paulus-Akademie (PAZ) für die Tagungen verantwortliche Studienleiterin am Tagungszentrum Boldern – und einem Schwulen, der seit 1982 im Team der Tagungen für Lesben und Schwule tätig ist, werden die Veränderungen fassbar.

Entscheidender Beitrag zur Meinungsbildung

Von „Wir sind anders“ zu „Wir sind gleichwertig“: So fasst Gina Schibler den Wandel der letzten Jahre zusammen. Die Tagungen auf Boldern und in der PAZ als geschütztes Forum haben entscheidend zum Gespräch und zur Meinungsbildung über die verschiedenen Arten von Sexualität und Zusammenleben beigetragen. Viele Hunderte haben hier im Laufe der Zeit als Individuen wie als Gruppe ein neues Selbstbewusstsein entwickelt, sowie ihre Anliegen gemeinsam artikuliert. Dazu gehörten natürlich auch Konflikte, zum Beispiel zwischen Schwulen und Lesben als Gruppen. Wichtiger waren immer die gemeinsamen gesellschaftspolitischen Interessen.

Schon aus dem Vergleich von Tagungs-Titeln und Bezeichnungen der Zielgruppen (siehe Kasten) lässt sich einiges erkennen: Während früher die Betroffenen unter sich waren, nehmen seit 1993 auch Eltern, andere Angehörige und Befreundete in speziellen Gesprächsgruppen an den Tagungen teil. Zweitens richten sich die Angebote seit 1995 nicht nur an Lesben und Schwule, sondern auch an bisexuelle Menschen, die zunehmend als eine Gruppe für sich anerkannt werden und es als befreiend erleben, dazu stehen zu können, dass sie sich von Menschen beiderlei Geschlechts angezogen fühlen.

Austragungsort wichtiger Entwicklungen

Forderungen wie rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften waren auf Boldern schon vor zwanzig Jahren Thema. Jetzt werden sie bei der Revision des Eherechts öffentlich gestellt. Überhaupt gingen wichtige Entwicklungen der Lesben- und Schwulenbewegung der Schweiz von hier aus: So die Gründung der HUK, der Gruppierung „Homosexuelle und Kirche“, die seither regelmässig im Boldernhaus zusammenkommt, und der AHM, der Gruppe „Angehöriger Homosexueller Menschen“. Homosexualität ist ja nicht nur eine Entwicklungsphase junger Menschen. Menschen aller Altersgruppen nehmen an den Tagungen teil. Für Junge gibt es eine Fülle anderer offener Gefässe, für ältere erheblich weniger.

Sexualität und Christentum

Insgesamt schliessen sich Homosexualität und das Bedürfnis nach bewusstem Christsein ja auch nicht aus, im Gegenteil. In vielen Gesprächen sagten Lesben und Schwule, die sich aus fundamentalistischen religiösen Gruppen mit ihren „Heilungsversuchen“ lösen mussten, wie wichtig und befreiend es für sie war, dass in diesen landeskirchlichen Tagungen Homosexualität nicht als Sünde oder Krankheit taxiert, die der Bekehrung oder der Therapie bedarf, sondern als eine Lebensform neben anderen akzeptiert ist.

Auch der Wunsch nach kirchlicher Segnung homosexueller Partnerschaften wird seit langem immer wieder geäussert und stark diskutiert. Nicht öffentlich, aber offiziell im Rahmen einer Tagung konnten Paare, die das wünschten, im Anschluss an einen Gottesdienst einen speziellen Segen für ihre Partnerschaft entgegennehmen. Eine gewisse Zurückhaltung aus Rücksicht auf die Tagungszentren war dabei allerdings nicht ausser Acht zu lassen. Deshalb begrüssen die Verantwortlichen, dass diese Frage nun im Rahmen verschiedener reformierter Kantonalkirchen offen, öffentlich und breit diskutiert wird.

Tagungstitel und Bezeichnungen der Zielgruppen im Wandel der Zeit

1974: „Probleme der Homosexualität: eine Informationstagung für Interessierte und Betroffene“

1987: „hautnah und lebendig – zur Entwicklung der Schwulen und Lesbenbewegung“

Seit 1995 heisst die Zielgruppe: Lesben, Schwule, Bisexuelle sowie Angehörige und FreundInnen. 1997: „Anders leben, anders träumen, anders lieben – oder: Wieviel (anderes) Leben verträgt die Schweiz?“

Erschienen im „aufbruch“ 1/1998

Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion des „aufbruchs“, Zeitung für Religion und Gesellschaft.

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