Brief an eine rätselhafte Begleiterin

LSBK Gottesdienst 19. Januar 2003

Liebe Bibel

Ich getraue mich, diese vertrauliche Anrede zu verwenden. „Sehr geehrte Bibel“ – wie es korrekterweise heissen müsste – ist zu formell. Schliesslich bist Du mir seit meiner Kindheit eine rätselhafte Begleiterin. Allerdings bin ich mit Dir nicht ganz so vertraulich auf DU und DU; wie unter guten Freunden, da bist Du mir zu geheimnisvoll. Aber wenn ich schon zu Gott Du sagen darf, so wirst Du nichts dagegen haben.

Also, liebe Bibel, in meinen Kinderjahren warst Du mir ALS BUCH wichtig; vom INHALT hörte ich in der Sonntagsschule. Weisst Du noch, wie ich aus Papier Schmetterlinge ausschnitt, sie mit bunten Farben ausmalte, meine Wünsche und Gebetlein darauf zeichnete und sie zwischen die schönen Bilder in der Schnorrbibel hineinlegte? Ich habe fest daran geglaubt, dass sie auf diese Weise direkter bei Gott ankommen. Ganz besonders damals, als meine innig geliebte Tante Jenny im Sterben lag; da war das ganze Buch voll von Gebetsschmetterlingen.

Wie war ich Stolz, als ich mit gesammelten Wochenbatzen eine Lederausgabe des Neuen Testaments in Taschenformat erwarb – für Goldschnitt hatte es leider nicht gereicht.

Im Religionsunterricht der sechsten Schulklasse mussten wir von Deinen Psalmen auswendig lernen. Beim Aufsagen vor der Klasse bin ich tomatenrot geworden, begann zu stottern und wusste nicht weiter. Damals habe ich Dich ebenso gehasst wie den Lehrer, der uns abfragte. Aber neulich haben mich Psalmverse auf unvergessliche Weise durch schwierige Wochen begleitet, und ich war froh, dass Wort für Wort in mir aufwachte und mir Auftrieb gab.

Im Theologie-Studium habe ich dann erfahren, dass Dein Name vom griechischen BIBLOS hergeleitet wird, was BUCH bedeutet, und dass Du eigentlich eine kleine Bibliothek von 66 Büchern bist. Die Professoren sagten uns, Deine zwei Buchdeckel würden mehr als 1000 Jahre umfassen zwischen den ältesten und jüngsten Texten. Es hatte mich verwirrt, zu erfahren, dass Deine Bücher von sehr verschiedenen Verfassern stammen, und dass nicht alles so wörtlich zu verstehen sei, wie es dasteht. Wir wurden aufgeklärt, dass ganze Abschnitte von späteren Redaktoren zusammengetragen und neu gestaltet wurden.

In jener Zeit musste ich viel an meinen frommen Onkel Paul denken; er vertraute Dir kindlich, gläubig – unangefochten von Bibelwissenschaft. Ja, seine bange Frage lag mir lange in den Ohren: Meinsch nid, dass Theologie dr Gloube kaputt macht?

Ich habe noch heute wie zu Studentenzeiten Mühe mit den vielen Kriegen, den barbarischen Mordgeschichten, Racheakten die in Deinen Büchern verzeichnet sind – zum Teil sind sie von Gott befohlen, zum Teil gegen Gott ausgeführt.

Liebe Bibel, Du kannst nichts dafür, dass Deine Wirkgeschichte dann auch so dunkle Kapitel schrieb. Menschen töteten andere Menschen mit Verweis auf Dich. Bekehrungskriege gegen ganze Völkerschaften wurden geführt. Und es macht allen Anschein, dass Amerika zum Krieg rüstet in voller Überzeugung, sich auf Dich berufen zu können.

Es ist nicht Deine Schuld, dass viele Christen Dich zum Gesetzbuch machen, aus dem sie Waffen gegen Andersdenkende schmieden. Die Redewendung: „Die Bibel sagt“ ist eigentlich eine bodenlose Frechheit gegenüber Deiner tausendjährigen, lebendigen Geschichte. Wer sagt, die Bibel sagt, sagt nichts über die Bibel, aber viel über sich selbst: nämlich wie er Dich deutet, Dich versteht, Dich interpretiert. Er missbraucht Dich als Maske, hinter welcher er seinen Machtanspruch verbirgt. Ich kann höchsten sagen: „diesen oder jenen Gedanken finde ich auch in der Bibel wieder“. Es liegt nicht an Dir, dass man total entgegengesetzte Meinungen aus Dir ableiten kann. Es liegt nicht an Dir, dass man aus Deinen Texten zum gleichen Thema ein Pro oder Contra destilliert.

Wie ist das für Dich, wenn Deine Worte auf Plakatwänden neben Zigaretten- und Pampersreklame prangen? Werden da nicht Perlen vor die Säue geworfen, oder sind es Werbe-Sprüche à la Jesus wäscht weisser? Jedenfalls wird da deutlich, wie du unserer Verwendung und unserer Deutung ausgeliefert bist.

Andererseits entspricht es Dir gewiss, dass wir Worte und Abschnitte auswählen, die uns entsprechen und die uns wohltun. Ich freue mich zum Beispiel dass im Hohelied auch die geschlechtliche Liebe in rauschhaften Bildern geschildert wird. Ich freue mich an der Freundschaftsgeschichte von David und Jonathan die so ausführlich, anrührend erzählt ist, aber auch so traurig von Trennung und Abschied berichtet. Es ist ermutigend, der Geschichte der beiden Frauen Ruth und Naemi nachzuspüren. Ich vermute, Du freust Dich darüber; und Du bist geduldig, wenn uns einText zu mühsamer Auseinander-setzung herausfordert. Kurz: WIE WIR MIT DEINEN WORTEN UMGEHEN, VERRÄT UNSERE INNERE HALTUNG.

Heute weiss ich, dass ich als Knabe mit Dir magisch umgegangen bin: zB.die Schmetterlingsgebetlein zwischen Deinen Buchseiten, das war kindlich, naiv. Aber dass ich – ein eher schwacher, unsport-licher Bub – mich stärker und sicherer fühlte, wenn ich das ledergebundene Testament in der Hosen-tasche spürte, hatte doch eine bestimmte Wirkung. Es mag abergläubischer Missbrauch der Bibel als Talisman gewesen sein. Sicher ist, dass es nicht Deine Schuld war, wenn ich mir dabei als besserer Mensch vorkam.

Liebe Bibel, Du weißt: meine ersten Pfarrjahre waren Leidensjahre. Ich litt darunter, dass Du vielen meiner Gemeindeglieder zu einem engen Korsett oder zu einer Krücke geworden warst – ich spürte so wenig von Lebenselixier. In seelsorgerlichen Gesprächen erschrak ich über die hohlen, leeren Floskeln, zu denen Du verkommen bist.

Aber da gab es jenen eindrücklichen Abend: Ich war bei einem Ehepaar zum Nachtessen eingeladen. Beide, wenig älter als ich, hatten ein paar Fragen auf dem Herzen, wie der Mann sagte. Die Frau brachte eine davon gleich auf den Punkt: Ist denn auch alles wahr, was in der Bibel steht? Sofort griff der Mann beschwichtigend ein, die Frau wolle ja nicht etwa die Bibel anzweifeln. Mir schien, er schäme sich einwenig für sie. Ich konnte aber ihre Frage sehr gut verstehen und gab ehrlich zu, dass auch für mich manches unverständlich und rätselhaft in der Bibel sei. Da war die Frau sehr erleichtert und der Mann zuerst bodenlos verwirrt – was wiederum mich irritierte: als Pfarrer darfst du also nicht erhlich sein… Jener Abend ist dann für mich zum Schlüsselerlebnis geworden. Was ich nämlich zu antworten versuchte, wurde mir selber zur Antwort: Man müsse zwischen FORM und INHALT unterscheiden lernen. Der Text ist die äussere FORM, geschichtlich gewachsen, vom Zeitgeist beeinflusst. Die FORM ist dem menschlichen Körper zu vergleichen: Er ist von Wachstum und Veränderung geprägt, materiell gesehen messbar, analysierbar – besteht zB aus 80% Wasser, ferner aus Kalk, Eisen und vielen biochemischen Stoffen. Aber der Körper macht doch nicht die Person – den INHALT / das WESEN – aus.

Und dann hattest Du, liebe Bibel, mich auf einem ganz andern Weg eingeholt. Ich hoffte, allen Zweifeln entfliehen zu können und studierte Psychologie. An einem unvergesslichen Wochenende im CG.Jung Institut wurden uns Deine Geschichten als Abbilder menschlicher Grundmuster aufgezeigt. Das war so ganz anders als alles, was ich bisher in den theologischen Vorlesungen gehört hatte. Und auf einmal verstand ich Onkel Paul: er lebte aus der Kraft Deiner Bilder. Wenn er vom WORT GOTTES sprach, meinte er nicht Bibel-TEXTE, sondern menschliche Erfahrungen mit Gott, in denen er seine eigenen Erfahrungen wiedererkannte.

Seither bin ich von Deiner rätselhaften, schillernden Art fasziniert. Nie werde ich ganz klug aus Dir. Mal zeigst Du Dich von dieser, dann wieder von einer total entgegengesetzten Seite. Ich muss die scheinbaren Widersprüche nicht kurvenreich umfahren; ich kann sie stehen lassen, ja sie trösten mich: Ich bin ja auch nicht nur schlecht oder nur gut; entweder gläubig oder ungläubig. Bei den Mystikern habe ich gelernt, dass letzte Wahrheiten nur paradox formuliert werden können – wenn überhaupt. Worte sind begrenzt durch unsern Verstand – aber der Sinn Deiner Worte liegt tiefer. Im Schweigen kommen wir dem Wesentlichen näher.

Zum Schluss nun doch: sehr verehrte Bibel. Ich verdanke es eher den Erfahrungen mit Menschen als der Lektüre gelehrter Bücher, was mich Deinen Reichtum entdecken liess. Es waren die Menschen, die ich ein Stück weit auf ihrem Lebensweg begleiten durfte, hauptsächlich die Patienten im Spital, vor allem die leidenden, trauernden und die sterbenden Menschen. An ihnen und mit ihnen lernte ich, meine Ohnmacht-Gefühle wörtlich zu nehmen: Als Begleiter bin ich ohne Macht, etwas im Leben des andern zu verändern. Wenn mir dann jeweils etwas von ihrer Lebensgeschichte in der einen oder andern von Deinen Geschichten wiederbegegnete, war auch die Kraft dessen zu spüren, von dem Du Zeugnis gibst. Auf diese Kraft habe ich vertrauen gelernt. Aus dieser Kraft verusche ich zu leben.

Und damit auf Wiederlesen, liebe, verehrte Bibel.

P.S. Ich habe gar nicht erwähnt, dass das Erforschen Deines Inhalts auch viel Freude bereitet hat.

Mit herzlichem Dank, Dein hpb
Hans Peter Bertschi Evg.ref.Spitalseelsorger i.R./ Dipl.Psych. I.A.P. *1932