Archiv der Kategorie: Aus den Gottesdiensten

Sammlung von Gebeten, Segen und Fürbitten aus unseren Gottesdiensten

Gottesdienst vom 20. Januar 2008

Der Sternenverkäufer

Musik ab CD

Wir sitzen vor einem Bogen zum Seitenschiff. Die meisten Lichter in der Kirche sind ausgeschaltet oder gedämpft, hinter uns hängt eine schwarze Stoffbahn (1.4 m breit, 5 m hoch an der Empore befestigt), Kerzen brennen.

Urs: Liebe Freundinnen und Freunde,
Wir begrüssen euch herzlich zum Januar-Gottesdienst der Lesbischen und Schwulen Basiskirche Basel.
Diesen Gottesdienst haben vorbereitet Dorothee Dieterich vom Forum für Zeitfragen und ich, Urs.

Weihnachten sind schon wieder lange vorbei, draussen ist es aber immer noch dunkel, nass und kalt, Winter eben. Aber der dunkle Nachthimmel lässt uns, vor allem ausserhalb der hellerleuchteten Städte, die Sterne sehen. Der Sternenhimmel hat die Menschen schon immer erfreut und berührt. Darum möchten wir uns heute den Sternen zuwenden.

Lied: Weisst du wie viel Sternlein … (531)

Dorothee: Gebet

Das Universum singt für Dich,
Lebendiger.
Mit unseren kleinen Stimmen
Stimmen wir ein
in das grosse Lob
Deiner Güte.

Mit den Himmeln und Engeln ,
mit Mond und Sternen
mit Meer und Wasser
mit Wind und Wetter,
mit Bäumen und Sträuchern
mit Vögeln und Fischen
mit wilden und zahmen Tieren,
mit Männern und Frauen,
Kindern und Greisen,
singen wir Dein Lob.
Dazu sind wir hier.

Alles umfasst Du,
höher als der Himmel,
tiefer als das Meer ist deine bergende Güte,
die Sterne überstrahlt dein Glanz,
deine Grösse: sie richtet uns auf,
hinaus aus der Enge,
weit wird unser Herz
wir erheben unsere Stimme
und loben Dich,
wieder und wieder.

Amen

Urs: Ich lese euch Psalm 8:

Ewige, du herrschst über uns alle.
Wie machtvoll ist dein Name auf der ganzen Erde.
So breite doch deine Majestät aus über den Himmel.
Aus dem Mund von Kindern und Säuglingen hast du eine Macht geschaffen gegen alle, die dich bedrängen, auf dass Feindschaft und Rache verstummen.
Ja, ich betrachte deinen Himmel, die Werke deiner Finger: Mond und Sterne, die du befestigt hast – Was sind die Menschen, dass du an sie denkst, ein Menschenkind, dass du nach ihm siehst?
Wenig geringer als Gott lässt du sie sein, mit Würde und Glanz krönst du sie.

Du lässt sie walten über die Werke deiner Hände.
Alles hast du unter ihre Füße gelegt:
Schafe, Rinder, sie alle, und auch die wilden Tiere,
Vögel des Himmels und Fische des Meeres,
alles, was die Pfade der Meere durchzieht.
Ewiger, du herrschst über uns alle.
Wie machtvoll ist dein Name auf der ganzen Erde.


Urs: Wir lesen euch eine Geschichte von Alexander Kostinskij vor:

Der Sternenverkäufer

Die Schriftgelehrten sagen: „Rechtlosigkeit erzeugt Angst.“ Der Zaddik von Beleopol, Moissej Zwik, lehr­te etwas anderes: „Angst erzeugt Rechtlosigkeit.“ Und damit hatte der Zaddik recht. Er wusste, was er sagte, denn er stammte genauso wie sein Vater Benjamin Zwik aus Belopol, und beide wussten sie, was Angst ist.

Angst, das ist, wenn du nicht wagst, den Blick zu heben und mit gesenktem Kopf herumläufst.

Angst, das ist, wenn dir jemand ins Gesicht spuckt und du die Hand nicht hebst, um ihn zu schlagen, sondern nur, um dir die Spucke abzuwischen, und still weinst, lautlos, weil du fürchtest, durch dein Weinen den Beleidiger zu belästigen.

So lebten die Juden von Belopol einst. Mit gesenktem Kopf und krummem Rücken – sie hatten Angst. Sie fürchteten Richter und Pferdediebe, Feuer und Wasser, Polen und Ukrainer, Flüsse und Wälder, Wege und Wildnis. Sie hatten Angst!

Die Männer hielten den Gebärenden den Mund zu, damit niemand sie hörte und niemand erfuhr, dass wieder ein jüdisches Kind geboren wurde. Zur Sicherheit.

So lebten die Menschen in Belopol, bis eines Tages ins Haus des Schmiedes Benjamin, des Vaters vom künftigen Zaddik, ein Mann kam.

„Ich verkaufe Sterne“, sagte er. „Ganz billig. Ein Stern eine Kopeke.“

Der Verkäufer hieß Abraham.

Er band den Strick auf, der um seinen schäbigen alten Koffer gewickelt war, und holte farbige Bildchen heraus. Er breitete sie auf Tisch und Fußboden aus, und das graue, öde Haus des Schmieds war plötzlich so fröhlich wie das Wangenrot eines herumtollenden Kindes.

„Hier“, sagte der Verkäufer und zeigte auf ein Bild auf dem Tisch, „dieser Stern heißt Schulaïr. Dort gibt es fünf Berge und sieben Flüsse. Drei Flüsse sind himmelblau, drei dunkelblau, und nur einer ist weiß. Im weißen Fluss lebt der silberne Fisch Chaliana. Aber ich glaube, zu dir passt dieser Stern besser.“ Er zeigte auf ein anderes Bild. „Baïs heißt er, dieser Stern. Er ist von Wiesen und Wäldern bedeckt. Im Wald leben Vögel. Viele Vögel. Und keine Schlangen.“

Benjamin nahm das Bild in die Hand.

„Ein schöner Stern.“

„Wenn er dir gefällt, komme ich heute Abend wieder und zeige ihn dir am Himmel, und dann gebe ich dir ein Papier, auf dem steht, dass dieser Stern dir gehört.“

„Mir? Und was soll ich damit?“, fragte der Schmied den Sternenverkäufer.

„Du kannst ihn ansehen. Du kannst von ihm träumen und ihn deinem Sohn vererben. Ist das etwa wenig? Wie heißt denn dein Junge?“

„Moissej.“

„Gefällt dir der Stern Baïs?“, fragte der Sternenverkäufer den Jungen.

„Ja, aber noch besser gefällt mir Schulaïr”, antwortete Benjamins Sohn, der kleine Moissej Zwik.

„Dann kauft doch zwei Sterne. Ein Stern eine Kopeke. Zwei Sterne zwei Kopeken. Ich finde, das ist nicht teuer. Du hast einen klugen Sohn. Höre, was er sagt. Du wirst sehen, er wird eines Tages Zaddik“, sagte der Sternenverkäufer zu Benjamin.

„Und die Bilder, gibst du uns die auch?“, fragte der Schmied.

„Nein, wenn du willst, verkaufe ich dir das Bild und behalte dafür den Stern, dann wirst du nicht wissen, wo er am Himmel steht. Entweder der Stern, oder das Bild. Überleg es dir, ich komme heute Abend wieder“, sagte Abraham und ging zu dem Haus, in dem die Witwe Rahel wohnte.

„Ich heiße Abraham“, sagte der Sternenverkäufer.

„Ich habe eine ganz besondere Ware. Ich verkaufe Sterne.“

Abraham öffnete seinen Koffer und holte nur ein Bild hervor.

„Schau“, sagte er, „dieser Stern hier. Ich habe ihn für dich aufgehoben und keinem bisher gezeigt. Er heißt Tuaja. Er ist nicht groß. Auf der einen Seite ist ein See, auf der anderen ein Hügel. Nur ein einziger Hügel. Und nur ein einziger Baum wächst auf diesem Hügel. Der Baum Schurmir. Das ganze Jahr über blüht Schurmir und trägt Früchte. Schurmirs Früchte duften wie der erste Kuss. Rahel, ich habe diesen Stern für dich aufgehoben. Nur eine Kopeke, und dieser Stern gehört dir!“

„Geh!“, sagte die Witwe zum Sternenverkäufer. „Ich brauche deine Sterne nicht und auch nicht meine Erinnerungen. Ich habe kein Geld für dich.“

„Er kostet nur eine Kopeke! Das ist doch geschenkt! Viele wollten ihn schon kaufen! Aber ich habe jedes Mal gesagt: ‚Nein, dieser Stern ist für Rahel’.”

„Ich sage es dir noch einmal: Ich brauche deine Sterne nicht. Ich habe kein Geld.“

„Rahel, gib mir ein Stück Brot, und dieser Stern gehört dir.“

„Bist du hungrig?“

„Ich will immer essen, ich will immer trinken, und schlafen und tanzen – ich will alles. Verstehst du? Alles! Ja, ich bin hungrig. Gib mir ein Stück Brot, und dieser Stern gehört dir.“

„Nein“

„Ich weiß, du bist arm, und selbst ein Stück Brot ist für dich ein Reichtum. Aber überleg doch: Alle Menschen sind sterblich, und auch du wirst eines Tages sterben. Was wirst du deiner Tochter hinterlassen? Du hinterlässt ihr diesen Stern.“

„Wie heißt er?“

„Tu-a-ja. Ein schönes Wort. Ich habe diesen Stern für dich aufgehoben.“

„Ich glaube dir nicht. Du lügst wie alle Hausierer. Heute verkaufst du diesen Stern mir und morgen verkaufst du ihn einer anderen Witwe.“

„Mein Gott, warum gibt es in meinem Volk solche Frauen? Du glaubst mir nicht? Schön, ich werde heute Abend wiederkommen und dir am Himmel deinen Stern zeigen. Du gibst mir ein Stück Brot, und dafür bekommst du von mir ein Papier, auf dem steht: ‚Rahel ist Besitzerin des Sterns Tuaja, und sie darf diesen Stern nicht verkaufen, sie darf ihn nur ihren Kindern vererben.’ Und jetzt gib mir ein Stück Brot, wenn du kannst. Es ist doch egal, ob du mir dieses Stück Brot jetzt gibst oder heute Abend.“

„Das ist wahr“, stimmte Rahel ihm zu, „das ist egal.“

Sie bat Abraham ins Haus, goss ihm einen Becher Milch ein und gab ihm Brot und Quark. „Iss, du Schwätzer. Sich so ein Wort auszudenken – Tuaja.“

Abraham sammelte die Brotreste vom Tisch und warf sich die Krümel in den Mund.

„Ich habe mir gar nichts ausgedacht. Er heißt wirklich so. Heute Abend werde ich ihn dir zeigen, und du kannst dich davon überzeugen.“

Abraham besuchte alle Häuser. Er holte die Bilder aus dem Koffer und erzählte den Leuten von den Sternen. Manche kauften gleich. Andere wollten erst den Abend abwarten, aber niemand sagte Nein zu Abraham, nicht der Zimmermann Bloiser, nicht der Milchmann Mejer. Denn eine Kopeke, das war ja nicht viel, und dafür bekam man von Abraham ein Papier mit Wappen und Unterschrift, darauf stand der Name des Verkäufers und der Name vom Besitzer des Sterns – das Papier allein war teurer; das wussten die Leute.

Als dann der Abend kam, führte Abraham die Leute aus den Häusern hinaus und zeigte ihnen ihre Sterne.

Es war schwer, den ewig gebeugten Rücken aufzurichten und die hängenden, krummen Schultern zu recken, und noch schwerer war es, den an ständige Demütigungen gewohnten Kopf zu heben.

Die Knochen knackten, die Gelenke schmerzten, der Kopf tat weh. Aber die Menschen blieben trotzdem stehen, sie blickten zum Himmel und suchten ihre Sterne.

Niemand bemerkte, dass Abraham währenddessen fortging.

Nie wieder tauchte er in Belopol auf.

Aber jeden Abend verließen die Menschen ihre Häuser und hoben hartnäckig den Kopf, und die Buckel verschwanden, und breiter reckten sich die Schultern.

Manche standen so eine Stunde oder gar zwei. Andere noch länger.

„Baïs, Chulijana, Tuaja, Schurmir“, flüsterte es in dem nächtlichen Belopol, und Tropfen für Tropfen verließ die Angst die Herzen. Die Menschen wurden zu Menschen. Schön. Stark. Stolz. Genau so, wie Menschen sein sollen.

Viele Jahre vergingen, und eines Tages sagte der Sohn des Schmieds Benjamin Zwik, der Zaddik Moissej: „Angst erzeugt Rechtlosigkeit“ Und dann wandte er sich an die Umstehenden: „Sagt“, fragte er, „wie hat er ausgesehen, der Sternenverkäufer Abraham?“

„Er hatte einen grauen Bart, doch die Haare auf seinem Kopf waren schwarz wie Pech. Er war wohl fünfundfünfzig Jahre. Er war mager und gerade wie ein Stecken, und an der rechten Hand fehlte ihm ein Finger. Wenn er sprach, sah er einem in die Augen. Auch seine Augen waren schwarz. Er sah so ähnlich aus wie du, das ist sonderbar, aber so ist es“, sagte der alte Schmied zu seinem Sohn.

„Ich habe ihn anders in Erinnerung“, sagte die Witwe Rahel leise. Sie hatte nicht wieder geheiratet. „Die Augen des Sternenverkäufers waren nicht schwarz, sie waren verschiedenfarbig: das linke blau und das rechte grün, und sein Bart war rot und das Haar wie Eichenborke. Er war kunterbunt, genau wie seine Bilder, als habe der Allmächtige an ihm seine Farben ausprobiert.“

„Der Sternenverkäufer Abraham war grauäugig und stämmig. Er war höchstens dreißig. Sein Gesicht war voller Sommersprossen, und seine Nase hatte einen Höcker, eine echte jüdische Nase. Und dann die Augen – sie haben die ganze Zeit gelächelt“, erinnerte sich der Milchmann Mejer.

Die Leute redeten und redeten, und als es Abend wurde und der Stern Tuaja am Himmel aufging, sagte der Belopoler Zaddik Moissej: „Jetzt weiß ich, wie Abraham aussah. Er war wie ihr, wie ihr alle. Er war wie mein Volk.“

Auch an diesem Abend flüsterte es wieder in Belo­pol:
„Baïs, Tuaja, Torfaro, Chaliana, Luojjo, Sursha, Noemi, Schurmir, Tuaja, Chaschana…“


Musik ab CD Stück 2 Dauer 4:17 nach der ersten Strophe Pegel zurücknehmen, nicht ganz ausblenden, Stück auf Repeat schalten.

Arbeiten

Urs: Abraham hat den Leuten einen Stern für eine Kopeke verkauft, keine Ahnung wie viel das war. Wir verkaufen euch auch Sterne, nicht so immateriell wie in der Geschichte, sondern als gold- und silbern glitzernde Objekte. Nehmt euch schweigend, im Sinne einer Fürbitte für euch oder einen geliebten Menschen einen Stern, denkt euch für ihn einen Namen aus und schreibt ihn auf die Rückseite. Überlegt euch, was der Name mit euch tut, dann hängt euren Stern an den schwarzen Himmel.

Musik: Paint the sky with stars (enya) repeat, bis alle wieder sitzen.

Während die Sterne aufgehängt werden, drehen wir die Scheinwerfer von der anderen Empore und den am Boden auf, damit die Sterne glänzen können.

Einladung zum Abendmahl

Dorothee: Wir feiern heute miteinander Abendmahl.
Jesus Christus selbst lädt uns ein an seinen Tisch,
er nimmt uns auf in seine Tischgemeinschaft,
in die Gemeinschaft der Aufgerichteten.

Lasst uns beten:

Wir preisen Dich, Gott
Für deinen Himmel
Der die nächtlichen Sterne birgt
Und die Wolken spazieren führt,
der uns träumen, uns sehnen,
uns aufrecht gehen lässt.

Wir preisen Dich für Deinen Himmel,
der Vergangenes bewahrt,
Gegenwärtiges weit macht
Und Zukunft schauen lässt.

Wir danken Dir,
dass die Sterne uns inmitten unserer Alltage daran erinnern,
dass es einen Himmel gibt,
der dem Leben Weite und Würde verleiht,
dass eine Ahnung vom Himmel da ist,
wo Liebe uns ansieht,
Schönheit uns anrührt und Güte aufstrahlt.

Wir danken Dir
Für Jesus, unseren Bruder
der viele aufgerichtet hat.
Gekrümmten half er zu einem geraden Rücken,
Gelähmten zu einem freien Gang
Verzweifelten zu einem leichten Herzen.

Unser Feiern ist Erinnerung an ihn,
der seinen Weg ging, ausgespannt zwischen Himmel und Erde,
Seine Zeichen sind einfach: Brot und Wein.
In ihnen will er unter uns sein,
und uns bestärken im irdischen Tun und im himmlischen Hoffen.

Wir danken Dir für alle,
die seinen Weg gehen,
die sich anrühren lassen von den Dingen,
die das Leiden der Menschen lebendig spüren
und nicht hinnehmen, was zum Himmel schreit.

Wir bitten Dich, Gott,
für die Leidenden, dass sie nicht allein gelassen sind in ihrem Schmerz
Für die Toten,  dass sie aufgehoben sind.
Mit allen, die den Traum vom Himmel auf Erden nicht aufgeben
preisen wir Dich, Gott,
ohne Ende.

Lied: Laudate omnes gentes

Abendmahlsbericht:

Wir hören den Abendmahls bericht, wie er im Markusevangelium geschrieben steht:

Als sie assen, nahm Jesus ein Brot, sprach den Brotsegen und brach es, gab es ihnen und sagte: »Nehmt, dies ist mein *Leib.«
23Dann nahm er einen Becher, sprach den Segen über ihm, gab ihn an sie weiter, und sie tranken alle daraus.
24 Jesus sprach weiter: »Das ist mein Blut des *Bundes, das für alle vergossen wird.
25 Ja, ich sage euch: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu jenem Tag, an dem ich sie in der *Welt Gottes neu trinken werde.«
26Am Schluss des Pessachmahls priesen sie Gott mit
einem Lied.

Deinen Tod verkünden wir,
dass er nicht vergessen werde-
und kein gewaltsamer Tod
Deine Auferstehung preisen wir,
dass wir sie immer wieder erinnern –
und jeden Aufstand des Lebens.

Licht, Du und Leib
Uns Zuflucht und Versteck,
Lass uns dich ehren
Auch durch unseren Leib.
Lass uns deine Freundlichkeit austeilen
Und deine Nähe weiterschenken
Dein Reich
Und seine Gerechtigkeit komme –
Auch durch uns.

Dein Tisch führt uns zusammen
Als Gesunde und Kranke,
verliebte und Trauernde
als Zeitliche und Ewige
Wir brauchen Dich,
und ein wenig Mut, und einen Funken Hoffnung.

Deine heilige Geistkraft lass in uns atmen
erneuere durch sie unser Leben.
Segne diese Gaben,
das Brot des Lebens
und den Kelch des Heils.

Amen.

Unser Vater

Gemeinsam beten wir:      

Unser Vater im Himmel
Geheiligt werde Dein Name
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute
Und vergib uns unsere Schuld
Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern
Und führe uns nicht in versuchung
Sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit

Amen

Austeilung:

Ich lade Sie ein in einem grossen Kreis nach vorne zu kommen. Wir bringen ihnen Brot, von dem sie weitergeben können und Wein und Traubensaft.

Und nun kommt, denn es ist alles bereit!
Schmecket und sehet wie freundlich unser Gott ist.
Wohl dem, der auf ihn traut.

Nehmt und esst vom Brot des Lebens
Nehmt und trinkt aus dem Becher des Heils.

Gott hat uns viel Gutes getan, er hat uns ernährt und unsere Herzen mit Freude erfüllt (APG)

Gehet hin im Frieden.

Dankgebet:

Wir danken Dir,
dass wir essen und trinken konnten,
das uns nährt und lebendig macht.
und uns bestärkt in unserem alltäglichen Tun
und im Leuchten der Hoffnung.
Gib, dass wir, gestärkt, über das hinausdenken, was denkbar
Und über das hinauswünschen, was wünschbar ist.
Dass wir aufstehen, uns aufmachen
Und aufs ganze Leben uns einlassen.

Amen

Mitteilungen:

Urs: Wer einen Stern gekauft hat, soll ihn nachher auch wieder abhängen und mitnehmen.

Herzlichen Dank an Dorothee, Martin, Eva, Marie-Louise, Monika

Lied Bewahre uns Gott… (346)

Segen

Gott segne Euch und behüte Euch
Sie lasse ihr Angesicht über Euch leuchten und sei Euch gnädig
Er erhebe sein Angesicht auf Euch und gebe Euch Frieden.

Amen

Musik ab CD


Die Lesung erfolgte aus:

„Der Sternenverkäufer: Geschichten, die erzählen, wie alles gut wurde“ von Alexander Kostinskij.
Taschenbuch: 127 Seiten
Verlag: Herder, Freiburg; Auflage: 1 (2004)
ISBN: 978-3451054747

Predigt zu Weihnachten 2022

Liebe Geschwister

Im Zentrum dieses Gottesdienstes steht die Gestalt und Geschichte Josephs, von der wir einen Ausschnitt gehört haben.

Joseph unterscheidet sich von seinen Brüdern durch sein Wesen und durch seine Kleidung. Kleider schützen vor Wind, Sonne und Kälte. Nackt und bloss gehen müssen, heisst schutzlos sein. Zur Zeit des Ersten Testaments war das Grundschnittmuster ein Hemdgewand, mit Kopföffnung. Mit Ärmel war es vornehmer, da weitgehende Körperbedeckung auf hohe Stellung und soziale Anerkennung schliessen liess. 

Joseph ist ein Träumer. Er lebt in der Sternenwelt. Joseph unterscheidet sich von seinen Brüdern, das nimmt auch sein Vater wahr. Jakob liebt und anerkennt das besondere Wesen von Joseph, er macht ihm ein passendes Kleid. Im Text, den wir gehört haben, steht ein «langärmliges» Kleid. In anderen Übersetzungen ist von einem «bunten Rock» die Rede. Joseph scheint schöne Kleider zu mögen. Ein Träumer, der Wert auf attraktive Kleidung legt, das sind Hinweise, dass Joseph kein typischer Mann in der patriarchalen Gesellschaft seiner Zeit war. Joseph trägt «weiblichere» Züge als die meisten Männer seiner Zeit im vorderen Orient.

Schaut man sich den hebräischen Ausdruck für Josephs Kleid an, bekommt diese Aussage aber noch eine ganz andere Bedeutung: Das Kleid Josephs wird mit dem Ausdruck «Kethoneth passim» beschrieben. An anderer Stelle im ersten Testament wird mit diesem Ausdruck ein  Gewand bezeichnet, das unverheiratete Königstöchter tragen. Joseph trägt also ein Prinzessinnenkleid. Joseph trägt also nicht nur weiblichere Züge, er ist ein Cross dresser, ja vielleicht sogar eine Transperson, vielleicht non binär.

 Joseph schaut in den Himmel und sieht sich zwischen den Gestirnen, nicht nur ihnen gleich, sondern sogar in deren Mittelpunkt. Joseph ist 17, und in diesem Alter kommt es oft vor, dass Menschen den Eindruck haben, die Welt drehe sich um sie. Für diese Egozentrizität wurde er zu Recht getadelt, auch von seinem Vater. Doch Josephs Sternentraum ist nicht nur der Ausdruck eines übersteigerten Egos.  Sich als Stern unter Sternen zu sehen zeigt Joseph als Menschen mit einem weiten und fantasievollen Horizont. Er träumt von einer andern Welt, einer Welt voller Sternen und Möglichkeiten.

 Sein Traum in den Sternen zu leben, ihnen gleich zu sein, mit ihnen zu tanzen, kann auch uns inspirieren: Vor allem Menschen, deren Geschlecht oder deren Sexualität nicht in der Norm aufgehen. «Gender is a universe, and we are all stars», ist ein geflügeltes Wort, das in queeren Kreisen oft benutzt wird. Wenn man diesen Satz googelt, erscheinen viele Hinweise auf Blogs, Posters und künstlerische Beiträge. Auch mich spricht dieser Satz an, er ist ein schönes Bild für die Welt und Gesellschaft der Vielfalt, von der ich träume. So kann ich, und hoffentlich viele von uns, beim biblischen Joseph anknüpfen.

Die Josephsgeschichte geht weiter: Er wird von seinen Brüdern gehasst. Sie wollen ihn zunächst töten, dann verkaufen sie ihn statt dessen nach Ägypten. Sie sind eifersüchtig, sagt der Bibeltext, den wir gehört haben, wohl nicht ganz zu unrecht. Doch reicht Eifersucht aus, um das Handeln der Brüder zu erklären? Oder verstecken sich dahinter auch queerfeindliche Motive? Ausgeschlossen ist das nicht. Eine patriarchale Gesellschaft pflegt Vielfalt und Offenheit zu bekämpfen. Auch heute finden wir solche Feindschaft gegenüber Menschen, die der Norm nicht entsprechen. Speziell in religiösen Kreisen, die behaupten, ihre Quellen buchstabengetreu auszulegen. Diese Feindschaft führt oft zu Gewalt und grossem Leiden. Umso wichtigen ist es zu träumen: Von vielfältig tanzenden Sternen, die wir alle sind.

Im weiteren Verlauf der Geschichte entwickelt sich Joseph vom Träumer zu Traumdeuter. Er hilft Anderen, Träume konkret werden zu lassen, sie in Handeln zu übersetzen. Darum geht es auch für uns. 

Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass wir das schöne Bild von den Sternen verkörpern, dass es konkrete Realität ist, hier und jetzt. Weihnachten ist das Fest der Inkarnation, das Wort wird und ist Fleisch. Die Sterne tanzen nicht nur im Himmel, sondern wir mit all unseren verschiedenen Identitäten tragen zum Tanz des Lebens bei. Bei jeder Geburt fängt das Leben an zu tanzen, auch wenn sie schmerzhafte Angelegenheit ist.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf einem anderen Joseph zu sprechen kommen: Joseph, der Mann Marias. Auch er ist ein Mensch, der sich von Träumen leiten lässt. Seine Verlobte ist schwanger. In der damaligen Zeit war dies ein Grund, eine Frau nicht zu heiraten. Doch Joseph folgt dem Engel, der ihm im Traum erscheint, handelt entgegen der Konvention und steht zu Maria. Zeigt sich auch in ihm eine andere Männlichkeit? Auf jeden Fall folgt er nicht dem vorgegebenen patriarchalen Muster. 

Wir werden später ein traditionelles Weihnachtslied singen: «Joseph, lieber Joseph mein, hilf mir wiegen mein Kindelein». Und Joseph tut es gern, er beteiligt sich an der Zuwendung zum Kind und vielleicht/hoffentlich auch an seiner Pflege.  In diesem Wiegen ist ein Stück Himmelreich gegenwärtig.

Wenn wir dieses Wiegenlied singen werden, können wir uns bewusst sein, dass wir alle unsere Träume mitbringen in diese Welt, Träume wie Sterne, die leuchten und tanzen. Und wir sind auf Menschen angewiesen, die uns wiegen, an uns glauben, uns schön finden. (Diese Geburtlichkeit von der Hannah Arendt schreibt, verbindet uns.) Wir sind alle Geschwister.

Ich lade euch ein, dieses Lied «wiegend» zu singen, unseren Körper sanft im wiegenden Rhythmus zu bewegen, und uns so in den «Tanz des Lebens» einzuschwingen.  Jede einzelne einzigartige Person wiegt sich im grossen Rhythmus, der uns alle verbindet und uns erinnert, dass wir alle Sterne sind.

Predigt gehalten von Elisha, im Gottesdienst “Sternenhimmel – Ciel étoilé” am 25. Dezember 2022 im Wyttenbachhaus, Biel/Bienne.

Abendmahl

Wir haben hier Abendmahlsgebete ausserhalb der Liturgiesammlung zusammengefasst.

Einleitung zur Agape

Alles mit allen zu teilen,
hat er sein Leben brechen lassen – Tag für Tag,
und so hat er Brot gebrochen an jenem späten Abend
vor langer Zeit, ein Zeichen der Liebe
und ein Wort der Treue, das immer bei uns bleibt
und das wir nicht vergessen können.

So brechen wir sein Brot auch weiter,
auf dass wachsen möge Liebe zueinander,
Hoffnung auf das Bessere,
das in Menschen wohnen kann,
Glaube, dass die Zukunft mehr Möglichkeiten bereithält
dort, wo wir zusammen bauen lernen
an einer Welt von Recht und Frieden,
wo ein Geist der Güte wächst:
Auf dass jeder bei jedem zu Haus sein möge.
Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen.

Gehalten:
«Geht! Zeigt euch!» – Offene queere Feier zum Coming-out-Day
Agapefeier in ökumenischer Offenheit
Arbeitskreis Regenbogenpastoral Bistum Basel – Pastoralraum Biel-Pieterlen
Kirche Bruder Klaus Biel/Bienne – Sonntag, 9. Oktober 2022.


Die Segnung des Brotes

1. Stimme
Im Anfang war Gott,
Im Anfang die Quelle von allem, was ist,
Im Anfang die Sehnsucht: Gott.
Gott – die Stöhnende,
Gott – die in Wehen liegende,
Gott – die Gebährende,
Gott . die Jubelnde,
Gott, voller Liebe für ihr Geschöpf,
sprach: Es ist gut!

2. Stimme
Dann hielt Gott zärtlich die Erde im Arm,
wissend, dass alles Gute geteilt sein will.
Gott sehnte sich nach Verbundenheit.
Gott wollte die gute Erde teilen mit anderen,
und die Menschheit ward geboren aus Gottes Verlangen.
Wir wurden ins Leben gerufen, die Erde zu teilen.
In der Erde war Samen,
im Samen war Korn,
im Korn war Ernte,
in der Ernte war Brot,
im Brot war Kraft.

3. Stimme
Und Gott sprach:”Alle sollen von der Ernte essen.
Alle sollen vom Samen essen,
alle sollen vom Korn essen,
alle sollen vom Brot essen,
alle sollen von der Kraft leben.”
Gott sprach: “Ihr seid mein Volk.
Meine Freundinnen, meine Freunde,
meine Geliebten,
meine Schwestern, meine Brüder.
Ihr sollt alle essen vom Brot
und von seiner Kraft leben.
Alle sollen essen und leben.”

4. Stimme
Und dann nahm Gott all ihren Mut in Liebe zusammen und sagte:
“Es werde Brot!”
Und Gottes Schwestern, ihre Freundinnen und Freunde
knieten sich auf die Erde hin,
pflanzten den Samen, beteten um Regen,
sangen Lieder auf das Korn,
brachten die Ernte ein,
droschen das Korn mahlten das Mehl,
kneteten den Teig, machten das Feuer an,
und die Luft füllte sich mit dem Duft frischen Brotes.
Und es ward Brot!
Und es war gut.

5. Stimme
Wir, Gottes Schwestern und Brüder, sagen heute:
Alle sollen vom Brot essen
und von der Kraft leben.
Wir sagen heute:
Alle sollen Kraft haben und Brot.
Heute sagen wir:
Es soll Brot geben und Kraft!
Wir wollen vom Brot essen
und aus der Kraft leben.

Carter Heyward, New York 1984


Wir brechen das Brot

Anlehnend an die Liturgie der ersten europäischen City-Kirche, St. James’s in London brechen wir nun dieses Brot in Verbindung mit allen Menschen.

Dieses Brot ist gebrochen zur Ehre all derer, die Gott lieben – für unsere Schwestern und Brüder, die den Gott der Hindus verehren und dem Weg Buddhas folgen, für unsere Schwestern und Brüder im Islam und für das jüdische Volk, aus dem wir erwachsen sind. Wir beten, dass wir eines Tages in Frieden und gegenseitigem Respekt zusammenleben können.

Dieses Brot ist gebrochen zur Ehre aller Lesben und Schwulen, ( auch denjenigen, ) denen es nicht möglich ist in einer Kirche zu sein und das Brot der Gemeinschaft zu teilen. Wir verbinden uns mit ihren vergewaltigten und enttäuschten Gefühlen. Wir beten, dass die Lebenserfahrungen von Lesben und Schwulen sichtbar gemacht werden, auch in den Kirchen, denn sie sind fruchtbringende Geschöpfe Gottes.

Dieses Brot ist gebrochen für die Zerbrochenen und Enteigneten und für alle jene, die kein Brot haben. Damit eines Tages diese Erde ein Zuhause ist für alle Menschen, ein Zimmer in der Herberge für alle.

Dieses Brot ist gebrochen zur Ehre der grünen, blauen Erde und aller Elemente, Wasser, Feuer und Luft, die sie umgeben und erhalten. Mutter Erde, verachtet, geplündert und vergewaltigt durch unsere Gier, aber immer noch lebendig und grün. Wir beten, dass die Wunden eines Tages nicht mehr sein werden.

Dieses Brot ist gebrochen zur Ehre der Gebrochenheit von uns allen:
Das Kind in uns, gebrochen durch Gewalt und Kälte
Der Erwachsene in uns, gebrochen durch Einsamkeit und Versagen
unsere Gesundheit, gebrochen durch Krankheit oder Verlust
Allen hier sei Ehre und Segen,
Wärme und Fülle des Lebens

Amen

Gedichte

Die meisten Gedichte waren Teil der “liturgischen Texte”, das muss aber keine Einschränkung sein.

v-e-r-l-a-s-s-e-n

der sich ganz auf gott verliess
hängt am holz von gott verlassen
der die gnade ist
schreit im schmerz
der gnaden-los
der für liebe stritt
stirbt von hass durchbohrt

Kurt Marti

immerwährende kreuzigung

dogmen machen ihn dingfest
herrschaft legt ihn aufs kreuz
begriffe nageln ihn fest
kirchen hissen ihn hoch

Kurt Marti

Schöpfung

Im Anfang war Gott,
im Anfang die Quelle von allem, was ist,
im Anfang die Sehnsucht: Gott.
Gott – die stöhnende,
Gott – die in Wehen liegende,
Gott – die gebärende,
Gott – die jubelnde,
Gott, voller Liebe für ihr Geschöpf,
sprach: Es ist gut
Dann hielt Gott zärtlich die Erde im Arm,
wissend, dass alles Gute geteilt sein will.
Gott sehnte sich nach Verbundenheit.
Gott wollte die gute Erde teilen mit andern,
und die Menschheit ward geboren aus Gottes Verlangen.
Wir wurden geboren, die Erde zu teilen.

Carter Heyward

Paradies

Das Paradies ist Liebe. Jeder Liebende war für kurze Augenblicke im Paradies. Wer aber in der Liebe Gottes lebt, der lebt immer dort. Auch die menschliche Liebe ist ein schwacher Schimmer der Ewigkeit. Man sieht undeutlich die Ewigkeit durch die Flüchtigkeit hindurchscheinen.

Ernesto Cardenal

Engel

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,
die Engel.
Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein,
oft sind sie alt und hässlich und klein,
die Engel.

Sie haben kein Schwert, kein weisses Gewand,
die Engel.

Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand,
oder er wohnt neben dir, Wand an Wand,
der Engel.

Dem Hungernden hat er das Brot gebracht,
der Engel.

Dem Kranken hat er das Bett gemacht,
er hört, wenn du ihn rufst, in der Nacht,
der Engel.

Er steht im Weg, und er sagt: Nein,
der Engel,

gross wie ein Pfahl und hart wie ein Stein –
es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,
die Engel.

Rudolf Otto Wiemer

Die Liebe

Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig.
Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf.
Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach.
Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit.
Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.
Die Liebe hört niemals auf.

1. Kor 13:4-8

Washington for christ

Gerade als wir losfuhren
um vor dem weißen haus mit ein paar tausend leuten
gegen die rüstung zu sprechen
sagte der lautsprecher an der station
daß einhunderttausend leute erwartet werden
die washington für christus retten wollen
die kinder vor homosexuellen lehrern schützen möchten
und junge frauen vor entscheidungen über ihr eigenes leben

Wir waren nur siebzehntausend
kein lautsprecher nahm notiz von uns
wir wollten nur über die kinder in den ghettos reden
deren lehrer gefeuert werden
bis die schulen funktionieren wie gefängnisse
wir wollten über die reden die im gefängnis landen
oder in der armee
und über die arbeitsplätze
die eine friedliche wirtschaft herstellt
wir waren wenige und es goß in strömen
den ganzen tag

Wir müssen den niedergang der moral aufhalten
sagte einer ihrer führer
und den des militärs

Als wir nach hause gingen
sagte ein genosse zu mir
mach dir nichts draus washington ist nicht für christus
und wenn sie noch mehr radiostationen kaufen
und die menschen erziehen
sich selber zu hassen und andere

Aber christus sag ich zu ihm
stirbt gerade hier in washington

Dorothee Sölle 1981

Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag

Zweitausend Jahre sind es fast,
seit du die Welt verlassen hast,
du Opferlamm des Lebens!
Du gabst den Armen ihren Gott.
Du littest durch der Reichen Spott.
Du tatest es vergebens!

Du sahst Gewalt und Polizei.
Du wolltest alle Menschen frei
und Frieden auf der Erde.
Du wusstest, wie das Elend tut
und wolltest alle Menschen gut,
damit es schöner werde!

Du warst ein Revolutionär
und machtest dir das Leben schwer
mit Schiebern und Gelehrten.
Du hast die Freiheit stets beschützt
und doch den Menschen nichts genützt.
Du kamst an die Verkehrten!

Du kämpftest tapfer gegen sie
und gegen Staat und Industrie
und die gesamte Meute.
Bis man an dir, weil nichts verfing,
Justizmord, kurzerhand, beging.
Es war genau wie heute.

Die Menschen werden nicht gescheit.
Am wenigsten die Christenheit,
trotz allem Händefalten.
Du hattest sie vergeblich lieb.
Du starbst umsonst.
Und alles blieb beim alten.

Erich Kästner

Bedeutung

Mein Vater frage mich: «Bist du schwul?»
– «Spielt das eine Rolle?»
Er sagte «Nein, spielt keine Rolle».
– «Ja, ich bins.»
«Weg mit dir aus meinem Leben», rief er.
Ja, es spielte eine Rolle.

Mein Chef fragte mich: «Bist du schwul?»
– «Hätte das eine Bedeutung?»
«Ehrlich gesagt, nein» sagte er.
Daraufhin bejahte ich.
«Weg von hier», rief er.
Ich glaube, es hatte eine Bedeutung.

Ein Freund fragte mich, ob ich schwul sei.
– «Ist das wichtig?»
«In keinster Weise», antwortete er.
Vertrauend offenbarte ich mich also.
«Nenne mich ja nicht ‘Dein Freund’», schrie er.
Ja, es war wichtig.

Mein Liebhaber fragt mich «Liebst du mich?»
– «Bedeutet das etwas?»
«Es bedeutet sehr viel», antwortete er.
«Ja, ich liebe Dich.»
Er nahm mich fest in die Arme.
Zum ersten Mal in seinem Leben
war ihm etwas wirklich von Bedeutung.

Gott fragte mich:
– «Magst du dich selbst?»
«Spielt das vielleicht eine Rolle?», fragte ich.
Gott sagte «Ja, sicher!»
– «Wie könnte ich mich selber gernhaben, da ich schwul bin?»
Und Gott antwortete mir: «Ich habe dich so gemacht.»
Von da an gab’s nichts mehr, was mich gekümmert hätte.

anonym, bei “Step by Step Rhein-Ruhr” gefunden

Maria – Mutter des Wortes

maria
du mutter des wortes
du hast das unerhörte wort gehört
du hast es empfangen
du hast das wort
mit deinem herzblut genährt
du hast mit dem wort
in wehen gelegen
du hast das wort ausgetragen
du hast das wort geboren

maria
du mutter des wortes
du hast das unerhörte wort gehört
du hast das wort gedreht und gewendet
du hast es gewogen
du hast es erwogen
du hast es keimen lassen
du hast es wachsen lassen
du hast es ruhen lassen
umgeben mit einer mauer
des glaubens
des hoffens
und der liebe
du hast es durchgetragen
das schwere wort
das untragbare wort
du hast gewartet
bis es aufging
das wort

maria
mutter des wortes
du hast das wort
das am anfang bei gott war
gehört
das erste wort
das letzte wort
du hast das wort am anfang gehört
als das wort
dich maria
mutter nannte
du hast dem wort auf die beine geholfen
du hast es aus den windeln genommen
du hast es entwickelt

maria
mutter des wortes
du hast für das wort
kaum ein ohr gefunden
du standest mit dem wort
auf der strasse
du warst mit dem wort rechtlos
du warst mit dem wort auf der flucht
das wort war dein kind
maria
mutter de wortes
du hingst an dem wort
das wort hing an dir
das menschlichste aller worte
das göttlichste aller worte
das wort
ist dein kind
maria
mutter des wortes

Wilhelm Willms

Der heilige Geist ist ein bunter Vogel

der heilige geist
er ist nicht schwarz
er ist nicht blau
er ist nicht rot
er ist nicht gelb
er ist nicht weiss

der heilige geist ist ein bunter vogel

er ist da
wo einer den anderen trägt
der heilige geist ist da
wo die welt bunt ist
wo das denken bunt ist
wo das denken und reden und leben
gut ist
der heilige geist lässt sich nicht
einsperren
in katholische käfige
nicht in evangelische käfige
der heilige geist ist auch
kein papagei
der nachplappert
was ihm vorgekaut wird
auch keine dogmatische walze
die alles platt walzt
der heilige geist
ist spontan
er ist bunt
sehr bunt
und er duldet keine uniformen
er liebt die phantasie
er lebt das unberechenbare
er ist selber unberechenbar

Wilhelm Willms

Predigt zu Lukas 18

Lukas 18:1-8 1 Jesus erzählte den Jüngerinnen und Jüngern ein Gleichnis dafür, wie notwendig es ist, allezeit zu beten und nicht müde zu werden. 2 Er sagte: »In einer Stadt lebte ein Richter, der weder theos/Gott phobos/fürchtete noch einen Menschen achtete. 3 Auch eine Witwe lebte in jener Stadt; die kam immer wieder zu ihm und sagte: ›Verschaffe mir dikaiosyne/Recht gegenüber meinem Gegner‹ ! 4 Eine Zeit lang wollte der Richter nicht. Dann aber sagte er sich: ›Wenn ich auch Gott nicht fürchte und keinen Menschen achte, 5 werde ich doch dieser Witwe Recht verschaffen, weil sie mich belästigt; sonst kommt sie noch am Ende und schlägt mich ins Gesicht.‹6 Da sagte kyrios/Jesus: »Hört, was der ungerechte Richter sagt. 7 Aber Gott sollte den Auserwählten, die Tag und Nacht zu Gott schreien, kein Recht schaffen und für sie keinen langen Atem haben? 8 Ich sage euch: Gott wird ihnen Recht schaffen in kurzer Zeit!

Predigt zu Lukas 18 weiterlesen

Predigt zu Lukas 17 (COD 2022)

Evangelium (Lukas 17,11-19)

Aus dem Evangelium, wie es Lukas erzählt hat

11Während der Wanderung nach Jerusalem durchquerte Jesus das Grenzgebiet von Samaria und Galiläa. 12Beim Eingang eines Dorfes kamen ihm zehn Männer entgegen, die an Aussatz erkrankt waren. Diese blieben in der Ferne stehen 13und riefen laut: »Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!«

14Und Jesus sah sie und sagte zu ihnen: »Geht und zeigt euch den Priestern.« Und, während sie fortgingen, geschah es: Sie wurden rein.

15Einer von ihnen kehrte zurück, als er sah, dass er geheilt war, und lobte Gott mit lauter Stimme, 16fiel auf sein Angesicht vor Jesu Füsse und dankte ihm.

Er war ein Samaritaner.

17Jesus antwortete und sagte: »Sind nicht zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? 18Waren sie nicht bereit, umzukehren und Gott die Ehre zu geben, ausser diesem, der aus einem anderen Volk kommt?«

19Und Jesus sprach zu ihm: »Richte dich auf und geh! Deine Glaubensstärke hat dich gerettet.«

Predigt

Liebe Menschen, queere und nicht queere …

Am 11. Oktober ist «Coming out day». «Coming out» kann man mit «sich zeigen» übersetzen. Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben oder sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, sollen durch diesen Aktionstag Mut bekommen, sichtbar zu werden, sich zu zeigen.

Als ich das vorliegende Evangelium auf seinen Zusammenhang mit dem Coming out day hin befragte, fühlte ich mich einerseits positiv angesprochen, andererseits bin ich auch erschrocken.

Was mich betroffen macht: Auf dem Hintergrund einer queerfeindlichen Einstellung kann die «Heilung», von welcher im Evangelium die Rede ist, auf fatale Weise missgedeutet werden. In religiösen Kreisen, welche sich buchstabengetreu auf die Bibel und das Christentum beziehen, gibt es die unsägliche Praxis, Queersein als Krankheit zu betrachten, die weggebetet oder wegtherapiert werden kann,

Psychiatrie und Psychotherapie sind sich heute über die folgenschwere Wirkung solcher «Heilungsversuche» einig, sie sind falsch und unwissenschaftlich. Konversionstherapien können Menschen aus der LGBT-Communitiy unglaublich schaden. Meistens ist das Resultat einer solch fragwürdigen Praxis traumatisierend, häufige Folgen sind Depression und Suizid. Diejenigen, die solch fragwürdige Heilungen vornehmen, stehen Menschen aus dem LGBTIQ-Spektrum feindlich gegenüber, sie lehnen queere Menschen ab und sehen in ihnen «Sünder», die bekehrt werden müssen. Sie machen Queere zu Aussätzigen. Im Schweizer Parlament wird zurzeit ein Gesetz diskutiert, das die «Heilung» von Homosexualität verbietet. In anderen Ländern gibt es bereits ein solches Verbot.

Ich möchte den Blickwinkel drehen und dieses Evangelium positiv auf den Coming out day beziehen: Jesus sagt: «Geht, zeigt euch!» Als die Aussätzigen dieser Forderung nachkommen und aufbrechen, geschieht Heilung. Diese Gleichzeitigkeit ist es, die mich an diesem Evangelium fasziniert.

«Geht, zeigt euch», sagt Jesus zu «Aussätzigen». Er spricht zu Menschen, die sich nicht zeigen durften, die von der Gesellschaft ausgeschlossen wurden. Die Aussätzigen im Evangelium mussten sich am Rand der Gesellschaft bewegen. Aussätzige wurden ausgegrenzt, queere Menschen in Kirche und teilweise auch in der Gesellschaft erleben dies ebenso.

Dass es heilsam ist sich zu zeigen, kenne ich aus meiner eigenen Lebensgeschichte: Als ich erkannte und öffentlich sagte, dass ich nicht-binär bin, dass mein Geschlecht sich fliessend zwischen Mann und Frau bewegt, erlebte ich eine grosse Befreiung. Ich konnte endlich «Ich» sein. Das diffuse Unbehagen, das vorher keine Sprache hatte, war nun sicht- und benennbar. Ich war in diesem Prozess auch angewiesen auf Menschen, die den Weg vor mir gegangen waren, und auf Menschen, welche mir akzeptierend begegneten.

Die Theologin Dorothee Sölle hat einmal geschrieben, «Jesus war ein Mensch, der es wagte ich zu sagen». In diesem Mut zur eigenen Wahrheit kann er uns Vorbild sein. Die Begegnung mit Menschen, die sich nicht an der Norm orientieren, die ihre Wahrheit leben, kann befreiend wirken. Sie können als Beispiel dienen und Mut machen Authentizität zu wagen. Jesus ist sich selber, die Wahrhaftigkeit seiner Person ist das Heilende, das sich in der Begegnung mit ihm ereignet.

Die Begegnung mit Jesus ist ein auch ein ermutigendes Zeichen, weil Jesus und die Bewegung, die hinter ihm steht, sich auf die Begegnung mit ausgegrenzten Menschen einlassen. Diejenigen, welche sich heute auf Jesus berufen und in seiner Nachfolge stehen, handeln oft sehr anders, besonders wenn es um Menschen aus der LGBT-Community geht: Vor acht Monaten lief im Deutschen Fernsehen eine Sendung, in der queere Menschen beschrieben, wie sie durch die katholische Kirche ausgegrenzt wurden. Coming out kann zu Diskriminierung mit handfesten Folgen führen. Sich zeigen und entsprechend der eigenen sexuellen Ausrichtung oder Geschlechtsidentität leben zu können ist ein schützenswertes Grundrecht. Menschen die Sichtbarkeit verweigern kann verletzen und krank machen. Sie ist ein grosses Unrecht.

Jenseits von Faszination und Betroffenheit stellt sich mir die Frage, ob nicht auch diejenigen, die queeren Menschen ablehnend gegenüberstehen, Heilung nötig haben. Der Ausschluss der Aussätzigen zu Zeiten Jesu hatte einen nachvollziehbaren Grund: Die Angst vor Ansteckung war real. Hingegen geht von Menschen aus der LGBT-Community keine wirkliche Gefahr aus. Ihr Ausschluss ist irrational.

Ich möchte es zuspitzen: Institutionen, die Menschen aus irrationalen Gründen ausschliessen, ihnen Krankheit zuschreiben und so «Aussätzige» produzieren, bedürfen selber der Heilung. Diejenigen, welche Andere so ausgrenzen, ertragen Offenheit und Vielfalt nicht, sie haben Angst. Sie versuchen sich abzusichern, indem sie Menschen, die der «Norm» nicht entsprechen, ausschliessen und im schlimmsten Fall zu Feinden fantasieren.

Queere Menschen stellen das herrschende Geschlechter-, Menschen- und Selbstbild in Frage, sie können verunsichern. Begegnung mit Menschen, die ausserhalb der bekannten Norm daherkommen, ist ein Ruf sich auf Fragen einzulassen. Dazu braucht es Vertrauen und Offenheit für das Leben, wie Jesus es vorlebt.

Im Evangelium müssen sich die Aussätzigen «den Priestern» zeigen.  Auch dies lässt sich auf die Gegenwart beziehen: Eine «priesterliche Institution», die sich in der Nachfolge Jesu sieht, darf Menschen nicht zu «Aussätzigen» machen, sondern muss vertrauend Begegnung wagen. So sind die christlichen Kirchen aufgerufen, sich an die Geistkraft ihres Ursprungs zu erinnern und von daher den Umgang mit Menschen aus der LGBT-Comunity zu gestalten: Das heisst, sie ermutigend willkommen heissen, ihnen ermöglichen sich zu zeigen, sodass sie sich getragen wissen.

Heutzutage gibt es mehr Akzeptanz als früher, es ist wichtig, dies bei aller noch herrschenden Diskriminierung dankbar wahrzunehmen. Ein Zeichen dafür ist dieser Gottesdienst.  Ich danke allen Nichtqueeren, welche an diesem Gottesdienst teilnehmen. Ihr übernehmt die Rolle, die im Evangelium den Priestern zukommt.

Zum Schluss möchte ich den Blick weiten: Das Gesagte gilt nicht nur für queere Menschen in ihrem Verhältnis zur Kirche, sondern für die ganze Gesellschaft. Wir sind alle Angewiesene, wir leben nicht nur für uns und durch uns. Umgekehrt haben wir alle die Möglichkeit, Anerkennung zu gewähren oder zu verweigern. Wenn wir im Vertrauen Begegnung wagen, können wir heilsam wirken.

Dies ist ein Gottesdienst im Zeichen des Regenbogens. Er wird mit der LGBT-Community verbunden. Regenbogen ist auch ein Friedenssymbol. Es steht für Vielfalt, für Begegnung von unterschiedlichen Menschen. Frieden gründet auf Dialog, auch mit Menschen, die uns befremden. «Der Mensch wird am Du zum Ich», sagt Martin Buber.

Autoritäre Menschen und Systeme bekämpfen solche Prozesse. Sie verneinen die Vielfalt. Sich zu zeigen als die, welche wir sind und so Begegnung wagen, braucht Mut. Ich verstehe Coming out auch als politischen Akt. Sich zeigen, begegnen und Diversität aushalten ist friedensfördernd, nicht nur für Queere.

In diesem Sinn hoffe ich auf ein Coming out für alle, nicht nur nächsten Dienstag, sondern immer wieder. Wenn wir uns der Begegnung mit Andern aussetzen, stehen wir in der Nachfolge Jesu.

Gehalten am 9. Oktober 2022 von Elisha in der Kirche Bruder Klaus in Biel

Regenbogen-Feier vom 9.1.2022

Predigttext

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas
Ehre sei dir, o Herr!

Und Maria gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen. Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht. Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.

Regenbogen-Feier vom 9.1.2022 weiterlesen