Die Sünde hassen – den Sünder lieben?

Eine Predigt von Manuela Bünger.

Nach einem Text von Valeria Hinck (Zwischenraum)

Liebe Gemeinde,

vor einiger Zeit telefonierte ich mit einem etwas älteren Diakon; wir sprachen über verschiedene Probleme in der Christenheit, über den Einfluss des Zeitgeistes, über sich daraus ergebende seelsorgerliche Konflikte; am Schluss gab er mir dann den folgenden sicherlich gut gemeinten Rat mit auf den Weg: “Als Christ sollst die Sünde hassen, den Sünder aber lieben.”

“Die Sünde hassen – den Sünder lieben” Dieser Satz war mir nicht unbekannt. Ich habe ihn oft schon in unseren christlichen Kreisen, in unserer Gemeinde gehört, und ihn eigentlich bis zu diesem Gespräch – wohl eher unreflektiert – bejaht. Auf den ersten Blick scheint das Motto vom Hass auf die Sünde und von der Liebe zum Sünder ja eine geniale Kurzfassung der biblischen Botschaft vom heiligen und doch barmherzigen Gott zu sein. Für viele ist es sozusagen das Evangelium in einem Satz. Wann immer es darum geht, wie man sich als Christ gegenüber diversen Problemen und Personen verhalten soll, wird diese Formel zur Sprache gebracht. “Die Sünde hassen – den Sünder lieben”

Je mehr ich mich mit dieser Aussage auseinander setze, desto grössere Zweifel kommen mir allerdings daran, dass darin wirklich Evangelium steckt. Ich frage mich sogar, ob die christliche Gemeinde nicht in ihrem Bemühen, Position zu beziehen in den “Strömungen des Zeitgeistes”, die sie so fürchtet, womöglich gerade droht, ihre wesentliche Rolle in der Nachfolge Jesu Christi zu verlassen?

Zunächst einmal halte ich diesen Satz für sophistisch. Er klingt zwar irgendwie griffig. Aber ist das im praktischen Leben überhaupt möglich? Wie will ich in meinem Verhalten einem Menschen konkret und unmissverständlich klarmachen, dass ich ihn selbst liebe, seine Sünde aber hasse? Lassen Sie mich dies einmal an einem vielleicht etwas harmloseren Beispiel verdeutlichen. Stellen Sie sich vor, sie haben einen Nachbarn, der den Sonntag zum Wochentag macht: Er wäscht sein Auto, harkt im Garten, streicht seine Eingangstür, hängt die Wäsche auf. Und sie beobachten das eine ganze Weile. Sonntag für Sonntag. Irgendwann stört es sie und sie erinnern sich natürlich auch an die Zehn Gebote und das Gebot der “Feiertagsheiligung”. So beschliessen sie eines Tages ihren Nachbarn auf den Verstoss gegen eben dasselbe aufmerksam zu machen. Mit zielsicherem Schritt gehen sie auf sein Gartentor zu, das Gesetz steht ja auf ihrer Seite, und schleudern ihrem vom Blumenbeet aufschauenden Nachbarn den Satz zu: “Hey, wissen sie eigentlich, dass sie Sonntag für Sonntag gegen das Gebot der Feiertagsheiligung verstossen. Die Bibel nennt das eindeutig Sünde. Ich wollte ihnen das nur einmal in aller Freundlichkeit sagen, denn ich mag sie, sie sind mir ein ganz wichtiger Nachbar.” Man braucht es sich nicht gross auszumalen, wie wohl dieses Nachbarschaftsverhältnis in Zukunft aussehen wird.

Nun war das ein noch etwas einfacheres Beispiel und wie schwer ist es erst bei eindeutig moralischen oder sexuellen Delikten. Die Sünde hassen – den Sünder lieben. Ein strapazierter Leitspruch. Denken wir sorgfältig darüber nach, bevor wir so etwas sagen. Denn egal, was wir damit meinen mögen, die beiden Worte, die dabei unüberhörbar sind, lauten Hass und Sünde. Es gibt eine ganze Menge Sünde in meinem Leben, die hassenswert ist. Aber wenn Sie mir sagen, wie sehr Sie meine Sünde hassen – was sich da gehasst fühlt, das bin ich selbst.

Die Wahrheit ist doch – ich wüsste gar nicht, wie ich die Sünde vom Sünder trennen sollte. Sie etwa? Es ist eine traurige Regel, dass diejenigen, die die Position der Hassenden einnehmen, dies überhaupt nicht merken oder als Ausdruck des Selbstmitleids abtun. Erst, wenn Menschen an irgend einem Punkt in ihrem Leben aus dem herausfallen, was als Gebot und Regel angesehen wird, erst wenn sie am eigenen Leib erfahren, welche Ausgrenzung in dieser merkwürdigen Form der Hass-Liebe liegt, wie schmerzhaft und wie wenig hilfreich sie ist, mag ein Umdenken einsetzen.

Ein zweite Frage ist mir allerdings noch wichtiger: Ist dieser Satz “Die Sünde hassen – den Sünder lieben” überhaupt biblisch? Was vermittelt uns die Bibel in diesem Zusammenhang eigentlich? Natürlich finden wir dort die Ablehnung sündhaften Verhaltens, durchaus auch in drastischen Worten im Neuen wie im Alten Testament. Von Gräuel ist z.B. die Rede, vom Abscheu Gottes. Wir lesen von tödlichen Strafgerichten oder dem Zorn Gottes, der allerdings immer wieder die geradezu skandalöse Tendenz aufweist, “nur einen Augenblick” (Jes. 54, 8) über den Menschen auf Erden zu währen, und dann einem unvernünftigen Erbarmen Platz zu machen. Die Heiligkeit Gottes steht nicht zur Diskussion, auch nicht, dass wir Menschen unser Verhalten vor ihm verantworten müssen. Freilich, auch da wird es ein Staunen geben, über Letzte,
die unerwartet Erste sind…

Von einem lesen wir aber erstaunlich wenig – vom Hass Gottes auf irgendwen oder irgendetwas. Man muss schon eine Weile suchen, um Aussagen zu finden wie : “Dir sind alle verhasst, die nichtige Götzen verehren” (Psl. 31, 7) oder “Du liebst das Recht und hasst das Unrecht” (Hebr. 1, 9). Ansonsten scheint jedoch beim Blättern durch die Konkordanz das Hassen eher ein menschliches Privileg zu sein. Auch beim schärfsten Ausdruck des Vernichtungswillens gegenüber der Sünde, der Sintflut, lesen wir bezeichnenderweise nichts vom Hass Gottes auf die Menschen oder ihr Tun, sondern:
“Der Herr sah, dass die Schlechtigkeit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war. …und es tat seinem Herzen weh” (Gen. 6, 5.6) Die biblischen Autoren scheinen eher eine Scheu zu haben, von einem Hass Gottes zu reden. Vielleicht stünde es uns besser an, mit einer Wendung, mit der die Bibel selbst so behutsam und sparsam umgeht, weniger verschwenderisch aufzuwarten. Nun, es ist immer sehr hilfreich zu schauen, wie die Lehrer der Bibel ihre Lehrsätze selbst praktisch umsetzten, und wer könnte hier grössere Autorität besitzen als Jesus selbst? Am Ende seines Lebens sagte Jesus : “Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe” (Joh. 13, 15), und dies bezog er sicherlich nicht einzig auf die vorangegangene Fusswaschung beim Abendmahl. Er bezog es vielmehr auf den Umgang der Jünger untereinander. Hat Jesus uns in seinem Umgang mit Menschen, Jüngern und Nichtjüngern, vorgelebt, die Sünde an den geliebten Sündern zu hassen?

Hass ist sicher nicht das erste, was demjenigen in den Sinn kommt, der nach Jesus gefragt wird, und weiss er noch so wenig über ihn. War Jesus vielleicht ohnehin zu “weich”, um das Wort Hass in den Mund zu nehmen? Vielleicht fragen wir erst einmal: Worin äussert sich Hass? Unter anderem kann er sich in leidenschaftlich geführten, harten Worten oder Handlungen entladen. Diese hat Jesus nicht gescheut. Aber gegen wen richteten sie sich? Gegen die klassischen Sünden seiner Zeit? Gegen wiederholte sexuelle Verfehlungen? Gegen Korruption, Vaterlandsverrat, Kriminalität? Es befanden sich doch genügend Prostituierte und Zöllner in seiner Gesellschaft, um hierfür gehäuft Anlass zu bieten!

Lukas beginnt sein fünfzehntes Kapitel damit, dass sich zahlreiche Zöllner und Sünder ihm näherten. Und im Blick auf sie erzählt Jesus dann das Gleichnis von der Freude, Verloren gegangenes wiederzufinden. Der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn heisst den mit Schande beladenen Heimkehrer ohne den leisesten Vorwurf willkommen. Dieser frisch aus dem Schweinestall kommende Mensch hatte nun wahrlich einen “befleckten Rock, aber bevor es um eine neue Bekleidung geht, schlisst der Vater den Sohn ohne ein Wort des Abscheus, so wie er ist, in die Arme und drückt ihn an sich. Wie wenig vermag ich hier vom “Hass auf die Sünde” zu erkennen! Dennoch hören wir aus Jesu Mund auch die bösen Worte von der “Schlangenbrut”, dem “Sohn der Hölle” (Matth. 23, 33.15) und dem, was Gott “ein Gräuel” ist (Luk. 16, 15). Wir sehen ihn in eine “Räuberhöhle” eindringen und die Menschen mit einer Peitsche hinaustreiben (Mk. 11, 17 / Joh. 2, 15). Aber was “geisselt” Jesus hier im wahrsten Sinne des Wortes ? Es waren ausgerechnet die Frommen, denen da sein Zorn galt, denen er “Scheinheiligkeit” (Mk. 12, 40) vorwarf und hinter Gesetzestreue versteckte Egozentrik (Matth. 23, 5.6), Lieblosigkeit und Unbarmherzigkeit (Matth. 23, 23). Ihnen drohte er für ihre versteckte Habgier (Luk. 16, 14). Wollte man überhaupt vom Hass Jesu reden, so entlud er sich über jene, die dem Sünder den Zugang zu Gott versperren wollten, die sich für gerechter als andere hielten und glaubten, das letztgültige Urteil über Gut und Böse fällen zu dürfen (vgl. Luk. 18, 9; 11, 52; 6, 41f.).

Warum sagte Jesus den “Sündern”, die sich ihm näherten, nicht klarer : “Ich liebe euch, aber eure Sünde verurteile ich !?” Lief er nicht Gefahr, dass sie sein mildes Verhalten als “Absegnen” ihrer Taten verstehen mussten? Vielleicht wusste Jesus viel besser als seine Nachfolger, dass die Botschaft an einen Menschen: “Du bist nur exklusive deiner Sünde geliebt” letztlich den ganzen Menschen ausschliesst. Gern wird darauf hingewiesen, dass Jesus schliesslich Dinge gesagt habe, wie : “Geh hin, und sündige nicht mehr!” Angebrachter wäre es für meine Begriffe, sich zu wundern, wie ausgesprochen selten Jesus solche Äusserungen machte.

Gerade zweimal (s. Joh. 5, 14 und 8, 11) überliefern es uns die Evangelisten, obwohl Jesus doch ununterbrochen Menschen begegnete, bei denen diese Bemerkung wohl passend gewesen wäre! Vor allem der so offensichtlichen Sünderin, der frisch ertappten Ehebrecherin (Joh. 8, 3-11), mögen diese Worte Jesu eher als Verheissung des neu geschenkten Lebens in den Ohren geklungen haben, denn als Zurechtweisung. Von Hass, scharfer Ablehnung oder Verurteilung ihres Tuns kann ich im Umgang Jesu mit dieser Frau gerade nichts entdecken.

So will ich zuletzt noch einmal auf eine Geschichte zu sprechen kommen, die häufig als Beispiel dafür herangezogen wird, welch grössten Wert Jesus angeblich darauf legte, im Gespräch mit Menschen “Sünde beim Namen zu nennen” und Menschen klar zu demonstrieren, wo ihr Leben falsch lag. Ich spreche von Jesu Begegnung mit der Frau am Jakobsbrunnen, die – vermutlich aufgrund ihres anrüchigen Lebenswandels isoliert von der Dorfgemeinschaft – in der einsamen Mittagsstunde zum Wasserschöpfen kommt, und von Jesus angesprochen wird : “Gib mir zu trinken !” (Joh. 4). Jesus überspringt zunächst alle Konventionen seiner Zeit, wenn er als jüdischer Rabbi sich in die für damaliges Verständnis hochverfängliche Situation begibt, allein mit einer Frau zu reden. Einer Frau, die noch dazu dem verachteten Volk der Samariter angehörte und obendrein eine stadtbekannte Sünderin war. Jesus weiss ja längst um ihre Lebenssituation, aber er beginnt das Gespräch nicht aus der geistlich-moralischen Überlegenheit heraus, sondern “von unten”, als Bittsteller: : “Gib mir zu trinken !” Dieser Schritt auf sie zu löst Verwunderung bei der Frau aus:
“Wie kannst Du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten?” Vielleicht auch neugierig geworden, lässt sie sich in ein Gespräch verwickeln. Ausgerechnet der Letzten vom ganzen Dorf bietet Jesus dann die höchste Gabe an – lebendiges Wasser des ewigen Lebens. Erst danach lenkt er die Rede auf ihre problematische Lebenssituation. Aber wie behutsam, geradezu beiläufig tut er das. Seine Aufforderung : “Geh, hole deinen Mann!” ist alles andere als ein ungeschminktes Festnageln auf ihre Sünde, sondern zunächst nur eine harmlose Erfüllung der Konvention, da ihr einsames Gespräch unter vier Augen für damalige Verhältnisse als unschicklich und zweideutig galt. Sie lässt auch der Frau noch jede Möglichkeit eines Rückzugs auf eine vage Ausrede, ihr “Mann” sei auf Reisen, auf dem Feld oder nicht an geistlichen Fragen interessiert (letzteres hätte wohl der Wahrheit entsprochen !). Als Jesus auf ihr kleinlautes “Ich habe keinen Mann” antwortet, steckt viel mehr darin, als ihr auf den Kopf zuzusagen, wie ihr Lebenswandel aussieht : “Du hast richtig gesagt: Ich habe keinen Mann. Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Damit hast du die Wahrheit gesagt.” Hier klingt das ganze Elend dieser Frau mit an, die bittere “Wahrheit”, die dahinter liegt. Denn nach damaligem Recht im Orient war es nicht die Frau, die einen Mann durch Scheidung verlassen konnte. Fünf Männer waren es, die diese Frau bereits fortgeschickt hatten, und der sechste befand es erst gar nicht mehr für nötig, sie offiziell zu heiraten. Die Frau mag spüren: Dieser fremde Mann am Brunnen durchschaut mich völlig. Und doch ist er endlich, endlich jemand, der mich dabei nicht in die Ecke drängt, mich nicht seelisch nackt auszieht und mit dem Finger auf mich weist. Dieser Schutzraum, den Jesus hier eröffnet, macht es wahrscheinlich der Frau erst möglich, später auch den eigenen Anteil der Schuld an ihrer Lebenssituation offen zuzugeben: “Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe.” (Joh. 4, 29).

Was folgt nun? Ein ernstliches, ermahnendes, seelsorgerliches Gespräch? Ein umfassendes Sündenbekenntnis? Nichts dergleichen. Jesus unternimmt nichts dagegen, dass die Frau mehr nicht an sich herankommen lassen mag, und das Gespräch auf andere Themen lenkt. Er blockiert ihre weiteren Fragen nicht damit, erst einmal müsse jetzt ihre Sünde bereinigt werden. Er spricht kein Wort mehr dazu. Das Gespräch nimmt den typisch verqueren Verlauf der Dialoge, wie wir sie von Evangelisten Johannes kennen, in dem göttliche Wahrheit und menschliches Verstehen zunächst aneinander vorbeigehen. Aber Jesus, der sie mit “Glaube mir, Frau” anspricht, vermag die Brücke zu ihrer inneren Person zu schlagen. Und schliesslich offenbart er sich ihr als der Messias in so direkter Weise, wie sonst fast nirgends einem Menschen zuvor oder danach: “Ich bin’s, ich, der mit dir redet”. Der Messias redet mit ihr, dem wandelnden Dorfskandal, aber – haben wir eigentlich bemerkt, dass Jesus im ganzen Gespräch kein Wort von Sünde und Schuld sprach, die Wörter Hurerei, Unzucht, Ehebruch nicht einmal in den Mund nahm, auch nichts von schlecht, falsch, böse sagte, sondern ihre Situation quasi kommentarlos beschrieb? Wo bitte ist hier der Jesus, der die Sünde hasst?

Gerade die Erzählung von der Frau am Jakobsbrunnen zeigt, dass der konkrete Verstoss für Jesus nicht im Vordergrund steht, sondern der Mensch mit seiner ganzen Geschichte. Jesus weiss dass es den “Menschen an sich” nicht gibt, dem man versichern kann, dass man ihn liebt, während man gleichzeitig sein Leben zerpflückt. Der Mensch ist immer verstrickt in mehr oder weniger schuldhaftes Handeln, sei es als Täter, als Opfer oder beides. Darum trennt Jesus in seiner Liebe zum Sünder dessen Leben nicht ab, sondern seine Liebe umschliesst ihn “mit Haut und Haaren”.

Heisst das nun, Jesus nehme Sünde nicht ernst oder er liebe die Sünde? Nein! Aber das Gegenteil von die Sünde lieben ist wohl bei Jesus nicht die Sünde hassen, sondern eher, die Sünde zu tragen, an ihr zu leiden, letztlich sie selbst zu er-leiden. So sehr trug und litt Jesus an der Sünde, dass er den höchsten Preis dafür zahlte und sein Leben dafür einlöste. Darum ist dieser Jesus ein so merkwürdiger Arzt, weil er eben nicht vornehmlich seinen Finger in Wunden legt und Salz hinein streut, sondern weil er selbst sich die Wunde zufügt, die uns heilt. Und dies tat er nicht nur einmalig am Kreuz, sondern auch in seinen Begegnungen mit Menschen lässt er diese Wesensart immer wieder erkennen. Tastete Jesus sein Verhalten sorgfältig ab, um nur ja genügend Distanz zu den Sünden der Menschen oder auch seiner Jünger zu demonstrieren? Im Gegenteil, zum Unmut der Frommen sass er mitten unter ihnen am Tisch und teilte ihr Leben. In keinem persönlichen Gespräch sehen wir ihn ständig neue mahnende Worte zu immer denselben Verstössen auffahren oder einschüchternde Schriftzitate auflisten. Und da, wo er einmal Verfehlung anspricht, tut er es ausgerechnet umso taktvoller und indirekter, je tiefer der Betreffende darin erwickelt ist, und sucht in aller Regel dafür einen geschützten, persönlichen Rahmen. Man denke nur an sein Gespräch mit Petrus nach der Auferstehung, in dem dieser die Vergebung für seine dreifache Verleugnung erfährt, ohne dass das Wort ”Verleugnung” überhaupt fällt!

All dies schliesst Änderung und Erneuerung – bei tatsächlicher Sünde – keineswegs aus. Jesus ist der Erneuerer. Das Erstaunliche an ihm aber bleibt, dass er sie nicht zur Bedingung für die Annahme des Menschen und seinen Umgang mit ihm macht. Er, der “uns erkauft hat”, nimmt auch alles, was an uns haftet, mit “in Kauf” und schliesst es in seine Liebe mit ein, bis tatsächlich der Zeitpunkt einer Veränderung gekommen sein mag – was bei manchem Makel in unserem Leben vielleicht auch nie eintrifft, denn wer wollte behaupten, bereits vollkommen in das Reich Gottes einzugehen? Wie furchtbar wenig ist davon übrig geblieben in uns Christen, die wir immer wieder glauben, das Entscheidende sei die sogenannte Rechtgläubigkeit und die Zustimmung zu christlichen Lehren und Moral, statt “zu wandeln, wie er gewandelt ist” (Joh. 2, 6) !

Spüren wir, warum dieser Jesus auf Menschen und gerade auf Aussenseiter eine so ungeheure Anziehungskraft hatte, die wiederum in so krassem Gegensatz zur Stagnation in vielen unserer Gemeinden steht ? Heute am Sonntag “Rogate”, lasst uns beten für uns Schuldig gewordene und immer wieder Schuldig-werdende; lasst uns für unsere Gemeinde beten, dass wir Jesus nach folgen, auch und gerade im Umgang mit Menschen, die wir so gerne verachten und ausschliessen würden.

Nachtrag

Als ich Manuela Bünger fragte, ob ich ihre Predigt hier veröffentlichen dürfe, erlaubte sie mir dies mit dem Hinweis, dass sie einen Text von Valeria Hinck überarbeitet hätte.

Valeria Hinck ist Ärztin und Autorin des Buches „Streitfall Liebe“ und einiger Artikel.

Den Originaltext findet Ihr auf Valeria Hincks Homepage