Gottesdienst zum Coming-out Day 2005

Begrüssung

(Lied: Lobe die Kraft…)

Gebet

Gott, wir kommen vor dich, so wie wir sind, mit unseren Ängsten und Hemmungen, mit unseren Sorgen und Kämpfen. Wir kommen vor dich als Einzelne, als Paar, als Gruppe, als Gemeinde. Wir sind Teil deiner Kirche, werden aber oft ausgegrenzt. Wir gehören zu deinem Volk, aber viele Menschen wollen nicht, dass wir dazu gehören. Wir sind deine Kinder, müssen aber oft erst Ja dazu sagen, wie du uns geschaffen hast. Wir sehnen uns nach Erlösung, wir warten auf Befreiung.

Wir hören den Zuspruch Gottes an sein Volk aus dem Buch Jesaja: „So spricht Gott, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Amen.

Einführung ins Thema

Das Thema dieses Gottesdienstes ist „Coming Out“. Das Coming Out ist ein Weg mit Gott….

Zwischenrufe:
«Der Herr straft die Sündigen!»
«New Orleans war eine Stadt der Sünde!»
«Sex, Drogen, Alkohol, Gewalt, Homosexualität!»
«Die Menschen in dieser Stadt haben das Laster geduldet!»
«Der Hurrikan ist die Strafe.»
«Eine Woche vor dem Schwulenfestival sind die Dämme gebrochen.»
«Wenn das kein Beweis ist!»
«Gott hat den Hurrikan gewollt!»
«Genau wie die Terroranschläge»
«Die Heiden und Abtreiber und Feministinnen und Schwulen und Lesben haben den Weg Gottes verlassen.»
«Das wird auch euch passieren, wenn ihr nicht zum Herrn umkehrt.»

Genau so stand es in der Zeitung. Diese Dinge haben Menschen wirklich gesagt. In einer westlichen Gesellschaft. In einer Gesellschaft, die auf unsere einen grossen Einfluss hat. Wie kann ich da noch zu einem positiven Bild von mir als lesbischer Frau kommen? Wie kann ich in einer Gesellschaft leben, die mir solche Widerstände entgegensetzt? Die mich mit Worten verletzt, mir die Strafe Gottes androht? Wie kann ich in einer Kirche mein Zuhause behalten, in der viele Menschen meinen, dass ich nicht nach dem Willen Gottes lebe? Was wird aus meiner Beziehung zu Gott, wenn Gott mich doch so geschaffen hat wie ich bin?

(Taizélied: ubi caritas….)

Biblischer Teil:

Im 1. Buch Mose ( 12,1) lesen wir wie Gott zu Abraham sagt: Ziehe hinweg aus deinem Vaterland und aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in das Land, das ich dir zeigen werde…“ Und Abraham zieht los, aus allem Vertrautem weg in das Land, von dem er noch nichts weiss, nur, dass Gott dort einen Platz für ihn hat. Im 2. Buch Mose hören wir vom Aufbruch, vom Exodus, des ganzen Volkes Israel. Gott sagt Mose, dass er beschlossen hat, das Volk aus seinem Elend in Ägypten herauszuführen (2. Mose 3ff). Wieder geht der Weg ins Unbekannte, mit der Verheissung auf ein Land, in dem zwar Milch und Honig fliesst . Aber der Weg ist lang und hart, er dauert 40 Jahre.

Wo ist Heimat? Vielleicht nicht dort, wo wir gemeint haben, nicht im Gewohnten, Altvertrauten?

Vielleicht liegt sie vor uns, ist zu entdecken, zu erspüren. Auch Jesus schickt uns auf einen Weg. Kommt her zu mir, sagt er. Oder: suchet das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit. Wir werden auf den Weg geschickt. Und unterwegs erfahren wir Widersprüchliches. Regen und Sonne, Hitze und Kälte, Unwetter und das Gefühl, willkommen zu sein.

  1. Aufbrechen aus dem Gewohnten und Vertrauten braucht  Mut und Entschlossenheit. Niemand weiss, was für Reaktionen kommen werden, wie es sein wird. Es braucht das Vertrauen darauf, dass dies mein Weg ist und ich mich am neuen Ort vertraut machen kann. Die noch fremden Hügel und Menschen werden eines Tages Namen haben, auch für mich.
  2. Und es braucht die Entscheidung das Alte loszulassen. Mit jedem Schritt auf dem Weg lässt man zurück, was man gekannt hat und später vielleicht verklärt. Die magere Kost wurde den Israeliten in der Erinnerung zu  Fleischtöpfen, die sie in der Wüste vermissten. Und sie vergassen das Joch, unter dem sie gelitten hatten, die Versklavung, die Enge, den Zwang. Loslassen erlaubt uns  mit offenen Händen auf die Befreiung zugehen.
  3. Das Ziel erreichen wir nicht immer ganz. Die Christen warten noch immer auf die Vollendung des Gottesreiches. Die Juden warten auf das neue Jerusalem. Viele erhalten noch nicht die Wertschätzung, die ihnen gehört, die Anerkennung ihres ureigenen Weges. Wir sind noch unterwegs. Aber wir gehen. Wir wollen Menschen werden, wie sie Gott gemeint hat, die Gaben entwickeln, die in uns gelegt wurden. Wir sind Gottes Ebenbild, jedes in seiner eigenen Prägung.

Jedes trägt seinen eigenen Rucksack, jedes läuft auf seine Weise, was uns verbindet, ist das gemeinsame Gehen, das Unterwegs sein. Immer wieder aufstehenmüssen und nicht müde werden.

Coming out – Erfahrungen

Das Coming Out ist ein Weg mit Gott.

Ich denke, ein Coming Out kann ganz Unterschiedliches bedeuten und für jeden und jede von uns sieht es anders aus. Es ist zum Beispiel ganz unterschiedlich, ob wir uns als lesbisch, schwul, bi- oder anders sexuell beschreiben oder als irgendwas dazwischen oder als gar nicht festgelegt. Deshalb kann ich hier auch wirklich nur über meine Erfahrungen sprechen. Ich möchte gern ein paar Dinge beschreiben, die „Coming out“ für mich bedeutet.

  1. Das Coming out ist eine Selbstfindung: Bei mir hat es lange gedauert: erst habe ich mich heimlich gefragt, ob ich vielleicht lesbisch bin. Dann habe ich diese Möglichkeit akzeptiert. Irgendwann fand ich es dann gut, dass ich so bin. Das hat sehr lange gedauert, und ich habe diese Zeit im Verborgenen gebraucht, als Schutzraum. Aber ich habe mich dabei auch sehr allein gefühlt. Bis ich es dann anderen sagen konnte, war ich mir schon über mich selbst klar geworden. Ich fand es immer noch schwierig, darüber zu reden, aber ich habe auch Kraft bekommen durch die Unterstützung von anderen. Immer wieder hat es mich Mut gekostet, zu mir zu stehen. Ich habe das Gefühl, es braucht ganz viel Zivilcourage, einfach zu sagen, wer ich bin.
  2. Das Coming out ist ein Weg, ich würde sogar sagen, ein lebenslanger Weg. Schon wenn man mal umzieht, geht das Ganze wieder von vorn los. Als ich umgezogen bin, habe ich gemerkt, wie unsichtbar ich plötzlich war. Plötzlich wird was als selbstverständlich angenommen, was auf mich gar nicht zutrifft. Es hat lange gedauert, bis ich mich hier wirklich zu Hause gefühlt habe. Heute würde ich von Anfang an sagen, wer ich bin, weil es den anderen dadurch auch leichter gemacht wird, mit mir umzugehen. Ich meine aber, dass es wichtig ist, dass jeder und jede wirklich den eigenen Weg geht. Dass niemand gezwungen wird, sich zu outen. Dass es in Ordnung ist, mein Lesbischsein oder Schwulsein im Verborgenen zu leben – oder auch ganz auffällig. Die einen gehen den Weg lieber still und leise, die anderen laut und auffällig oder mit anderen zusammen. Für uns hier ist es auch ein Weg mit Gott.
  3. Das Coming out ist eine Befreiung. Es ist toll, zu wissen: ich darf so sein, wie ich bin. Gott liebt mich so, wie ich bin. Und es gibt noch viele andere, denen es geht wie mir.  Das ist für mich bis heute eine Kraftquelle und ein Grund zum Feiern. Gerade das Feiern habe ich hier in der Basiskirche auch gelernt. Und nirgendwo habe ich das Befreiende so deutlich empfunden wie in unseren Gottesdiensten.
  4. Das Coming out kann auch eine Anfechtung sein. Wenn ich lese, dass die Schwulen und Lesben an der Katastrophe in New Orleans Schuld sein sollen, dann greift mich das an, auch wenn ich weiß, dass es Quatsch ist. Wenn mir Jugendliche auf der Straße „Lesbe“ nachrufen, wie es vor ein paar Jahren öfter passiert ist, dann verletzt mich das. Dass ich mein Leben lang zu einer Minderheit gehören werde, die sich ihre Rechte erkämpfen muss. Und dass es überall auf der Welt Schwule und Lesben gibt, die es damit noch viel schwerer haben als ich. Das verletzt mich und macht mich traurig. Und es verbindet mich mit anderen.
  5. Das Coming out ist aber auch ein Weg der Heilung. Wie die Menschen, die Jesus begegnet sind, kann ich mit neuen Augen sehen, mit neuer Kraft meinen Weg gehen. Ich bin hoffentlich sensibler dafür, wo andere Menschen ausgegrenzt werden und Unrecht erleiden. Ich bekomme Kraft aus der Gemeinschaft, zum Beispiel aus unserer Gottesdienstgemeinschaft. Ich bin mit anderen Christen und Christinnen verbunden in der Hoffnung auf eine bessere Welt. Eine bessere Welt wäre für mich auch eine, in der die Kirchen mehr so sind wie unsere kleine Gottesdienstgemeinschaft hier. Akzeptierend. Inklusiv, für alle. So dass wir dann keine Basiskirche und keine Aktionsgruppen für Partnerschaftsgesetze mehr brauchen, weil wir Teil eines größeren, heileren Ganzen geworden sind.

Amen

(Musik)

Abendmahl

Anmerkung

Der Gottesdienst wurde gestaltet von Marit, Ines, Diana.

Die Redaktion vermittelt gerne Kontakte zu den Autorinnen. Schreibt einen LeserInnen-Brief.