«Homosexualität ist ein Geschenk Gottes»

 

mcneillDer 75-jährige amerikanische Priester John J. McNeill ist der Vater der christlichen Homosexuellenbewegung. Derzeit weilt er in Basel. Die BaZ unterhielt sich mit dem – vom Papst ausgestossenen – Geistlichen. Im Interview nimmt er kein Blatt vor den Mund, insbesondere bezüglich des Konflikts, dass der Vatikan sich gegenüber Homosexuellen reaktionär verhalte, obwohl es im Klerus zahlreiche Homosexuelle gäbe.

BaZ: Herr McNeill, Sie sind Pionier der christlichen Homosexuellenbewegung. Wann hatten Sie Ihr Coming-out?

John J. McNeill: Kurz nachdem ich 1976 mein erstes Buch, «The Church And The Homosexual», veröffentlicht hatte. Es war im Rahmen einer Talkshow in New York, die von 20 Millionen Menschen mitverfolgt wurde.

Papst Johannes Paul II. befahl Ihnen 1979, sich nicht mehr öffentlich zur Homosexualität zu äussern, da er Sie ansonsten aus dem Jesuiten-Orden ausschliessen würde. Was bewog Sie 1987 dazu, Ihr Schweigen doch zu brechen?

Einerseits ein Dokument, in dem die römisch-katholische Kirche eine aussergewöhnlich homophobe Stellung einnahm. «Homosexualität ist ein inneres Bedürfnis, Böses zu tun», war etwa zu lesen. Andererseits die Wahrnehmung von Aids. Meiner Meinung nach befanden sich unter den ersten Aids-Opfern viele Homosexuelle, die sich für ihre Neigung hassten, sie im Versteckten auslebten und dadurch besonders gefährdet waren. Nach der Verwarnung durch den Papst hatte ich stets gehofft, dass die Kirche ihre Position überdenken würde. Stattdessen wurde und wird es aber immer schlimmer, wie der Papst jüngst wieder durch seine Verurteilung der Gay Parade in Rom bewiesen hat.

Sie wurden kürzlich 75 Jahre alt, scheinen sich aber noch lange nicht zur Ruhe setzen zu wollen. Welche Ziele möchten Sie noch erreichen?

Mein derzeit grösstes Ziel ist die Wiederveröffentlichung eines Buches über die Gedankenwelt des französischen Prä-Existenzialisten Maurice Blondel. Zudem möchte ich weiterhin mein Amt als Priester ausüben, Gottesdienste halten, Workshops geben und so vielen Leuten wie möglich vor Augen führen, wie tief Gottes Liebe gegenüber Lesben und Schwulen ist. Das war auch mein Hauptantrieb, für einige Tage nach Basel zu kommen.

Gibt es in den Staaten etwas Vergleichbares wie die Lesbisch-schwule Basiskirche hier in Basel?

Ja, die Metropolitan Community Church, die in jeder grösseren Stadt vertreten ist. Sie ist in den Staaten die Kirche mit dem grössten Wachstum.

Sie sind nicht nur Buchautor, Priester und Moraltheologe, sondern auch seit 25 Jahren als Psychotherapeut tätig. Haben sich die Ängste, Sorgen und Probleme von Homosexuellen in dieser Zeit verändert?

Ja. Eines der grössten Probleme der Homosexuellen, insbesondere der katholischen Christen, war früher das negative Selbstbild, das die Leute verinnerlicht hatten. Sie hassten sich, waren dadurch auch unfähig für eine gesunde Beziehung. Das hat sich radikal geändert: Heute akzeptieren viele ihre Homosexualität als ein Geschenk Gottes.

Vor wenigen Monaten verbreitete eine Presseagentur die Meldung, dass Schätzungen zufolge knapp ein Fünftel der katholischen Priester homosexuell sei. Würden Sie diese Theorie stützen?

Ja, ich würde sogar sagen, dass diese Schätzung sehr modest ist. Wissen Sie weshalb? Stellen Sie sich vor, Sie wären ein homosexueller Mann und würden sich für Ihre Neigung hassen: Was wäre das Beste, was Sie in einer solchen Situation tun könnten? Sie werden Priester und führen ein Leben im Zölibat! Diesen Weg haben früher viele gewählt, weil sie ein gutes Leben führen, Gott dienen wollten und keine Möglichkeit sahen, ihre Homosexualität offen auszuleben.

Angenommen, Ihre Vermutung trifft zu. Weshalb sträubt sich der Vatikan immer noch dermassen stark, die Homosexualität zu tolerieren?

Ich denke, dass ein enormer Prozentsatz des Klerus in Rom homosexuell ist. Und dass der Papst wahnsinnig Angst hat, dass das bekannt würde. Durch ihren Selbsthass und ihren Hass auf ihre Sexualität sind sie sich selbst die grössten Feinde, was zu einer beinahe hysterischen Verdammung von homosexuellen Menschen führt.

Konnten Sie diesen Selbsthass nachfühlen?

Absolut. Ich wuchs in einer streng katholischen Familie auf, hasste mich, als ich meine Homosexualität entdeckte. In erster Linie aber hasste ich mich dafür, dass ich überhaupt sexuell war! Unterdessen weiss ich, dass es jeder mit seinem eigenen Gewissen ausmachen muss, es darf keine A-priori-Urteile geben. Ob das Leben eines Menschen dem göttlichen Willen nun entspricht oder nicht.

Interview Marc Krebs

Basler Zeitung von Donnerstag 14.09.2000