Predigt 1.Kor.13

Susanne Englert,
Predigt am Sonntag Estomihi, 22. Februar 2004, Leonhardskirche ReutlingenLogo Linet-c

1. Korinther 13

Liebe Gemeinde,

„das dreizehnte Kapitel war ein Ausrutscher. Gerade hatte er noch seinen ermahnenden (urspr. „paränetischen“) Zeigefinger über Starke und Schwache, Begabte und Minderbegabte in der Gemeinde erhoben; jetzt dieser poetische Ton, dieses Lied ohne Ausrufungszeichen. Hier mahnte und predigte und lehrte und unterwies er nicht mehr, sondern geriet einige unsterbliche Zeilen lang ins Schwärmen.“ (Susanne Krahe, ‚Prisca, Eine paulinische Eskapade‘ in ‚Rahels Rache, Biblische Provokationen‘)

Die Rede ist von Paulus und seinem dreizehnten Kapitel des ersten Korintherbriefs. Es sind tatsächlich unsterbliche Zeilen, ein grosser Text, Worte, die wundervoll komponiert sind und zu Herzen gehen. Sie erzählen, beschreiben, singen und schwärmen von der Liebe. Über Jahrzehnte hinweg zerbrachen sich die Bibelforscher darüber den Kopf, wie dieses Kapitel in den Korintherbrief geraten konnte. Sie gingen sogar so weit zu behaupten, das könne unmöglich von Paulus selbst stammen. Heute ist man da wieder anderer Meinung. Aber den Menschen, die sich von diesen Worten berühren lassen, ist das egal. Sie finden darin ihre Sehnsucht nach der Himmelsmacht Liebe ausgedrückt, nach dieser unbändigen Kraft, die alles verändern kann. Und sie suchen nach der Bestätigung, dass es sie wirklich gibt, die Liebe, und sie sich nicht nur etwas vormachen.

Denn nichts ist riskanter, als von der Liebe zu reden. Zu sehr wissen wir darüber Bescheid, wie gefährdet sie ist, wie zerbrechlich und verwundbar sie ist, wie leicht zu zertreten. Wie sie sich vom himmelhochjauchzenden Gefühl auf Wolke Sieben ins krasse Gegenteil verwandeln kann, in Eiseskälte und abgrundtiefen Hass. Auch Paulus weiss um dieses Risiko. Und singt trotz alledem von der Liebe, die bleibt.

Text: 1. Korinther 13

Die Liebe bleibt. Sie bleibt mit ihren beiden Geschwistern Glaube und Hoffnung. Aber gerade auch Glaube und Hoffnung sind ohne die grosse Schwester Liebe nichts. Sei der Glaube noch so unerschütterlich und Berge versetzend, trägt er doch nichts aus ohne die Liebe. Was Paulus da alles an göttlicher Begabung, an sogenannten Gnadengaben aufzählt, das ist nicht aus der Luft gegriffen. Die Menschen in Korinth verfügten offenbar reichlich darüber. Das Reden in der Sprache der Engel, eine freigebige diakonische Haltung bis hin zu extremer Selbstlosigkeit, ja sogar die Bereitschaft zum Selbstopfer, zum Martyrium – davon gab es jede Menge in Korinth.

Paulus hat nichts dagegen. Aber da war Konkurrenz untereinander aufgekommen. Religiöse Selbstüberschätzung hatte sich breit gemacht. Überheblichkeit und selbstgerechtes Dominanzstreben drohte die Einheit der Gemeinde zu zerstören. Deshalb setzt er dagegen das zarte und doch alles verändernde Pflänzchen Liebe. An ihr muss sich alles andere messen lassen.

Manche der korinthischen Gemeindeglieder erblickten anscheinend in ihren sprudelnden Geistesgaben den Ausweis ihrer geistlichen Vollkommenheit. Doch Paulus sagt: das ist Stückwerk, fragmentarisch, vergänglich. Spätestens jedoch wenn das Vollkommene erscheinen wird, wird das Stückwerk als solches offensichtlich. Das Vollkommene ist die Liebe, Gott selbst, Gott alles in allem.

Ohne Frage ist das der Ausgangspunkt für Paulus: die göttliche Liebe. Gott ist Liebe. Sie besitzt die Vollkommenheit, die in Tätigkeitsworten, in Begriffen des Handelns beschrieben ist. Das Bedeutungsfeld mancher Wörter in der deutschen Übersetzung gibt das zum T eil nicht angemessen wieder. So geht es beim „langmütig, geduldig sein“ keineswegs um ein passives „Über-sich-ergehen-lassen“, sondern gemeint ist höchst aktives Durchhalten mit der Perspektive überwindender Standhaftigkeit. Darin eingeschlossen sein kann sogar Mut, Zorn, Wut, Erregtheit. Die Liebe gibt also nicht so schnell auf. Sie zeigt Durchhaltevermögen und langen Atem. Sie widersetzt sich, wo andere fortgehen oder fliehen.

Paulus geht nun selbstverständlich davon aus, dass solche göttliche Liebe auch in uns Menschen wohnt. Gott ist Liebe, und damit und mit nichts anderem beginnt die Geschichte Gottes mit uns Menschen. Als Gottes Geschöpfe tragen wir die Flamme der Liebe in uns. So hat es begonnen, mit Gottes überfliessender Liebe, mit Gottes Suche nach einem Gegenüber. Mit Planbarkeit, mit Vernunft, mit Berechnung ist das nicht zu erklären. Vernünftig wäre gewesen, wenn Gott bei sich geblieben wäre, sich selbst genug. Aber das tat er nicht. Eigentlich war Gott völlig verrückt, wie es Liebende eben sind, als er sich aufs Menschsein und all die Abgründe eingelassen hat, auch auf die Kehrseite der Liebe und damit auf ihre Zerbrechlichkeit. V on diesem göttlichen Weg der Liebe erzählt die Geschichte des Jesus von Nazareth. Bis zu seinem bitteren Ende und dem Neuanfang in der Auferstehung, der Vorbotin der Vollkommenheit. Da ist festgemacht, was Paulus sagt: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“

Von Angesicht zu Angesicht erkennen, wie ich erkannt bin. Das ist für mich der stärkste Satz im ganzen Lied. Weiss ich, wer ich bin? Wer bin ich denn? Bin ich die, für die mich die anderen halten? Sie sagen mir, ich sei mutig und stark. Wer sieht schon meine Ängste? Sie sagen mir, ich sei freundlich und nett. Wer bekommt es schon mit, wenn mir zuhause mit meinen Kindern der Geduldsfaden reisst? Sie sagen mir, ich sei klar und entschieden. Wer kann sich schon vorstellen, welche inneren Kämpfe ich oft mit mir austrage?

Du bist erkannt. Will sagen: du bist geliebt, so wie du bist, eine Tochter Gottes. Es ist die Liebe, die so zu mir spricht. Die mich meint und nicht irgendeinen Teilaspekt, eine Maske, ein schönes Abziehbild. Und dann lese ich dieser Tage die Lebensgeschichte einer Frau. Ich weiss nicht, wie alt sie ist. Ganz jung ist sie nicht mehr. Sie hat schon einiges mitgemacht, auch mit unserer Kirche. Aus Angst vor Repressalien schreibt sie anonym.

„‘Du bist einmalig! Du bist einzigartig und wertvoll! Du bist ein unverwechselbarer Gedanke unseres Schöpfers! ‘ Diese Aussagen einer Theologin haben mich als 15jährige Jugendliche dazu veranlasst, im Vertrauen auf diesen Gott mein Leben zu gestalten. Ich wuchs in die kirchliche Jugendarbeit hinein. Es war eine missionarisch evangelikale Arbeit, und ich wollte dazu beitragen, dass Menschen ‚den Weg zu Jesus‘ finden… So entschloss ich mich zum hauptamtlichen Dienst in der Kirche und liess mich zur Diakonin ausbilden. …

Schon als Jugendliche merkte ich, dass ich nicht ‚normal‘ bin, denn schon damals trafen meine jugendlichen Liebesgefühle immer auf Frauen. Mit keinem Menschen konnte ich darüber reden, es war einfach ein Tabuthema. In meiner Familie, in der Schule und meinem sonstigen Umfeld kam das Thema der lesbischen Liebe überhaupt nicht vor. Ganz zu schweigen von meinen kirchlichen Bezügen – wenn überhaupt, dann nur in den Äusserungen, dass es pervers, krank, unnormal und vor allem sündig sei!

Ich wollte ‚richtig‘ leben vor Gott, nach seinem Willen. Und was Gottes Wille für mein Leben war, das wussten andere Menschen immer viel besser als ich selbst. Ich hatte gelernt, dass das, was ich fühle und empfinde, falsch ist. Über Jahrzehnte hatte ich den anderen Menschen und ihrem Urteil, ihrer Beurteilung über mich mehr geglaubt als mir selbst. Ich habe mir nicht geglaubt! Ich war mir meiner selbst nicht sicher.

Und Gott? Damals dachte ich oft, dass Gott über mich weint, über mein Versagen ‚richtig zu lieben‘, d.h. einen Mann zu lieben. Ich war innerlich verkrümmt und verbogen. Wie sehr habe ich mich abgelehnt, ja teilweise dafür gehasst, dass ich so fühlte wie ich fühlte. Ich wollte gerne ‚geheilt‘ werden. Wie tief sass in mir die Angst, von Gott ‚verdammt‘ zu sein und irgendwann ‚in der Hölle‘ zu landen. Wie sehr habe ich Gott gebeten, mein Herz zu verändern!

Dann lernte ich den Menschen kennen, den ich von ganzem Herzen liebte, mit dem ich alt werden wollte, in guten wie in bösen Tagen. Und dieser Mensch war eine Frau. Damals arbeitete ich als Jugendreferentin in einem Kirchenkreis. Die Liebesbeziehung zu dieser Frau hatte zur Folge, dass ich unendlich viel Kraft aufwenden musste, damit diese Liebe ja geheim blieb. So führte ich viele Jahre lang ein Doppelleben. …

‚Sie sind ein Segen für unsere Jugendarbeit. Es ist so gut, dass Sie da sind! ‘ Oft hörte ich dieses Lob von Pfarrerinnen und Pfarrern. Es waren dieselben Menschen, die ihre verurteilenden Meinungen über Homosexuelle sehr deutlich von sich gaben. Und ich sass‚mitten unter ihnen‘. Es hat mir oft die Kehle zugeschnürt, und ich hatte nicht den Mut ihnen zu sagen: Ihr redet jetzt von mir!

Mein jahrelanges Doppelleben blieb nicht ohne Folgen. Nach einem Orts- und Stellenwechsel, in dessen Verlauf sich meine Partnerin von mir trennte, kam es zu einem psychischen Zusammenbruch. Mir wurde sehr deutlich, dass ich endlich damit aufhören und mich auf den Weg zu mir selbst machen musste. Ich wollte aufrecht und identisch leben. Dazu war der Aufenthalt in einer psychotherapeutischen Klinik notwendig. Auch da suchte ich mir natürlich eine christliche Klinik aus! Und so war ich in den Augen meiner Therapeutin ein absolutes ‚Mängelwesen‘, das den Entwicklungsprozess – hin zu einer heterosexuellen Beziehung – noch nicht abgeschlossen hatte. Sie sagte mir, dass ich ein ‚behindertes Leben‘ führe, wenn ich weiterhin als lesbische Frau lebe.

‚Wir müssen unbedingt jene Lebensform wählen, in der Gott uns haben will! ‘ schreibt Charles de Foucault. Auf diesem schmerzlichen, aber lebens-not-wendigen Weg erlebte ich, dass Gott mich in meiner Verkrümmung sah und mir Worte gab, die mich befreiten.

‚Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte! ‘ (Jeremia 31,3) Immer schon war es für mich ganz wichtig, dass ich als Kind getauft worden bin und ich selbst nichts dazu getan habe. Dieses ‚Ja‘ Gottes zu meiner Person und sein Segen über meinem Leben hat mir immer wieder Mut gegeben… Gott hat mich angesehen und berührt. Viele Jahre bat ich Gott, mein Herz zu verändern, um ‚richtig‘ lieben zu können. Bis mir immer klarer wurde, dass ich ‚richtig‘ bin, weil Gott mich wunderbar gemacht hat. Für mich ist es nicht möglich zu entscheiden, dass ich ab jetzt nur noch Männer liebe. Dann müsste ich mein Herz herausreissen – und das kann ich nicht! Auf vielfältige Weise habe ich Gottes Liebe und Fürsorge erfahren… So konnte ich Schritte in ein ‚aufrechtes‘ Leben gehen. Heute lebe ich identisch mit mir, kann mich so lieben und annehmen, wie ich bin und fühle. Ich kann es, weil ich mich genauso von Gott angenommen weiss.“
(Auszüge aus: Aufrecht gehen lernen. Eine Andacht zur Überwindung von Vorurteilen, in: Lesbisch leben. Arbeitshilfe zum Weitergeben Nr. 1 Jan. 2004, Hg. Ev. Frauenhilfe in Deutschland, S. 23-28)

Liebe Gemeinde, ich weiss nicht, wie es Ihnen nun geht mit der Erzählung dieser Frau. Vielleicht konnten Sie sich wie ich von ihr berühren lassen, von ihrem schmerzlichen und doch so befreienden Weg. Sollten es Widerstände sein, dann versuchen Sie doch die Liebe zu sich einzuladen, so wie es Paulus in diesem hinreissenden Kapitel der Bibel erzählt. „…dann aber – wenn kommen wird das Vollkommene – werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“ Diese persönliche Liebeszusage Gottes gilt auch Ihnen allen mit Ihren Geschichten, wie Sie Liebe in Ihrem Leben erfahren.

Amen

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