Psalmen

Aus dem Gottesdienst vom 18. Juli 1999

Wir werden uns heute mit dem Psalm 22 etwas näher beschäftigen. Aber keine Angst, wir haben zwar Psalmen auswendig lernen oder in grässlichen Nachdichtungen mit noch grässlicheren Melodien singen müssen, dabei ist der Psalter, also die Sammlung der Psalmen, eine ergiebige Text-Sammlung. In ihr finden wir Gebete, Klage- und Loblieder.

Ingo Baldermann beschreibt in seinem Buch “Ich werde nicht sterben sondern leben” Psalmen als Gebrauchstexte. Texte mit einer eigenen sehr starken, meist auch sehr bildhaften Sprache. Wir finden Ausdruck für Klage, Verzweiflung, grösste Angst und trotzdem Hoffnung und ein tiefes Vertrauen in Gott.

Wir werden Euch Psalm 22 in der Luther-Übersetzung vorlesen; wir werden Euch auch mit einer aktualisierten Version von Ernesto Cardenal bekannt machen; und dann schreiben wir zusammen einen LSBK-Psalm. Zum Schluss zeigen wir Euch in einem anderen Psalm, dass auch „früher“ Gottes Barmherzigkeit besungen worden ist.

Psalm 22 (Luther Übersetzung)

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels. Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus. Zu dir schrieen sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.
Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volke. Alle, die mich sehen, verspotten mich sperren das Maul auf und schütteln den Kopf: «Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.»
Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen; du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter. Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an, du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.
Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer. Gewaltige Stiere haben mich umgeben, mächtige Büffel haben mich umringt. Ihren Rachen sperren sie gegen mich auf wie ein brüllender und reißender Löwe. Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub. Denn Hunde haben mich umgeben, und der Bösen Rotte hat mich umringt; sie haben meine Hände und Füße durchgraben.
Ich kann alle meine Knochen zählen; sie aber schauen zu und sehen auf mich herab. Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.
Aber du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen! Errette meine Seele vom Schwert, mein Leben von den Hunden! Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern wilder Stiere – du hast mich erhört!
Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern, ich will dich in der Gemeinde rühmen Rühmet den HERRN, die ihr ihn fürchtet; ehret ihn, ihr alle vom Hause Jakob, und vor ihm scheuet euch, ihr alle vom Hause Israel! Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er’s.
Dich will ich preisen in der großen Gemeinde, ich will mein Gelübde erfüllen vor denen, die ihn fürchten. Die Elenden sollen essen, dass sie satt werden; und die nach dem HERRN fragen, werden ihn preisen; euer Herz soll ewiglich leben.
Es werden gedenken und sich zum HERRN bekehren aller Welt Enden und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Heiden. Denn des HERRN ist das Reich, und er herrscht unter den Heiden. Ihn allein werden anbeten alle, die in der Erde schlafen; vor ihm werden die Knie beugen alle, die zum Staube hinabfuhren und ihr Leben nicht konnten erhalten.
Er wird Nachkommen haben, die ihm dienen; vom Herrn wird man verkündigen Kind und Kindeskind. Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit predigen dem Volk, das geboren wird. Denn er hat’s getan.

Die Klage als Widerstand? Gerade im politischen Kampf wird deutlich, dass die Klage selbst schon die Sprache der Hoffnung ist, ein Potential der Veränderung. Sie findet sich nicht ab mit dem Bestehenden, schon gar nicht damit, dass Gottes Wille dafür in Anspruch genommen wird, dass alles so ist, wie es ist. Sie nimmt den ungerechten Verhältnissen ihre theologische Rechtfertigung, den unbeweglichen Strukturen ihre bleischwere Unveränderlichkeit. Es muss nicht so sein, wie es ist, und es soll nicht so bleiben, wie es ist, sagt die Klage. Was sie sagt, ist noch ganz in der Nähe der Verzweiflung angesiedelt; aber damit fängt die Sprache der Hoffnung an.

Ich bitte euch, die Worte von Ernesto Cardenal mit uns wahrzunehmen. Stellvertretend für alle die heute verfolgt, gefoltert und geknechtet werden, speziell auch für diejenigen, deren Leiden in der Kosovokrise unmenschliche Dimensionen angenommen hat. Wir denken dabei auch an alle Lesben und Schwulen, die zu den besonders entrechteten in diesen Krisen gehören.

Psalm 22 nach Ernesto Cardenal (1967)

Mein Gott, mein Gott – warum hast Du mich verlassen?
Ich bin zur Karikatur geworden,
das Volk verachtet mich.
Man spottet über mich in allen Zeitungen.
Panzerwagen umgeben mich,
Maschinengewehre zielen auf mich,
elektrisch geladener Stacheldraht schliesst mich ein.
Jeden Tag werde ich aufgerufen,
man hat mir eine Nummer eingebrannt
und mich hinter Drahtverhauen fotografiert.
Meine Knochen kann man zählen wie auf einem Röntgenbild,
alle Papiere wurden mir weggenommen.
Nackt brachte man mich in die Gaskammer,
und man teilte meine Kleider und Schuhe unter sich.
Ich schreie nach Morphium, und niemand hört mich.
Ich schreie in den Fesseln der Zwangsjacke,
Im Irrenhaus schreie ich die ganze Nacht,
im Saal der unheilbar Kranken,
in der Seuchenabteilung und im Altersheim.
In der psychiatrischen Klinik ringe ich schweissgebadet mit dem Tod.
Ich ersticke mitten im Sauerstoffzelt.
Ich weine auf der Polizeistation,
im Hof des Zuchthauses,
in der Folterkammer
und im Waisenhaus.
Ich bin radioaktiv verseucht,
man meidet mich aus Furcht vor Infektion.
Aber ich werde meinen Brüdern von Dir erzählen.
Auf unseren Versammlungen werde ich Dich rühmen.
Inmitten eines grossen Volkes werden meine Hymnen angestimmt.
Die Armen werden ein Festmahl halten.
Das Volk, das noch geboren wird,
unser Volk,
wird ein grosses Fest feiern.

Wir wollen einen Psalm aus der heutigen Zeit mit der Sichtweise von Lesben, Schwulen und Bi-Menschen entwickeln.
Wir haben auf jedes Liedblatt drei farbige Zettel geklebt: JedeR soll in 10 Minuten die Karten folgendermassen beschriften:
Farbe 1: Klagen / leiden / schimpfen / hadern
Farbe 2: Loben / preisen
Farbe 3: Bitten / Fürbitten

LSBK-Psalm

Von den TeilnehmerInnen des Gottesdienstes zusammengestellt

O Gott, ich klage gegen die Ungerechtigkeit in der Welt.
Warum lässt Du am Ende des 20 Jahrhunderts noch zu, dass einige Mächtige so vielen Mitmenschen Leid zufügen.
Warum lässt Du Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu?
Ich klage gegen jede Form des Krieges, der Folter, der politischen Verfolgung und Diskriminierung.
Gott, ich bin wütend auf die Ungerechtigkeiten in dieser Welt.

Aus tiefer Not schreie ich zu Dir.
Ich leide an der Intoleranz, es tut weh, nicht offen leben zu können, nicht ganz angenommen zu sein, von den Mitmenschen.
Viele betrachten mich nicht als Menschen, sondern als ein Tier, als minderwertiges Geschöpf.

Meine Welt wird nicht verstanden von Eltern, Verwandten und Bekannten. Sie haben Angst und fragen nie nach, als ob sie nicht interessiert wären.
Unseren Freunden wird vom Vatikan das Wort verboten.
Zu viele von uns können oder dürfen nicht frei leben.

Ich finde keine Ruhe.
Selbstsuchend, selbstverwirrend, selbstleer leidend und die Hände ausstreckend suche ich Dich.
Warum ist mein Leben so unbeständig?

Christus, wenn ich allein bin, habe ich oft Mühe mit dem Leben.
Warum, Gott weinst Du nicht viel öfters über die bodenlosen Abgründe in uns Menschen?
Warum lässt Du zu, dass sich Menschen mit Falschheit begegnen?

Du weisst, was wir brauchen.
Erfülle unsere Herzen mit Frieden, fege unseren Hass hinweg,
sei nahe den Gebundenen, Traurigen aber auch Fröhlichen.
Ich bitte für alle Verfolgten in dieser Welt, insbesondere für die Kinder, die Verfolgung und Folter ausgesetzt sind,
lass sie sich geliebt, geborgen und verstanden wissen.

Wecke in uns den Blick fürs Wesentliche.
Lass alle Suchenden Dich finden.
Ich bitte für die Ruhelosen, dass sie immer wieder zur Ruhe kommen.
Ich bitte Dich Gott, dass Du diejenigen rufst, die Dich nicht kennen lernen wollen.
Lass uns Menschen sein, die bejahen, die Grenzen überwinden, Leben fördern und schützen, so wie Du.
Gib uns Frieden, Rücksicht und Gerechtigkeit für jeden Menschen.

Herr, schenke uns Gehör auch bei Andersdenkenden, und lass uns zu dem stehen, wie Du uns geschaffen hast.
Ich bitte Dich für Lesben und Schwule in kirchlichen Ämtern.
Schenke Raum in der Kirche, in dem sich gleichgeschlechtlich Empfindende begegnen können.
Christus, ich bitte Dich für die Lesben- und Schwulenbewegung in aller Welt. Schenke ihr Mut, Weisheit, Kraft und eine Öffnung zur Spiritualität.
Gott, lass uns unsere Zuversicht und unser Vertrauen in Dich ausstrahlen. Lass dieses Vertrauen stetig wachsen in uns und um uns.
Gib uns Kraft, immer gerade Deinem Weg zu folgen und dabei nie die Freude zu verlieren.
Ich hoffe, dass ich Dich finden werde. Wer immer Du auch sein magst.
Herr, gib uns Gesundheit und Zufriedenheit im Leben,
gib uns Deinen Segen auf unsere Wege.
Bleib weiterhin mit Deinem Segen, Deiner Kraft und Deiner Gnade bei mir und bei uns allen, denn die nach dem Herrn fragen, werden ihn preisen.

Gott, ich danke Dir, dass Du mich begleitest auf allen Wegen.
Ich danke Dir für das Leben und preise die göttliche Natur, in allem erkenn‘ ich Dich!
Ich lobe Dich für die Schönheit des Universums.
Herr, ich lobe Dich, dass wir hier in Frieden und Gerechtigkeit leben können.

Lob und Dank sei Dir für die Sicherheit, in der wir leben, und für die Gemeinschaft, die wir in der LSBK finden.
Ich lobe Dich, Gott für die Vielfalt der Schöpfung zu der wir Lesben und
Schwule gehören.
Ich will rühmen den Gott, der uns diese Kirche geschenkt hat und die Menschen,
die sich darin engagieren.

Du Gott hast „Ja“ gesagt, hast es mich hören und glauben lassen, mir Gemeinschaft geschenkt mit Suchenden.
In Dir durfte ich mich erkennen, ich will Deinen Namen kundtun.
Du gibst mir immer wieder Mut in der Mutlosigkeit und Hilfe in der Not.
Du schickst mir helle Stunden voller Leben, Kreativität und Lust.
Ich lobe Dich, Gott. Du holst mich immer wieder aus den Tiefen heraus.
Singen, tanzen möchte ich Dir viel öfter, Geheimnis Gott.
Ich lobe Dich für alle Deine Güte und die grossartigen Kleinigkeiten, die Du mir täglich schenkst.

Denn Du bist der Gott, der die Erde erschaffen hat und alles zum Besten wendet.
Herr ich will Dich loben und Dir danken für Deine Liebe und Güte, denn Du bist bei mir alle Tage meines Lebens.
Gott ich lobe Dich, denn Du bist die Hoffnung der Menschen.

 

Wir haben uns bis jetzt mit einem Klagepsalm beschäftigt in dem der Schreiber sich nicht aufgeben will. Er schreit um Hilfe und er kämpft für seine Angelegenheit. Wissend, dass jemand der noch klagt, sich noch nicht aufgegeben hat. Klage ist ein wichtiger Schritt zur Hoffnung.

Jetzt bitten wir euch mit uns zusammen einen Psalm zu lesen, in dem der Betrachter beginnt seine Seele wahrzunehmen, die im Staube lag, er will sie wieder atmen lassen und der wiedergefundene Atem wird zu Lob und Anbetung.

Psalm 103

Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!
Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:
der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,
der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,
der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.
Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.
Er   hat seine Wege Mose wissen lassen, die Kinder Israel sein Tun.
Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.
Er wird nicht für immer hadern noch ewig zornig bleiben.
Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.
Denn    so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.
So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein.
Wie sich   ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.
Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran,    dass wir Staub sind.
Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;
wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.
Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten,
bei denen, die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun.
Der HERR hat seinen Thron im Himmel errichtet, und sein Reich herrscht über alles.
Lobet den HERRN, ihr seine Engel, ihr starken Helden, die ihr seinen Befehl ausrichtet, dass man höre auf die Stimme seines Wortes!
Lobet den HERRN, alle seine Heerscharen, seine Diener, die ihr seinen Willen tut!
Lobet den HERRN, alle seine Werke, an allen Orten seiner Herrschaft!
Lobe den HERRN, meine Seele!