Inhaltsverzeichnis
Die Reformierte Presse bezeichnete sich in ihrem Untertitel als «Wochenzeitung der reformierten Kirchen». Hauptsächliche Inhalte waren Nachrichten, Kommentare und Themenbeiträge zum Schweizer Protestantismus sowie dessen religiöses und gesellschaftliches Umfeld. Das Feuilleton bot neben Besprechungen theologischer Fachliteratur auch regelmässig Film- und Medienkritiken. Die Zeitung wurde herausgegeben von den Reformierten Medien, einer Organisation der evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz mit Sitz in Zürich. Chefredaktor war zuletzt Fabian Kramer.
Ende 2015 stellte die Reformierte Presse das Erscheinen ein; sie wurde durch das Magazin bref ersetzt. Aus Wikipedia.
Rosen und Dornen
Lesbische Christinnen und schwule Christen in den Kirchen
Eine Rose für den Christopher Street Day: Der Stängel für den Stolz der lesbischen Frauen und schwulen Männer; die Blüte für die Lebensfreude; die Dornen für die Frustration, welche sie immer wieder erleben.
FRANK LORENZ, CORNELIA NUSSBERGER, ANDERS STOKHOLM
in der «reformierten presse» Nr. 30/31 vom 24. Juli 1998
In Zürich war er am 18. Juli, in Lausanne am 4. Juli und in Lugano am 26. Juni: der Christopher Street Day (CSD). Es ist der Tag, an dem weltweit schwule Männer und lesbische Frauen auf die Strasse gehen und ihre Rechte als Bürgerinnen und Bürger einfordern. Der Name CSD erinnert an seinen Anlass: Am 25. Juli 1969 wehrten sich in einer Bar an der New Yorker Christopher Street zum ersten Mal Homosexuelle handgreiflich gegen polizeiliche Repressionen – und gewannen. Der daraufhin entstandene Gedenktag war zu Anfang eine politische Demonstration. Heute ist er in westlichen Ländern eher Fest und Streetparade. Die Frauen und Männer zeigen: Wir sind so und sind stolz darauf.
Stolz, Freude und Frustration sind Stängel, Blüte und Dornen der Rose namens Lesben- und Schwulenbewegung. Trotz der liberalen Haltung in unserer Gesellschaft werden es homosexuelle Frauen und Männer nie leicht haben. Besonders wenn sie sich Institutionen zugehörig fühlen, die ihre Liebesweise grundsätzlich nicht befürworten. Zu diesen Institutionen gehören auch die Kirchen.
Die evangelisch-reformierten Kantonalkirchen haben sich in den vergangenen Monaten intensiv mit dem Thema Homosexualität befasst und Erklärungen erarbeitet. Doch: Immer noch gibt es – teilweise krasse – Benachteiligungen für homosexuelle Seelsorgerinnen und Seelsorger. Im Unterschied zu früher aber kehren die Lesben und Schwulen der Kirche nicht mehr so einfach den Rücken. Sie reklamieren ohne Selbstmitleid ihren Platz und wissen nun, dass auch sie der Kirche etwas zu geben haben. Die Chance für die Kirchen dabei ist, sich als befreiende Gemeinschaft zu profilieren, wo weit mehr Vielfalt ist, als die restliche Gesellschaft es erlaubt.
Zum CSD haben wir darum einen kleinen Strauss geknüpft aus Geschichten, Berichten und Stellungnahmen zu diesem aktuellen Thema.
Mit freundlicher Genehmigung der «reformierten presse» Wochenzeitung der Evangelisch-Reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz, www.ref.ch
Erschienen in der Doppelnummer 30/31 vom 24. Juli 1998
Invisum esse – ein Dorn sein
Die Geschichte des Herrn K.: Seelsorger für Kranke im Auftrag einer lateinischen Kirche
Herr K. ist ein hochsensibler Mann. Er lebt in einer ansehnlich grossen Schweizer Stadt, wo er im Auftrag seiner Kirche einen Dienst versieht, um den ihn nicht viele seiner Kolleginnen und Kollegen beneiden. Herr K. ist Seelsorger für Menschen, die unter einer sehr schweren Krankheit leiden. Seine Kirche hat ihn zu diesem Dienst ordentlich bestellt und eingesetzt: Er hat eine «Sendung» an seinen Arbeitsort erhalten. In Herrn K.s Kirche heisst diese «Missio», denn Herrn K.s Kirche denkt lateinisch. Lateinisch zu denken, das heisst: Gesetze sind da, um die Institution zu stützen und zu befestigen. Nicht für Menschen. Das Latein wurde in Herrn K.s Kirche allerdings als Sprache der Feier am Sonntag schon vor dreissig Jahren abgeschafft. Doch in den Vorschriften und in den Köpfen der Oberen denkt es weiter lateinisch. Herrn K.s Vorgesetzte sagen: Wenn das Latein aus unseren Köpfen und Büchern und Regeln füllt, dann verlieren wir unseren Anspruch. Ihr Anspruch ist in ihrem Namen «all-umfassend».
Herr K. musste lange lernen, bis er vom lateinischen Gottesgelehrten zum Menschenkundigen wurde. Seine Lehrer gaben ihm ein gutes Zeugnis. Sie empfahlen ihn zum Dienst. Herr K. tat also – nachdem er gesandt worden war von seinem Oberen – seinen Dienst: Er ging zu Kranken und beriet Gesunde, die die Krankheit noch nicht hatten. Er feierte Gottesdienste und berichtete über die Krankheit, auch an Orten, wo man sich vor ihr fürchtete. Kurz: Herr K. tat, was man von ihm erwartete, und er tat es sehr gut. Ganz einfach, ohne Aufsehens. Eines Tages verlangte Herrn K.s Oberer ein Gespräch. Der Obere sagte: «Herr K., ich habe Ihnen die Sendung gegeben, die Missio für die Arbeit mit den Kranken. Gut, dass Sie sie machen. Gut, wie Sie sie machen. Doch nun ist mir etwas zu Ohren gekommen über Sie, das dem Lateinischen unserer Kirche widerspricht. Darum darf ich Sie nicht <einstellen> – ich darf Ihnen die Institutio nicht geben. Leben Sie wohl und danke, dass Sie sich den Kranken widmen.» Herr K. war also gut für die Arbeit, beliebt bei den Kollegen und gebraucht von denen, die die Krankheit haben. Alles gut, soweit. Aber nun hatte Herrn K.s Oberer ein lateinisches Problem. Herr K. war plötzlich ein Dorn im Auge seines Oberen. Denn Herr K. liebt einen Mann genauso unauffällig und sensibel, wie Herr K. eben ist. Zumindest sagen das alle über Herrn K.
THEOLOGIE: WENN LESBEN UND SCHWULE VON GOTT REDEN
Über Schwule und Lesben wird derzeit heftig debattiert. Man hätte allerdings auch die Möglichkeit, mit ihnen zu reden und ihre Vorschläge zur Kenntnis zu nehmen. Seit einigen Jahren arbeiten lesbische Theologinnen an ihren eigenen theologischen Perspektiven und veröffentlichen wichtige Überlegungen in der Zeitschrift «Schlangenbrut». Schwule Theologen haben sich die «Werkstatt Schwule Theologie» als Forum geschaffen.
Die bedeutendsten Impulse kamen in Europa von den reformierten Theologen Rinse Reeling Brouwer und Frans-Joseph Hirs aus den Niederlanden. Ihr theologisches Modell: Auf dem Weg zum Reich Gottes ist es unerlässlich, dass alle Perspektiven, die in der Kirche vorhanden sind, eingebracht werden. Nur so wird die Vision einer gerechteren Welt genau und klar. Der deutsche Theologe Jens Weizer entwirft das Bild einer Kirche, die ohne die Diskriminierung von Schwulen besser zu sich selbst findet. Ein nordamerikanischer Beitrag zu schwuler Theologie stammt von dem Jesuiten John J. McNeiII. Er buchstabiert eine schwul-lesbische Spiritualität, die die Aussenseiterperspektive der lesbischen Christinnen und der schwulen Christen als eine Stärke entdeckt, die viel mit dem Evangelium der Armen und Unmündigen gemeinsam hat.
Die aktuelle Debatte in den Kirchen und Gemeinden über homosexuelle Christinnen und Christen könnte viel an Tiefgang gewinnen, wenn die Beiträge dieser Theologinnen und Theologen ebenfalls beachtet würden.
Norbert Reck
Norbert Reck ist Theologe und Schriftsteller und lebt in München.
Mit freundlicher Genehmigung der «reformierten presse» Wochenzeitung der Evangelisch-Reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz www.ref.ch
Erschienen in der Doppelnummer 30/31 vom 24. Juli 1998
Dornenreicher Weg ins Pfarramt
Erfahrungen lesbischer Pfarrerinnen und schwuler Pfarrer mit Kirchenbehörden und -gemeinden
Prüfstein für die Toleranz und Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Christen in der Kirche ist die Einstellung der Kirchgemeinden und ihrer Behörden gegenüber lesbischen Mitarbeiterinnen und schwulen Mitarbeitern. Die jüngst erfolgte Nichtwahl eines hervorragend qualifizierten Theologinnenpaares zeigt: Obwohl sich die evangelisch-reformierten Landeskirchen gegenüber anderen Lebensformen öffnen, haben es gleichgeschlechtlich orientierte kirchliche Mitarbeiter nach wie vor schwer, akzeptiert zu werden. Bekennen sie ihre Homosexualität bereits bei der Stellenbewerbung, haben sie kaum Chancen, sich vorstellen zu dürfen.
«Als frisch ordinierte Theologinnen und Theologen verschiedener Kantonalkirchen mussten wir feststellen, dass homosexuelle Theologinnen und Theologen nur mit Mühe von den Gemeinden in den kirchlichen Dienst aufgenommen werden», schrieben evangelische Theologinnen und Theologen kürzlich in einem Leserbrief. Grund dieser Aktion: die Nichtwahl eines Theologinnenpaares trotz von der Pfarrwahlkommission attestierter hervorragender Qualifikationen. Sie hätten nicht gedacht, dass ihre Beziehung bei der Stellensuche zu einem Problem werden könnte, erzählen sie. Solange sie sich im universitären Bereich bewegten, hätten sie keinerlei Diskriminierung erlebt.
Aufgeklärte Universität
Unter dem Titel «Lust, Angst und Provokation» fand an der Universität Basel eine interdisziplinäre Ringvorlesung zum Thema Homosexualität statt, an der sich auch die evangelisch-theologische Fakultät beteiligte. Für die Theologin F. S., lange Zeit in evangelikalen Kreisen engagiert, bedeutete der Besuch dieser Veranstaltungen einen Moment der Enttabuisierung des Themas. Das ermöglichte ihr, zu ihrer lesbischen Identität zu stehen. Dass sie und ihre Partnerin nun, nach einem auf dem zweiten Bildungsweg abgeschlossenen Studium und mit einer reichen Berufserfahrung, keine Stelle erhalten, ist für sie und andere Berufskollegen nicht verständlich. «Ich habe nicht den Eindruck, dass wir aus theologischen Gründen nicht angestellt werden», meint die Theologin G. J. «Offenbar seien es aber evangelikale Kirchenpfleger, die, obwohl in der Landeskirche eine Minderheit, laut Kritik übten und offenere Meinungen übertönten», denkt G. J. weiter.
«Sowenig die Natur- und Humanwissenschaften die Entstehung der Homosexualität eindeutig erklären können, so sehr stimmen die Fachleute darin überein: Ein junger Mensch wird nicht durch homosexuell.»
Stellungnahme der reformierten Kirche des Kantons St. Gallen
Ängste
Pfarrer A. G. outete sich erst einige Zeit nach seinem Amtsantritt. Er und sein Partner hätten zwar Kritik erfahren. Überraschenderweise hätten jedoch die positiven Reaktionen überwogen. Nachdem bekannt geworden war, dass er homosexuell sei, hätten sich einige Leute auch aus der unmittelbaren Umgebung ihm gegenüber geoutet. Man durfte plötzlich mit einem Pfarrer darüber reden, und er verstand einen, weil er selbst betroffen war. Heute sei es selbstverständlich, dass sein Partner in der Kirchgemeinde mitarbeite, bei den Altersnachmittagen helfe und in die Altersferien mitkomme. Selten komme es vor, dass Mütter A. G. sagten, sie hätten Angst, ihre Kinder zu ihm in die kirchliche Unterweisung zu schicken. Er fragte dann zurück, ob sie denn keine Angst hätten, wenn ihre Töchter den Unterricht bei einem heterosexuellen Pfarrer besuchten.
«Die reformierte Kirche tut auf.» Davon ist Pfarrerin B. N. überzeugt. Nachdem sie eine Stelle wegen ihrer Frauenbeziehung aufgeben musste, wurde sie nach einer Stellvertretung in einer baselländischen Gemeinde von dieser gewählt. Im Bewerbungsgespräch habe sie sich geoutet. Die Pfarrwahlkommission habe sich für sie eingesetzt. Vermehrt kämen Leute aus der Region zu ihr, die Interesse hätten, in der Kirche mitzuleben, und ihren Platz suchten. Einen Grund, warum Kirchgemeinden zögern, Homosexuelle ins Pfarramt zu wählen, sieht B. N. darin, dass Gegner mit dem Argument, die Jugend würde verführt, Propaganda machten.
Mit freundlicher Genehmigung der «reformierten presse» Wochenzeitung der Evangelisch-Reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz www.ref.ch/presse
Erschienen in der Doppelnummer 30/31 vom 24. Juli 1998
Christliche Homosexuelle: «Die Kirche braucht uns»
Rund 20 Frauen und 60 Männer aus 16 europäischen Ländern haben sich vom 9. bis zum 12. Mai zur zwanzigsten Jahrestagung des europäischen Forums christlicher Schwulen- und Lesbengruppen im reformierten Tagungszentrum Leuenberg (BL) getroffen.
Der Festgottesdienst zum 20-jährigen Bestehen des Forums christlicher Schwulen- und Lesbengruppen hat am Freitag in der Basler Elisabethenkirche stattgefunden. Grussworte kamen unter anderem vom reformierten Basler Kirchenratspräsidenten Georg Vischer und vom Basler Grossratspräsidenten Ernst-Ulrich Katzenstein. Die römisch-katholische Theologin der Offenen Kirche Elisabethen, Eva Südbeck-Baur, wünschte sich eine deutlichere Sichtbarkeit von Menschen mit homosexueller Orientierung in den etablierten Kirchen, die dadurch «bereichert werden und ein Stück weit genesen» könnten. Ähnlich der Forum-Kopräsident Arthur Thiry: «Nicht wir brauchen die Kirche, die Kirche braucht uns.»
In 20 Jahren viel erreicht
Von verschiedenen Seiten wurde hervorgehoben, dass in den vergangenen zwanzig Jahren viel erreicht worden sei. Für das kommende Jahr sei eine Kontaktaufnahme zur Konferenz Europäischer Kirchen geplant, die dem Forum einen Mitglieds- oder Beobachterstatus ermöglichen solle. Fünf Gruppen wurden als neue Mitglieder des Forums aufgenommen.
Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen an der Tagung kamen aus der Schweiz, der Slowakei, Italien, Deutschland und Russland. Sie waren reformiert, lutherisch, römisch-katholisch, anglikanisch, orthodox oder gehörten zu einer Freikirche. Alle gehörten zu einer der 38 Gruppen homosexueller Christinnen und Christen des europäischen Forums. Sie wollten ihren christlichen Glauben leben, erklärten sie, ohne ihre sexuelle Orientierung zu verleugnen.
Weiter kämpfen
Das Thema der Begegnung hiess «Kampf und Kontemplation». Dabei gab es von Land zu Land und von Konfession zu Konfession Unterschiede: Während in den protestantischen Volkskirchen von Mittel-, Nord- und Westeuropa Homosexualität bei nicht angestellten Mitgliedern weitgehend geduldet wird, lehnen orthodoxe und evangelikale Freikirchen sie ab und drohen mit Kirchenausschluss. Oder sie versprechen Heilung durch Gebet und Therapie.
Die auf dem Leuenberg vertretenen Gruppen zeigten sich so unterschiedlich wie die Situation ihrer Mitglieder: Manche sind in erster Linie Gottesdienstgemeinden, wie die in angelsächsischen Ländern stark vertretene Metropolitan Community Church oder die gastgebende Lesbische und Schwule Basiskirche Basel (LSBK). Das deutsche Maria-und-Martha-Netzwerk ist eine Anlaufstelle für lesbische kirchliche Mitarbeiterinnen. Das aus der LSBK hervorgegangene Projekt «Zwischenraum» ist für Menschen mit evangelikal-charismatischem Hintergrund gedacht: Diese haben festgestellt, dass sie ihre Orientierung nicht ablegen oder heilen können, sich aber mit dem Glauben auseinandersetzen wollen.
Die jährlichen Treffen des vor zwanzig Jahren von dem französischen Priester Emile Letertre gegründeten Forums sollen die Begegnung zwischen diesen verschiedenen Gruppierungen fördern und gemeinsame Aktionen ermöglichen. Dieses Jahr ging es unter anderem um die EU-Richtlinien gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz. Diese verbieten es Arbeitgebern, Arbeitnehmer aufgrund ihrer sexuellen Orientierung zu diskriminieren. Eine Ausnahme gilt dagegen für religiöse Organisationen: Sie dürfen aus «Gewissensgründen» eine Gleichbehandlung von Homosexuellen ablehnen.
Austausch und Gottesdienste
Das Forum verfasste einen Brief an Bundesrätin Ruth Metzler mit der Bitte, die Stellungnahmen der Schweizer Homosexuellenverbände zur vorgeschlagenen Partnerschaftsregelung für gleichgeschlechtliche Paare verstärkt zu berücksichtigen. Die Frauenvorkonferenz des Forums beantragte ausserdem finanzielle Unterstützung für ein Buchprojekt, in dem Lebenszeugnisse von lesbischen christlichen Frauen aus Europa veröffentlicht werden sollen.
Neben Austausch und Aktion prägten Gottesdienste und Andachten das Treffen. Es wurde auch der Wunsch geäussert, dass «wir den dreissigsten Geburtstag des Forums nicht mehr feiern, weil es dann nicht mehr gebraucht wird». So weit ist es noch nicht: Das nächste Treffen findet im Frühjahr 2003 in den Niederlanden statt.
Marianne Weymann in der «Reformierten Presse», 17.5.2002