Regenbogenfeier vom 26. April 2026

Johannes 15,1–8

Eingangsgebet

Ewiger,
Quelle des Lebens,
wir kommen zu dir.

Aus unseren Tagen,
aus dem, was hinter uns liegt,
und dem, was uns noch nachgeht.

Wir bringen mit,
was uns freut
und was uns beschäftigt,
Gedanken, die uns begleiten,
und Fragen, die noch offen sind.

Sammle uns jetzt bei dir.
Lass uns ankommen –
hier, in diesem Raum,
in diesem Moment,
in deiner Gegenwart.

Und auch das legen wir vor dich:
was uns nicht gelungen ist,
und was uns beschwert –
Dinge, die wir mit uns tragen,
und die, die uns belasten.

Du kennst uns.
Und du sprichst dein Ja über uns.

Ein Ja, das uns gilt,
so wie wir sind.
Ein Ja, das uns hält
und uns nicht loslässt.

Richte uns aus auf dich.
Öffne unsere Herzen für dein Wort.
Sei gegenwärtig in diesem Gottesdienst –
sei gegenwärtig in unserer Freude
und in unserem Lieben –
in allem, was wir hören, sagen und singen.

Und verbinde uns miteinander
in deiner Liebe,
die Leben schenkt.

Amen.

Gebet vor der Evangeliumslesung

Gepriesen bist du, Ewiger,
Quelle des Lebens und der Wahrheit.
Du sprichst – und dein Wort öffnet Wege.
Du rufst – und wir werden lebendig.

Öffne unser Herz für dein Wort,
lass es in uns Wurzeln schlagen,
uns nähren, verwandeln, tragen.

Wo wir verschlossen sind – weite uns.
Wo wir verletzt sind – berühre uns.
Wo wir uns selbst verloren haben – finde uns.

Lass uns hören, was du uns heute sagst.
Nicht nur mit den Ohren,
sondern mit unserem ganzen Sein.

Und gib, dass dein Wort in uns bleibt –
und wir in dir.

Amen.

Evangeliumstext:

Johannes 15,1-8

1. «Ich bin der wahre Weinstock. Mein Vater ist der Weinbauer.

2Er entfernt jede Rebe an mir, die keine Frucht trägt. Und er reinigt jede Rebe, die Frucht trägt, damit sie noch mehr Frucht bringt.

3Ihr seid schon rein geworden durch das Wort, das ich euch verkündet habe.

4Bleibt mit mir verbunden, dann bleibe ich mit euch verbunden.
Eine Rebe kann aus sich selbst heraus keine Frucht tragen.
Dazu muss sie mit dem Weinstock verbunden bleiben.
So könnt auch ihr keine Frucht tragen, wenn ihr nicht mit mir verbunden bleibt.

5Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
Wer mit mir verbunden bleibt, so wie ich mit ihm, bringt reiche Frucht.
Denn ohne mich könnt ihr nichts erreichen.

6Wer nicht mit mir verbunden bleibt, wird weggeworfen wie eine unfruchtbare Rebe und vertrocknet.
Man sammelt die vertrockneten Reben ein und wirft sie ins Feuer, wo sie verbrennen.

7Wenn ihr mit mir verbunden bleibt und meine Worte in euch bewahrt, dann gilt:
Ihr dürft bitten, was immer ihr wollt – und eure Bitte wird erfüllt werden.

8Die Herrlichkeit meines Vaters wird darin sichtbar, dass ihr viel Frucht bringt
und euch als meine Jünger erweist.»

Drasha zu Johannes 15,1-8

Ihr Lieben,

Ich mag dieses Bild.
Den Weinstock. Die Reben.

Es ist ein warmes Bild.
Ein lebendiges.
Eines, das nach Erde riecht und nach Sonne.
Nach etwas, das wächst, ohne dass wir es machen müssen.

Und dann stehen da diese anderen Worte auch im Text:

abschneiden.
keine Frucht.
ins Feuer werfen.

Und plötzlich ist da ein Riss im Bild.

Ein Bild von Leben –
und mitten darin Worte, die nach Ausschluss klingen.

Und ich glaube, viele von uns kennen genau das.
Vielleicht nicht unbedingt aus diesem Text.
Aber aus Worten, die so klingen.

Du bist nicht richtig.
Nicht vorgesehen.
Nicht gemeint.
Nicht fruchtbar.

Vielleicht hat das niemand laut gesagt.
Aber es hat sich so angefühlt.

Und dann hören wir so einen Text.
Und fragen uns:

Bin ich überhaupt gemeint?
Bin ich eine Rebe –
oder eine, die man irgendwann abschneidet?

Ich möchte mit euch noch einmal genauer hinschauen.

Was ist eigentlich die Mitte dieses Textes?

Es ist nicht das Abschneiden.
Es ist nicht die Frucht.

Die Mitte ist ein Satz, der immer wiederkommt:

«Bleibt in mir – und ich bleibe in euch.»

Das ist der Herzschlag dieses Textes.

Bleibt.
Und ich bleibe.

Nicht: Beweist euch.
Nicht: Werdet erst richtig.
Nicht: Passt euch an.

Bleibt.

Und dann sagt Jesus:

«Ich bin der Weinstock. Ihr seid die Reben.»

Nicht: Ihr könnt vielleicht dazugehören.
Nicht: Ihr müsst euch erst qualifizieren.

Ihr seid es.

Und das ist wichtig.
Weil es eine Frage klärt, die oft anders beantwortet wurde:

Wer entscheidet eigentlich, wer dazugehört?

Ist es die Kirche?
Sind es Traditionen?
Mehrheiten?
Normen?

Dieser Text sagt etwas anderes.

Die Verbindung entsteht nicht durch das,
was andere über dich sagen.

Sondern durch Christus selbst.

Er ist der Weinstock.
Und wenn das stimmt, dann heisst das:

Die Verbindung zu ihm kann dir niemand absprechen.

Und dann kommt dieser Satz:

«Ihr seid schon rein geworden…»

Schon.

Nicht irgendwann.
Nicht unter Bedingungen.

Schon.

Das ist keine Drohung, dieser Text.
Es ist eine Zusage.

Eine, die vielleicht leiser ist als die Stimmen, die wir sonst hören.
Aber sie ist da.

Und trotzdem.

Die Erfahrung bleibt ja.

Dass Menschen abgeschnitten werden.
Dass sie sich selbst wie abgeschnitten fühlen.

Vielleicht kennst du das.

Dieses Gefühl, nicht wirklich verbunden zu sein.
Irgendwie am Rand.
Irgendwie falsch eingeordnet.

Oder dass andere dir das Gefühl gegeben haben.

Und dann möchte ich eine Frage in den Raum stellen:

Wer hat eigentlich gesagt,
dass diese Rebe tot ist?

Wer entscheidet das?

Denn wenn man sich einen Weinstock anschaut,
dann merkt man:

Reben sehen manchmal trocken aus.
Abgebrochen.
Unscheinbar.

Und dann – irgendwann – treiben sie wieder aus.

Ganz leise.
Ganz unspektakulär.

Aber da ist Leben.

Nicht, weil die Rebe sich besonders angestrengt hat.
Sondern weil sie verbunden ist.

Weil da etwas durch sie hindurchfließt.

Und vielleicht ist das eine Wahrheit,
die wir hören müssen:

Das Leben im Weinstock ist stärker als das Urteil über die Rebe.

Was Menschen für abgeschnitten halten,
kann bei Gott längst wieder leben.

Und dann ist da noch dieses Wort: Frucht.

Das hat so viel Druck bekommen.

Frucht bringen.
Etwas leisten.
Etwas vorweisen.

Und oft auch ganz eng gedacht:

bestimmte Lebensformen,
bestimmte Wege,
bestimmte Bilder davon, was «richtiges Leben» ist.

Aber wenn wir beim Bild bleiben…

Ein Weinstock wächst nicht ordentlich.

Er windet sich.
Er sucht Wege.
Er wächst dahin, wo Raum ist.

Er ist nicht geschniegelt.
Er ist lebendig.

Und Frucht entsteht nicht,
weil alles gleichförmig ist.

Sondern weil Leben da ist.

Vielleicht ist Frucht:

wenn jemand den Mut findet, ehrlich zu sein.
wenn Liebe gelebt wird – auch gegen Widerstände.
wenn ein Mensch aufhört, sich zu verstecken.
wenn Beziehungen wachsen, die tragen.

Frucht ist kein Beweis dafür,
dass du richtig bist.

Frucht ist ein Zeichen dafür,
dass du verbunden bist.

Und vielleicht können wir das heute mitnehmen:

Du musst dir deinen Platz am Weinstock nicht verdienen.

Du bist längst verbunden.

Auch wenn andere das infrage stellen.
Auch wenn du selbst daran zweifelst.

Die Verbindung hängt nicht daran,
was über dich gesagt wird.

Sondern daran,
dass der Weinstock dich hält.

Ich stelle mir vor:

eine Rebe.
Unspektakulär.
Vielleicht ein bisschen knorrig.
Nicht perfekt.

Und tief in ihr drin
fliesst Leben.

Man sieht es nicht immer.
Manchmal lange nicht.

Aber der Weinstock weiss es.

Und vielleicht ist das die Wahrheit dieses Textes:

Nicht wir halten die Verbindung.

Die Verbindung zu Christus hält uns.

Amen.

Fürbitte

Ewiger,
Quelle des Lebens,
du kennst uns –
verbunden, gehalten, gesehen.

Wir bringen vor dich all die,
die anders sind in den Augen dieser Welt –
und die daran leiden,
nicht weil sie anders sind,
sondern weil andere sie dazu machen.

Menschen, die die Welt anders wahrnehmen,
die fühlen, denken, reagieren
auf ihre eigene Weise –
und oft keinen Raum finden dafür.

Menschen, deren Hautfarbe sie angreifbar macht.
Jüdinnen und Juden,
die auch heute Angst kennen,
wo Leben doch frei sein sollte.

Alle, die an den Rand gedrängt werden,
leise gemacht, übersehen,
oder laut benannt –
aber nicht wirklich gesehen.

Bleibe du bei ihnen.
Halte sie verbunden mit deiner Quelle des Lebens,
auch dort, wo andere die Verbindung leugnen.

Wir bringen vor dich auch die,
die krank sind –
an Körper, Seele oder Geist.

Die erschöpft sind.
Die kämpfen.
Die hoffen – oder die Hoffnung verloren haben.

Sei ihnen nahe.
Wie ein Strom von Leben,
der nicht versiegt.

Und wir bringen vor dich unsere Verstorbenen.

Wir vertrauen sie deiner Liebe an,
deinem Frieden,
deinem Licht, das nicht vergeht.

Und wir bitten dich für die, die zurückbleiben:
tröste sie,
halte sie,
sei ihnen nah in allem, was fehlt.

Ewiger,
bleibe du in uns –
und lass uns in dir bleiben.

Amen.

Fürbitte für Mitmenschen in der Transition

von Fabienne Adèle Nika Tessa Affolter

Grosser Gott, Allmächtiger,

dankend und im Bewusstsein der Kostbarkeit,
der Einmaligkeit und der Würde unseres Lebens,
das Du uns geschenkt hast –
sei es in weiblicher, männlicher oder non-binärer Form –
bitten wir Dich heute um Deinen Segen und um Deinen Schutz.

Bitte lasse die Menschen,
die sich in ihrem durch die Geburt gegebenen Körper
nicht wohl und nicht ganz fühlen,
nicht allein.

Gib ihnen die Möglichkeit,
sich zu erforschen und zu entdecken.
Stärke sie darin,
in ihrer Situation Deine Liebe zu spüren –
als Kraftquelle für ihren Weg.

Lass sie in ihrer gewählten Lebensform ankommen.
Sich entfalten.
Sich zu Hause fühlen.

Schenke ihnen Wärme, Vertrauen und Halt,
damit sie ihren Weg gehen können.

Lass sie mit ihrem selbst gewählten Namen strahlen
und auch in dunklen Stunden Licht finden.

Stärke ihr Selbstbewusstsein im Alltag
und schenke ihnen Mut und Geduld
für ihre Transitions-Reise –
auch dann, wenn gesellschaftliche Normen
ihnen Steine in den Weg legen.

Sei mit ihnen, wenn sie unsicher sind.
Sei mit ihnen, wenn sie kämpfen.
Sei mit ihnen, wenn sie Leid und Schmerz erfahren.
Stehe ihnen bei, wenn sie Ablehnung erleben,
und lass sie Deine Barmherzigkeit spüren.

Führe sie durch die raue See ihres Weges
und schenke ihnen immer wieder Zeiten der Ruhe,
in denen sie Atem holen und Kraft schöpfen können.

Wir bitten Dich auch für die Menschen an ihrer Seite:
für Familien, Freundeskreise, Arbeitsumfelder
und für alle Fachpersonen, die sie begleiten.
Gib ihnen Verständnis, Geduld und Weisheit.

Lass diese Menschen ankommen
in ihrem Leben, in ihrem selbst gewählten Geschlecht.
Und wenn aus dem Kokon ein Schmetterling wird,
lass ihn seine Flügel ausbreiten und fliegen –
getragen vom Wind Deiner Liebe.

Amen.

Fürbitte

Gott,

unser Blick richtet sich auf alle Menschen, die von Gewalt und Missbrauch betroffen sind – zu Hause, in ihrem sozialen Umfeld, im Krieg.

Wir bitten dich: Lass sie Hilfe erfahren, damit sie neuen Mut und Vertrauen gewinnen.

Gott, auch die Täter bringen wir vor dich.

Schenke uns Mut und Klarheit, hinzusehen und Verantwortung einzufordern, damit Einsicht wachsen kann.

Gott, lass uns wachsam bleiben und uns dafür einsetzen, Untaten zu verringern.

Gott, hilf uns angesichts des Schreckens das Vertrauen in dich und in das Leben zu verlieren

Amen


ReferentInnen:

Ari Yasmin Lee
Fabienne Adèle Nika Tessa Affolter
Elisha Schneider