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Bildersammlung aus Elisabeth Ohlson Wallins Zyklus „Ecce Homo“

12. Der Himmel

12. Der Himmel

Matthäus 18:10

„Hütet euch davor, die einfachen Menschen in der Gemeinde überheblich zu behandeln. Denn das kann ich euch sagen: ihre Engel haben immer Zugang zu meinem Vater im Himmel.“

12. Der Himmel

Habt keine Furcht. Gott ist die Liebe.

Elisabeth Ohlson Wallin

Zum Anfang

Predigt über Matthäus 18,10

von Jörg Machel

Emmaus- Ölberg- Kirchengemeinde Berlin Kreuzberg

„Hütet euch davor, die einfachen Menschen in der Gemeinde überheblich zu behandeln. Denn das kann ich euch sagen: ihre Engel haben immer Zugang zu meinem Vater im Himmel.“

Liebe Gäste, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Gemeinde. Sofort als ich diesen Text las, klang mir die endlose Reihe in den Ohren, die im katholischen Gottesdienst erklingt:

Heiliger Laurentius bete für uns,Heilige Elisabeth bete für uns,
Heiliger Stephanus bete für uns,
Heilige Klara bete für uns,
Heiliger Franziskus bete für uns.

Und vor Augen hatte ich die Bilder der Heiligen. Die großen Augen, den sanften Blick, das weltvergessene Lächeln. Demütig tragen sie ihre Folterwerkzeuge in der Hand: glühende Kohlen, ein Schwert, einen Topf mit siedendem Öl, Steine, Kreuze, Pfeile.

Die Märtyrer der Kirche als Fürsprecher der Verfolgten und Verzweifelten. Die Märtyrer als Beispiel für Glaubenskraft und Bekennermut.

Der polnische Aphoristiker Stanislav Lec hat mein Unbehagen an diesen Gestalten auf den Punkt gebracht, als er sagte: «Ich lese Heiligenlegenden am liebsten von hinten, weil ich darauf hoffe, am Ende wieder einem Menschen zu begegnen.»

Das, liebe Freunde, ist mein Problem mit den Heiligen, sie sind mir herzlich fremd. Sie befremden mich in ihrer Naivität und Einfalt, manchmal leiden sie für Grundsätze, für die sie nicht hätten leiden sollen, ihre Rechtschaffenheit lastet oft so schwer auf ihnen, daß es auch mir zur Last wird.

Das Himmelsbild von Elisabeth Ohlson wirft ein anderes Licht auf die Gruppe unserer Fürsprecher. Sie blicken frecher drein als die mir bekannten Heiligen. Das Bild ist zwar nicht lüstern in meinen Augen, doch es ist durchaus erotisch geladen. Man hält sich im Arm und genießt die Nähe, auch körperlich.

Beim Betrachten des Bildes ist man versucht, die Gesichter wiederzuerkennen, denen man auf seinem Gang durch die Ausstellung begegnet ist. Ist hier nicht der eine oder die andere vom Christopher Street Day, jemand aus der Weihnachtsszene dort drüben oder auch aus der Gruppe im Garten Gethsemane?

Sie haben ihre Lederkluft abgelegt, die harten Jungs, und die Tunten sind abgeschminkt. Ich versuche Judas wiederzuerkennen, er müßte doch auch dabeisein, oder etwa nicht? Die Glatzen fehlen. Dürfen die nicht hinein ins Himmelreich? Hat Frau Ohlson die Hölle etwa nicht abgeschafft? Müssen sie büßen für ihr elendes Tun? Ich kann sie nicht finden!

Aber sie gehören dazu: Judas, die Skins, die Tunten, die Lederschwulen. Wir werden uns wiedersehen. Auch der Hund ist wieder da.

Klar, alle haben sich ein wenig verändert, der Hund sieht nicht mehr so martialisch aus, und auch den Messerstechern ist das finstere Gesicht abhanden gekommen.

Alle sind versammelt und umlagern Jesus. Sie sind in strahlendes Weiß gehüllt. Alle tragen die Farbe der Unschuld. Es ist kein Arg mehr an ihnen. Sie haben hinter sich gelassen, was irdisch war, das Vorläufige, das Uneigentliche. Sie haben entspannte Gesichter, sehen fröhlich aus.

Auch beim Einzug in Jerusalem sehen sie fröhlich aus, aber da sind sie noch sehr dem Ich verhaftet. Jeder ist ganz in seinem Ich gefangen, möchte Individuum sein, unverwechselbar. Das fällt ab dort oben, da muß man nichts mehr darstellen, nichts Besonderes mehr sein, sich nicht abheben von den anderen.

Lack und Leder bleiben zurück, Verrat und Mißgunst haben keinen Bestand, Haß und der Wille zu zerstören, gehören in den Alltag dieser Welt, nicht aber in die Nähe Gottes. Der Himmel ist der Ort der Liebe, und alles, was an jedem von diesen Menschen auf Erden Liebe war, das wird Bestand haben in Ewigkeit.

Doch nicht alles an diesen Menschen war Liebe zu ihren Lebzeiten.

Viel Kaputtes, Verletztes, Zerstörerisches war auch an ihnen. Und deshalb gehören sie nicht in die klassische Heiligenlitanei. Niemand von ihnen würde das Verfahren bestehen, welches man im Vatikan durchlaufen muß, bevor man auf die Liste der Heiligen kommt, bevor man zum Fürsprecher im Himmel wird und als Nothelfer angerufen werden kann.

Dort auf dem Bild sind einfache Menschen zu sehen, keine Heiligen. Aber jede und jeder von ihnen trägt dennoch etwas von der Größe Gottes, von seiner Liebe und seiner selbstlosen Hingabe in sich.

Elisabeth Ohlson versteht den Bibeltext als Appell an die Wertschätzung der kleinen Leute, der Mikroi, doch wenn von den Kleinen die Rede ist, muß ich immer auch an die Kinder denken.

Und das gehört ja vielleicht auch zusammen. Die kleinen Leute und die kleinen Kinder haben manches gemein. Sie bilden sich nicht zuviel auf sich ein, erfahren ständig ihre Grenzen, wissen um ihre Unvollkommenheit – und haben doch ein Gefühl für wahre Größe, ahnen, was im Leben wirklich zählt und Bestand haben wird.

Gerade in der Begrenztheit erleben sie sich und andere als wahrhaft menschlich und immer auch als bedroht, ganz und gar unmenschlich und unwürdig zu handeln. Sie verfügen über die ganze Palette menschlicher Möglichkeiten.

Gott schaut wohlwollend auf solche Menschen, verrät Matthäus. Er kennt ihre Grenzen, aber er kennt auch ihre Möglichkeiten, und er ist bereit, ihnen zuzuhören und zu verstärken, was an ihnen groß und gut ist.

Dort, wo das Leben pulsiert, so habe ich es selbst schon oft erlebt, ist Gotteserfahrung möglich, dort wo das Leben nicht erstickt wurde in Regeln und Gesetzen, kann Gott sich ereignen.

Idealisierungen allerdings sind unangebracht, so habe ich auch gelernt. Die Welt der Homosexuellen ist nicht die heile Gegenwelt zur bürgerlichen Verlogenheit. Es gibt viel Verzweiflung und Entfremdung auch dort. Die Brüche dieser Welt ziehen sich durch alle Schichten und Milieus.

Doch es gibt auch dort gelungenes Leben. Es gibt den Widerschein des Himmels auch unter Schwulen und Lesben.

Und um diesen Aspekt ging es bei den Auseinandersetzungen um unsere Ausstellung ganz zentral: Kommt Jesus zu den Schwulen und Lesben, um sie von ihren Sünden zu befreien oder um sie von ihrer Homosexualität zu erlösen?

Manche hat das entblößte Geschlecht in der Taufszene empört – lächerlich angesichts dessen, was wir an jedem Kiosk zu sehen bekommen. Manche hat empört, daß Jesus selbst zum Aidskranken wurde auf den Bildern – auch das ohne theologische Brisanz, finde ich!

Aber daß Jesus Stöckelschuhe trägt, darüber ist ein Diskurs lohnend. Jesus besucht die Szene nicht nur, er taucht ein in diese Welt! Damit wird Neuland betreten, darin sehe ich eine neue Qualität der Betrachtung.

Doch gerade nach dieser Beobachtung ist es nötig, weiter auf das Detail zu achten: Jesus bleibt in seiner weißen Kutte dargestellt. Er bleibt mit der Farbe der Unschuld bekleidet. Für mich eine klare Aussage: Ja, es ist möglich, schwul oder lesbisch zu sein und doch ganz nahe bei Gott zu bleiben. Wir werden nicht Sünder und Sünderinnen durch unsere sexuelle Orientierung, sondern dadurch, daß wir sie nicht gottgemäß leben.

Im Zusammenleben von Menschen, gerade im Kraftfeld der Sexualität, gibt es so unendlich viele Möglichkeiten zu verletzen und zu zerstören, Verantwortung auszublenden und sich selbst zu verlieren, daß es nicht einfach nur Spießigkeit war, wenn die alte Kirche in der Sexualität das Einfallstor der Sünde sah. Aber sie hat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Sie hat das Geschlechtliche selbst verdammt, statt ihm einen guten und förderlichen Rahmen zu geben.

Liebe Gemeinde, das wünsche ich uns allen, Homosexuellen wie Heteros, daß wir in der Sexualität einen Widerschein jener Liebe finden, die uns auf diesem Bild vom Himmel begegnet.

AMEN

11. Jesus zeigt sich den Frauen

11. Jesus zeigt sich den Frauen

Matthäus 28: 9-10

Plötzlich stand Jesus selbst vor ihnen und sagte: „Seid gegrüsst!“ Die Frauen warfen sich vor ihm nieder und umfassten seine Füsse. „Habt keine Angst!“ sagte Jesus zu ihnen. „Geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen. Dort werden sie mich sehen.“

11. Jesus zeigt sich den Frauen

Als Jesus aus dem Grabe auferstand, zeigte er sich zuerst Maria Magdalena und Salome. Auf diesem Bild trifft Jesus zwei lesbische Priesterinnen. Er gibt ihnen den Auftrag, hinauszugehen und zu berichten, was sie gesehen haben.

Elisabeth Ohlson Wallin

12. Der Himmel

10. Die Pietà

10. Die Pietà

Johannes 19:26

„Weib, siehe, das ist dein Sohn“

10. Die Pietà

Das Bild ist von der Skulptur Michelangelos in der Peterskirche in Rom inspiriert. Hier liegt der tote Jesus auf Marias Knien. Dies ist Jan. Er ist HIV-positiv. Das Bild wurde vor Abteilung 53 des Söder-Krankenhauses in Stockholm aufgenommen. In dieser Abteilung werden die Aidskranken in ihrem letzten Lebensabschnitt betreut. Dort habe ich selbst Abschied von meinen Freunden genommen.

Elisabeth Ohlson Wallin

11. Jesus zeigt sich den Frauen

Die Vorlage

pieta
Michelangelo 1499

Predigt über Johannes 19,26

von Jörg Machel, Emmaus- Ölberg- Kirchengemeinde Berlin Kreuzberg

Weib, siehe, das ist dein Sohn!

Liebe Gemeinde, liebe Freundinnen und Freunde, ein Bild und ein Satz bilden die Grundlage dieser Predigt. Doch schon gerate ich ins Stolpern. Denn mit dem Satz wird gerade nicht erklärt, was auf dem Bild zu sehen ist. Die Künstlerin hat ihn seines Zusammenhangs beraubt. Im Johannesevangelium spricht Jesus diese Worte vom Kreuz herab und sorgt für die Mutter, indem er Johannes an seine Stelle setzt.

Doch die Kunst ist frei darin, neu zu sortieren, Zusammenhänge zu lösen und anders zu fügen.

Weib, siehe, das ist dein Sohn! – Nehmen wir diesen Satz und sehen wir auf Maria und auf ihren Sohn! Die PIETÀ steht am Ende einer Geschichte, einer spannungsreichen Geschichte, der Geschichte einer Mutter-Sohn-Beziehung. Die Aussage des Bildes läßt sicht für mich am besten erschließen, wenn ich es in den Kontext der Bilder stelle, auf denen Jesus mit seiner Mutter zu sehen ist

Das erste Bild, an das ich denke, ist meist mit den Worten „Die heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten“ überschrieben. Der Sohn ist kaum geboren, und schon bestimmt er das Leben der Eltern. Er ist der Grund, daß sie ihre Sachen packen müssen, seinetwegen müssen sie das Land verlassen. Sein Leben gilt es zu schützen, und alles, was Maria und Josef an Lebensplanung im Kopf hatten, wird wegen des Kindes unwichtig.

Es ist, als müßten Eltern den Stab des Lebens weitergeben – ein neuentstandener Mensch hat sofort einen hohen Stellenwert. Große Opfer werden um seinetwillen selbstverständlich.

Und das Kind nimmt jedes Opfer an, ebenso selbstverständlich! Und doch wird sein Leben dadurch geprägt.

Zu spüren, so wichtig genommen zu werden, das gibt dem Leben Kraft und Stärke. Davon kann ein Mensch zehren – sein Leben lang.

Das zweite Bild ist das des zwölfjährigen Jesu im Tempel. Ausreißen und gefundenwerden, so würde ich es überschreiben.

Denn dies sind die entscheidenden Pole der Geschichte für mich. Jesus macht seine ersten eigenen Schritte. Er geht in die Welt hinaus, er sucht nach seiner Bestimmung, er orientiert sich von den Eltern weg.

Die Worte Mutter und Vater bekommen für einen Heranwachsenden einen anderen Klang, stehen nicht mehr für das symbiotische Bezogensein. Der halbwüchsige Junge will seinen eigenen Raum ausmessen, will selbst Entscheidungen treffen, will herausfinden, wo er einmal seine Heimat nehmen wird. Doch so trotzig sich das zumeist gestaltet, und so konsequent es sich in der einzelnen Szene ausnimmt, der Weg dieser Lebensphase ist nicht geradlinig.

So deutlich das Bemühen ist, die eigene Richtung zu finden und herauszutreten aus dem Schutz der Mutter, so groß ist doch der Wunsch noch, wiedergeholt zu werden.

Gerade in diesem Alter müssen Eltern Inkonsequenzen ertragen. Sie müssen es ertragen, daß die Kinder eben nach den Sternen greifen und sich für völlig autonom halten, um danach wieder ganz Kind sein zu wollen, beschützt und bewahrt durch die überströmende Liebe der Eltern.

Das dritte Bild, das ich Ihnen zur Meditation anbiete ist nicht besonders anheimelnd. Es ist jene Szene, in welcher der inzwischen zum Mann gereifte „Jesus in der Synagoge von Kapernaum“ predigt und sich allem Zugriff der Familie entzieht. Maria ist auf der Suche nach dem Sohn, doch der weist sie ab. Allein Gott sei ihm Vater, herrscht er sie an, und wendet sich ganz demonstrativ von jenen Bindungen ab, die Geburt und Herkunft nahelegen.

Nur wer seinen Blick angesichts dieser Bibelstelle zu Gott erhebt, kann sie ertragen. Wer auf Maria blickt, dem muß wohl der Atem stocken.

Die Mutter steht verzweifelt vor dem Sohn und wird brüsk weggestoßen, sie erbittet seine Nähe und seine Fürsorge, appelliert an seine Verantwortung für die Familie und erfährt nur Unverständnis.

Wahrscheinlich ist es die Tragik jedes Mutterseins, daß irgendwann das innige Band zerreißt, das Mutter und Sohn im Kindesalter verband. Angedeutet hat es sich bereits in der Szene vom zwölfjährigen Jesus im Tempel und doch war dies nur ein Vorgeschmack. Erst im dritten Lebensjahrzehnt finden die Abnabelung der Jugend ihren Höhepunkt.

Im Kontext unseres Bildes habe ich Geschichten im Ohr, von jungen Männern, die ihr Schwulsein entdecken und in vielen Fällen in einen dramatischen Konflikt mit der Familie geraten. Zwischen verzweifelten Mahnungen und eher lächerlichen Hilfsangeboten gehen die einst so innigen Bindungen kaputt. Häufig ist die Flucht die einzige Rettung für junge Männer, die anders sind, als es die Familie ertragen mag.

Kreuzberg ist voll von solchen Männern, die der Familie entflohen sind, dem Kleinstadtmief, um hier ihr Leben zu führen, so wie es ihren Anlagen und Wünschen entspricht, ohne Verstellungen und Lügen.

Manche kehren gestärkt nach Hause zurück und sind gefestigt genug, dann auch dort ihre Identität zu bekennen; andere ertragen es, daheim ein Kindergesicht vorzuführen und rächen sich mit immer seltener werdenden Besuchen.

In Krisen jedoch ist sie oft wieder da, die alte Bindung, und wenn durch Hilflosigkeit und Dummheit nicht zuviel zerstört wurde, dann zeigt sich wie stark das Band ist, das insbesondere Sohn und Mutter miteinander verbindet.

So wird auch Jesus eingeholt von seinem Sohnsein, von seinem Bezogensein auf die Mutter. Das uns hier besonders interessierende Bild ist die „PIETA“, jener Augenblick, in welchem der Leichnam Jesu in den Armen der Mutter ruht. Wie ein Zitat der ersten Stunden mutet diese Figurengruppe an. Am Lebensbeginn sitzt Jesus behütet und geborgen auf dem Schoß der Mutter, nun liegt eben dieser Mensch, ausgewachsen und größer als die Mutter wieder in ihren Armen. Bedingungslose Annahme ist in ihrem Blick, keine Besserwisserei, kein Rechthabenwollen.

Es ist, als bekämen wir eine Rahmenerzählung angeboten: Geburt und Tod sind ganz bezogen auf die Mutter, liegen gewissermaßen in ihren Händen. Dazwischen liegen Episoden großer innerer Spannung, Episoden voller Ungerechtigkeit und voller Mißverständnisse.

Stellenweise möchte man die Mutter vor dem Sohne schützen, und doch ist sie es, die das Leben des Sohnes trägt von der ersten bis zur letzten Stunde.

Es ist nicht ausgewogen, das Verhältnis zwischen uns Söhnen und unseren Müttern. Im Regelfall erfahren die Mütter keine Gerechtigkeit von ihren Söhnen. Fast immer bleiben sie ihnen Wesentliches schuldig.

Doch auch die Söhne haben Grund zur Klage. Auch sie leiden oft schwer darunter, nicht so akzeptiert zu sein, wie es ihnen entspräche.

Es hätte wohl keines Siegmund Freund und der Beschreibung des Ödipuskomplexes bedurft, um zu erahnen, welch unsagbar große Bedeutung die Mutter hat für uns Söhne.

Die Mutter bleibt Bezugspunkt und Reibefläche ein Leben lang. Wir Söhne danken ihr Entscheidendes und entfernen uns doch stetig von ihr, ohne sie je ganz hinter uns zu lassen.

Jesus ist als junger Mann gestorben. Um die dreißig Jahre war er alt. Wenn Maria so jung war, wie wir den Legenden entnehmen dürfen, so war sie keine fünfzig Jahre alt, als ihr Sohn ermordet wurde. Eine unvollendete Mutter-Sohn-Geschichte ist die Geschichte zwischen Maria und Jesus mithin!

Ich denke tatsächlich, daß die Geschichte zwischen Müttern und Söhnen einer längeren Spanne bedarf, um sich zu klären.

Auch das geht mir durch den Sinn, wenn ich an die vielen jungen Männer denke, die in jungen Jahren an Aids gestorben sind, so jung, daß Wichtiges unvollendet blieb.

Die PIETÀ aber deutet an, daß hinter allen Spannungen und Verwerfungen Liebe möglich ist, eine Liebe, die sich auch im Angesicht des Todes zu bewähren vermag.

AMEN

9. Die Kreuzigung

9. Die Kreuzigung

Matthäus 27:45-46

Von zwölf Uhr mittags bis um drei Uhr wurde es im ganzen Land dunkel. Gegen drei Uhr schrie Jesus: „Eli, Eli, lema sabachtani?“ das heisst: „Mein gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

9. Die Kreuzigung

Im Schatten des gekreuzigten Jesus Christus liegt ein ermordeter homosexueller Mann. Ein „gewöhnlicher“ Erstochener weist meist zwischen 3 und 6 Stichen auf. Wird ein Homosexueller erstochen, findet man bis zu 60 Messerstiche.

Elisabeth Ohlson Wallin

10. Die Pietà

8. Jesus sinkt unter dem Kreuz zusammen

8. Jesus sinkt unter dem Kreuz zusammen

Markus 15: 17-20

Sie hängten ihm einen purpurfarbenen Mantel um, flochten eine Krone aus Dornenzweigen und setzten sie ihm auf. Dann fingen sie an, ihn zu grüssen: „Der König der Juden, er lebe hoch!“ Sie schlugen ihn mit einem Stock auf den kopf, spuckten ihn an, warfen sich vor ihm auf die Knie und huldigten ihm wie einem König. Als die Soldaten ihn genug verspottet hatten, nahmen sie ihm den Mantel wieder ab und zogen ihm seine eigenen Kleider an. Dann führten sie ihn hinaus, um ihn ans Kreuz zu nageln.

8. Jesus sinkt unter dem Kreuz zusammen

Alle männlichen Jünger haben Jesus jetzt verlassen, mit Ausnahme von Johannes. Die Frauen haben es gewagt, ihn bis zu seinem Tod zu begleiten. Das ist Valter. Er ist HIV-positiv. Vor ihm kniet sein Freund mit Valters Tagesdosis Tabletten, die er nehmen muß, um zu überleben. Auf dem Bild, von dem ich mich hier inspirieren ließ, sitzt Veronika zu Jesu Rechten mit einem Tuch mit dem Schweiße Jesu. Das ist Susanne. Sie hat 1989 ihren Sohn Magnus an Aids verloren. Auf dem Schoss hält sie sein „Quilt“. Dies ist ein Stück Tuch, das man zur Erinnerung an seine Liebsten näht, die an Aids gestorben sind – überall auf der Welt.

Elisabeth Ohlson Wallin

9. Die Kreuzigung

Das Vorbild

korset

7. Der Judaskuss

7. Der Judaskuss

Matthäus 26:45-48

“ – Es ist soweit; gleich wird der Menschensohn den Feinden Gottes ausgeliefert. Steht auf, wir wollen gehen. Da ist er schon, der mich verrät!“ Noch während er das sagte, kam Judas, einer der zwölf Jünger, mit einem Trupp von Männern, die mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet waren. Sie waren von den führenden Priestern und Ratsältesten geschickt worden. Der Verräter hatte mit ihnen ein Erkennungszeichen ausgemacht: „Wem ich einen Begrüssungskuss gebe, der ist es. Den nehmt fest!“

7. Der Judaskuss

Hier wird Jesus gefangengenommen. Hier wurde Jesus verraten. Dieses Bild handelt von Verrat, Verfolgung und Drangsalierung. Hier wurden die Soldaten durch Priester, Skinheads, die Menge und die Macht ersetzt.

Elisabeth Ohlson Wallin

8. Jesus sinkt unter dem Kreuz zusammen

6. Das Abendmahl

6. Das Abendmahl

Matthäus 26:26-28

Während der Mahlzeit nahm Jesus Brot, dankte Gott, brach es in Stücke und gab es seinen Jüngen mit den Worten: „Nehmt und esst, das ist mein Leib“. Dann nahm er den Becher, sprach darüber das Dankgebet, gab ihn den Jüngern und sagte: „Trinkt alle daraus; das ist mein Blut, das für alle Menschen vergossen wird zur Vergebung ihrer Schuld“.

6. Das Abendmahl

Zur Ehre und Rehabilitierung der Menschen, für den sich manche schämen. Für sie stehen die Transvestiten auf der untersten Stufe der homosexuellen Hierarchie. Jesus nahm viele Mahlzeiten bei Menschen ein, die nicht dazugehörten. Für mich war Jesus ein Rebell der Liebe, der es wagte, an der Seite der Ausgestossenen zu sitzen. Die Schuhe? – Die Leiden eines anderen zu tragen, heißt, in seinen Schuhen zu gehen.

Elisabeth Ohlson Wallin

7. Der Judaskuss

Die Vorlage

Leonardos Abendmahl

Leonardo da Vinci

Predigt über Matthäus 26,26-28

von Ulla Franken, Emmaus- Ölberg- Kirchengemeinde Berlin Kreuzberg

„Gott, wieviele Jahre wünsch ich mir schon einen alten, großen runden Tisch, an dem alle und die verschiedensten Menschen sitzen, und einer davon ist der Hüsch… Gott, wieviele Jahre träume ich schon den gleichen Traum vom gleichen Stoff, von Bruder und Schwester, Vater und Sohn, und einer davon heißt Schretzmeier, und ein anderer Oberhof. Und alle reden und trinken, essen und denken nach Herzenslust und Gelüsten, mit Ausnahme der Faschisten.“

So hat der alte fromme niederrheinische Dichter und Kabarettist Hans-Dieter Hüsch einmal sein Bild vom Abendmahl beschrieben. Auch Hüschs Bild ist vermutlich nicht unumstritten. Wer dabeisein soll und darf an Gottes Tisch und wer nicht: darüber wird nicht erst diskutiert, seit Elisabeth Ohlsons Foto vom Transvestiten-Abendmahlstisch in die schwedische und österreichische und nun auch in die deutsche und Berliner Öffentlichkeit gekommen ist. Schon im biblischen Kanon wird da eifrig sortiert. Bei den Evangelisten kann man da schon Unterschiedliches lesen, und im Hebräerbrief beispielsweise – zu datieren etwa 2. christliche Jahrhundert – kann sich der Verfasser nicht vorstellen, beim großen Abendmahl dermaleinst im Reich Gottes einen Juden anzutreffen. In ähnlicher Weise fällt es offenbar heute dem einen oder der anderen schwer, sich am Tisch des Herrn jemanden in langen roten Lacklederstiefeln vorzustellen.

Mir auch. Wenn ich mir ausmale, an jenem großen Abendmahlstisch im Reich Gottes irgendwann in naher oder ferner Zukunft anzukommen und eine Szene vorzufinden wie auf Elisabeth Ohlsons Bild: ich würde wahrscheinlich meinen, mich in der Tür geirrt zu haben. Dabei bin ich bei aller kirchlichen Bürgerlichkeit nicht schwulenfeindlich. Es gibt unter meinen Freunden solche, die meine Tochter freundlich-ironisch „meine Lieblingslesben“ nennt. Aber anders als auf Elisabeth Ohlsons Bild fallen meine schwul-lesbischen Freunde nicht weiter auf. Im großen und ganzen kleiden und benehmen sie sich ganz ähnlich wie ich.

Und als am letzten Wochenende viele meiner Freunde um einen großen Tisch saßen und wir natürlich auch über diese Ausstellung sprachen, da sagte meine Lieblingslesbe: Daß ich Lesbe bin ist das eine, aber außerdem bin ich doch auch noch Psychologin, 46 Jahre alt, Bauerskind usw. Und ihre Lebensgefährtin nickte dazu, so wie mein Mann mir manchmal zunickt in 20-jähriger ehelicher Verbundenheit.

Ich müßte ihnen eigentlich dankbar sein, meinen schwul-lesbischen Freunden. Denn sie erlauben mir, mich für tolerant und weltoffen zu halten, ohne daß ich selber viel dafür tun muß. Die Vorleistung erbringen sie, indem sie bei allem Anderssein so unauffällig, so bürgerlich, so angepaßt an meine Vorstellungen von Normalität sind. Sie ersparen es mir, die Entweder-Oder-Frage zu stellen: leben sie richtig oder ich? Und gleichzeitig ersparen sie sich diese Frage natürlich auch selber. So wäscht eine Hand die andere, und alle können sich irgendwie gut dabei fühlen: die Bürgerlichen tolerant, die Homosexuellen akzeptiert, die Kirchenleute weltoffen und die Kirchenkritiker als wertgeschätzte Gesprächspartner. Solange sich alle an die Regeln halten und niemand die roten Lacklederstiefel anzieht. Oder darauf besteht, daß am Tisch als erstes ein Gebet gesprochen oder ein frommes Lied angestimmt werden soll. Und vielleicht tun wir ja tatsächlich gut daran, alle diese Regeln einzuhalten, damit unser multi-religiöses und multi-kulturelles und multi-sonstiges Leben weiter einigermaßen funktioniert.

Elisabeth Ohlson jedoch verletzt mit ihrem Abendmahlsbild alle diese Regeln gleichzeitig. Sie läßt die roten Lacklederstiefel anziehen und zusätzlich den Herrn und Heiland selber noch ein Paar schrille Pumps, und gleichzeitig besteht sie darauf, daß mindestens ein Gebet gesprochen und ein frommes Lied angestimmt wird. Und zwar keineswegs aus Ironie, vielmehr aus vollem christlichen Ernst.

Nach nun einer Woche Laufzeit dieser Ausstellung und immer intensiver werdender persönlicher Auseinandersetzung mit diesen Bildern frage ich mich, was es bedeutet, daß diese massive Regelverletzung hier offenbar weitgehend problemlos akzeptiert wird. Ja, mehr noch: daß fast alle sie als überfällig und mutig beschreiben. Daß der Skandal aus Schweden und Österreich hier in Berlin-Kreuzberg so völlig ausbleibt. Ist das, was in Schweden und Österreich eine bis zu Bombendrohungen provozierende Kulturverletzung war, hier tatsächlich so selbstverständlich toleriert und integriert, wie die Eintragungen im Gästebuch der Ausstellung es glauben machen?

Nicht, daß wir uns mißverstehen. Ich sehne mich keineswegs nach Bombendrohungen, nicht einmal nach Farbbeuteln. Und ich bin sehr glücklich darüber, daß es in dieser ja keineswegs stromlinienförmigen Gemeinde mit ihren höchst unterschiedlichen und sich gegenseitig immer wieder heftig widersprechenden Meinungen und Glaubenshaltungen ein so eindeutiges Votum für diese Ausstellung gegeben hat. Aber dennoch gibt es manches, das mich an der Idylle zweifeln läßt.

Zu dem, was mich an der Idylle zweifeln läßt, gehören Menschen, die mir in den letzten Tagen erzählt haben, wie sehr sie trotz aller Anpassungsleistungen als Lesben und Schwule in der Kirche Außenseiter bleiben. Und zwar nicht, weil sie nicht integriert wären, sondern vielmehr, weil niemand von ihrer anderen Lebensweise ernsthaft Kenntnis haben und sich damit auseinandersetzen will. Außenseiter also nicht durch Ausgrenzung, sondern vielmehr durch Gleichgültigkeit, durch verweigern von Unterscheidung.

Elisabeth Ohlson zwingt uns durch ihre Fotos eine solche Unterscheidung auf. Und sie befindet sich damit in alter biblischer Tradition – besonders was das Abendmahlsbild anbelangt. Wer sich das Bild in Erinnerung ruft, das der Evangelist Lukas vom großen Abendmahl zeichnet, findet auch schon dort provozierende Unterscheidungen. Da geht es um eine Gesellschaft am Tisch des Herrn, die nicht viel weniger schrill ausfällt als auf dem Ohlson-Bild: Arme, Verkrüppelte, Blinde, Lahme. Und Lukas beschreibt sie in ihrer Andersartigkeit genauso direkt und unverblümt wie Elisabeth Ohlson sie fotografiert. Unter dem Thema der Einladung, die da heißt: Kommt, es ist alles bereit. Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist.

Eine Freundlichkeit, die offenbar nicht als Gegenleistung Anpassung erwartet. Der Verkrüppelte wird seine Prothese beiseite lassen, der Transvestit darf seine roten Lacklederstiefel anziehen, und der Blinde braucht keine Sonnenbrille aufzusetzen. Und wenn wir, jeder und jede von uns, früher oder später den Raum mit diesem Tisch betreten werden, dann werden wir wohl fast alle erst ein wenig zurückschrecken vor jener so anderen Szene. Aber einer, der dann vielleicht Stöckelschuhe anhaben wird oder Jesuslatschen, der blond und lockig sein wird oder schwarz und langhaarig oder auch ganz anders; dieser eine wird den Satz sagen, der uns bekannt sein wird und der uns ein lädt, dabeizusein: Kommt, es ist alles bereit. Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist.

Amen.

5. Der Einzug nach Jerusalem

5. Der Einzug nach Jerusalem

Lukas 19:37-40

Als Jerusalem in Sicht kam, dort wo der Weg den Ölberg wieder hinunterführt, brach die ganze Schar der Jünger Jesu in lauten Jubel aus. Sie priesen Gott für all die Wunder, die sie miterlebt hatten. Sie riefen: „Heil dem Himmel! Gott gehört die Ehre!“ Ein paar Pharisäer aber riefen aus der Menge: „Lehrer, bring doch deine Jünger zur Vernunft!“ Jesus antwortete: „Ich sage euch, wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!“

5. Der Einzug nach Jerusalem

„da werden die Steine sprechen“, sprach Jesus zu den Pharisäern. Man darf nicht verlangen, daß die Homosexuellen unsichtbar sein müssen. Die Gay-Pride-Parade ist unsere Freudenbotschaft, wir feiern und zeigen unsere Liebe. Wir sind stolz und froh, homosexuell zu sein. Dieses Bild wurde auf der Gay-Pride-Parade 1997 in Stockholm aufgenommen.

Elisabeth Ohlson Wallin

6. Das Abendmahl

4. Der Wehruf

4. Der Wehruf

Matthäus 23:13

Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verschliesst den Menschen das Himmelreich. Ihr selbst geht nicht hinein; aber ihr lasst auch die nicht hinein, die hineingehen wollen.

4. Der Wehruf

Dieses Bild wurde inspiriert von einem Bild des dänischen Malers Carl Bloch – einem Bild, auf dem Jesus im Kreise von Sklaven und Gefangenen steht.

Lederschwule und Lederlesben in ihrem Outfit. Es war für mich ganz natürlich, sie in diesem zärtlichen Bild mit Jesus zu vereinen. Ich fotografiere schon seit vielen Jahren Lederschwule. Ich habe viel von ihnen gelernt, über Freundschaft, Gemeinschaft, Liebe und Vertrauen, und meine Vorurteile verschwanden.

Elisabeth Ohlson Wallin

5. Der Einzug nach Jerusalem

Die Vorlage

Carl Bloch 1886

Carl Bloch 1886

 

 

 

 

 

 

Predigt über Matthäus 23,13

von Matthias Kurzer, Emmaus- Ölberg- Kirchengemeinde Berlin Kreuzberg

„Weh euch, Gesetzeslehrern und Pharisäern! Ihr Scheinheiligen! Ihr versperrt den Zugang zur neuen Welt Gottes vor den Menschen. Ihr selbst kommt nicht hinein, und ihr hindert alle, die hineinwollen ….“

In der Mitte des Raumes standen drei Personen, zwei Frauen und ein Mann. Die drei stellten ein Standbild dar, die Skulptur einer Familie, eine alleinerziehende Mutter und ihre zwei Kinder. Ich war Beobachter dieser Skulpturarbeit, die ein Kollege von mir, Familienhelfer wie ich, in unserer Supervisionsgruppe inszeniert hatte, um uns die Beziehungsdynamik einer von ihm betreuten Familie und seine Rolle in dieser Familie zu veranschaulichen.

Mir als einem der Außenbetrachter fiel sofort die Rolle auf, die eines der beiden Kinder, ein 9-jähriger Junge, in dieser Skulptur innehatte. Er war mit einer Armeslänge Distanz zu seiner Mutter postiert, die ohne ein Zeichen der Zuwendung über ihn hinwegblickte. Seine zur Mutter gerichtete Haltung drückte einerseits die Bitte um Zuwendung und andererseits Enttäuschung über ihre Ablehnung aus; zudem war die klare und neidvolle Distanz zu seiner Schwester deutlich ablesbar, die dicht und behütet bei der Mutter stand. In seinen Empfindungen und Gefühlen verrenkt“ nahm der Darsteller dieses Jungen eine sehr unbequeme Haltung ein. Der Junge war das Kind eines ungeliebten Mannes, war schlecht in der Schule und es leid, ständig auf seine kleine 5-jährige Schwester aufzupassen oder im Haushalt zu helfen; er erfüllte sozusagen nicht die Aufträge seiner beruflich und familiär völlig überforderten Mutter.

Ein Standardfall, sicher, aber, wenn man ihn so vor Augen geführt bekommt, dann berührt er einen, und mich berührte dieser Junge. Ich konnte mir gut vorstellen, bei ihm zu stehen, ihm den Rücken zu stärken. Er war Teil einer Skulptur menschlicher Beziehungen, Haltungen und Empfindungen, voller Brüche, Bedürftigkeiten und Verrenkungen – festgehalten und nachgespürt in einer Momentaufnahme.

Das Foto Der Wehruf“ von Elisabeth Ohlson wirkt auf mich ebenfalls wie eine Skulptur, wie ein eingefrorenes“ Standbild: Jesus inmitten von Lederfrauen und Ledermännern. Leder, Ketten, Nieten, Tattoos, diese Insignien der Frauen und Männer der Leder- und SM-Szene symbolisieren deren besondere Regeln, ihre Härte, ihre Beziehungs-Spielarten von Macht und Unterwerfung. Entgegen diesen Zuschreibungen drücken Haltung und Habitus dieser Frauen und Männer jedoch Bitte, Bedürftigkeit, oder Suche nach Geborgenheit aus. Jesus ist die Mitte dieser Gruppe, sie ist auf ihn ausgerichtet, untereinander erscheinen die Protagonisten beziehungslos.

Jesus steht aufrecht inmitten dieser knienden, gebeugten oder sitzenden Frauen und Männer. Er ist allein schon wegen dieser Differenz in Haltung und Habitus nicht – wie auf vielen anderen Bildern der Ecce Homo-Reihe – in die Menschengruppen integriert. Hinzu kommen das Weiß seines Gewandes und dessen fließende Falten, wodurch eine Weichheit gegenüber der Strenge der eng anliegenden, schwarzen Lederkluft gezeichnet wird. Es ist das Bild eines anderen Meisters“, an dem sich der Sklave wirklich bergen kann und an dem auch dessen Herr sich anlehnen kann.

Auf den ersten Blick meint man im Unterschied zu vielen anderen Motiven der Ecce Homo-Reihe keinen konkreten Bezug zu einer Szene in den Evangelien zu erkennen, wie dies die Bilder der Taufe, des Abendmahls oder der Verkündigung bieten. Durch den blauen Hintergrund des Himmels wird die Darstellung in eine Sphäre des Abgehobenseins, des Nicht-von-dieser-Welt-Seins gesteigert. Durch das Detail der Inszenierung auf dem Felsengestein ist dieses Bild Ohlsons damit in der Gestaltung an klassische Verklärungsdarstellungen Jesu aus der Renaissance angelehnt und scheint seine szenische Vorlage am ehesten aus diesem Motiv nach Markus 9 zu beziehen. Dort wird erzählt, wie Jesus mit drei Jüngern auf den Berg steigt, dort Mose sowie Elia begegnet und in einer Himmelsvision als Gottes Sohn offenbart und zu himmlischer Gestalt gewandelt wird.

Die Verbindung zum Wehruf nach Matthäus 23,13 mag dann darin liegen, daß Jesu einladende und segnende Haltung, ja die ganze himmlische Komposition des Bildes als Verheißung des Himmelreiches für diese Frauen und Männer der Lederszene zu lesen ist, die im Kontrast dazu in ihrem Outfit eben noch ganz irdisch der Realität verhaftet sind. Das Reich der Himmel, verheißen in der Weise einer verklärenden Vision, die denen vorgehalten wird, die die homosexuelle Lebensweise in welcher Form auch immer verdammen, verurteilen und für gottesfern halten.

Visionen sind Momentaufnahmen, die aus dem Alltag entrücken. Sie haben oft etwas Wunderschönes an sich für die, die sie sich vorstellen. Ich kann mich in diese Foto-Vision von Elisabeth Ohlson nicht hineinversetzen. Die Leder- und SM-Szene ist mir fremd. Mir ist die Vision zu irdisch, ich fühle mich zu bedrängt von dieser Exklusivität. Ich kenne die Menschen auf diesem Bild nicht, habe keine Beziehung zu ihnen. Wenn ich sie kennen würde, dann wäre das vielleicht anders. Ich stehe eben nur vor einem Bild, dem Bild einer Vision, die andere haben. Es ist ihre Vision davon, wie sich die Welt Gottes ankündigt. Ich bin interessierter, aber letztlich distanzierter Betrachter.

Das ist anders bei der ersten, der Familien-Skulptur. Ich denke an den 9-jährigen Jungen, an die so häufig anzutreffende tragische Realität menschlicher Beziehungen, ihre Gebrochenheiten, Zurückweisungen und Verletzungen. Diese Skulptur berührte mich. Hier spüre ich einer mir aus meiner Arbeit als Familienhelfer bekannten Realität nach.

Ich stelle mir eine Vision vor: Ich stelle mir vor, wie diese Familie, Mutter, Tochter und Sohn, um diesen verklärten Jesus herum stehen, sitzen, knien würden. Geborgen, getröstet, beruhigt, versöhnt? In dieser Vision der Skulptur bräuchte ich mich nicht neben den Jungen stellen, er wäre dort gesegnet und gestärkt.

Unser Leben, sei es das Leben homosexueller Frauen und Männer, mit all den ihnen entgegengebrachten Ressentiments und Aggressionen, mit all ihren besonderen Lebensregeln etwa in der SM-Szene, oder sei es das Leben von Familien, mit ihren alltäglichen Nöten und Gebrochenheiten, die wohl ausnahmslos auch für Homosexuelle gelten: Überall ereignet sich Realität, täglich, andauernd. Doch es ereignen sich auch Visionen, die tatsächlichen oder die tags oder nachts geträumten Bilder des Gesegnet-Seins, des Geborgen-Seins, des Glücklich-Seins. Sie kommen einem in den Sinn, manche behält man für sich, manche werden Gestalt, so wie Foto-Visionen von Elisabeth Ohlson. Oft sind diese Visionen nur Momente in unserem Alltag, in unserem Leben. Ihre Konturen lösen sich nur allzu schnell wieder in den Schatten des Alltags auf. Aber wir können diese Visionen in uns bewahren so wie einst fotografierte Familienbilder: als Skulpturen, als eingefrorene Visionen tiefster Zufriedenheit und Versöhntheit. Die Realität des Alltags hinterläßt viele Verletzungen und Narben in uns – unsere Visionen von Versöhntheit hinterlassen Spuren und Ahnungen vom Heil-Werden in uns. Wehe, dem, der den Menschen solche Visionen nimmt, denn sie sind ein Stück der Welt Gottes auf Erden.

Amen.

3. Die Taufe

3. Die Taufe

Lukas 3:21-22

Zusammen mit allen anderen hatte sich auch Jesus taufen lassen. Danach, als er betete, öffnete sich der Himmel. Der heilige Geist kam sichtbar auf ihn herab, anzusehen wie eine Taube. Und eine Stimme sagte vom Himmel her: “ Du bist mein Sohn, dir gilt meine Liebe, dich habe ich erwählt.“

3. Die Taufe

Das ist die Strafe Gottes, sagte die Kirche, als meine Freunde an Aids starben. Dieses Bild widme ich Tommy und Magnus, die mich lehrten, daß wir uns wiedersehen werden.
Jesu Taufe war sein Coming-Out als Messias. Da begriff er, welchen Weg sein Leben gehen würde. Das ist für mich ein Gleichnis für das Coming-Out als Homosexueller – das Begreifen, welchen Weg man beschreiten muß.

Elisabeth Ohlson Wallin

4. Der Wehruf

Predigt über Lukas 3,21+22

von Ulla Franken, Emmaus- Ölberg- Kirchengemeinde Berlin Kreuzberg

Und es begab sich, als alles Volk sich taufen ließ und Jesus auch getauft worden war und betete, da tat sich der Himmel auf, und der Heilige Geist fuhr hernieder auf ihn in leiblicher Gestalt wie eine Taube, und eine Stimme kam aus dem Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.

Liebe Gemeinde! Von diesen Worten aus dem Lukasevangelium ist Elisabeth Ohlsons Taufbild inspiriert. Ich möchte Sie jedoch zunächst einladen, Elisabeth Ohlsons Bild noch einen Moment beiseite zu lassen und sich eine ganz andere Szene vorzustellen:

In einem großen Vortragssaal sind einige hundert Menschen versammelt. Es sind bedeutende, gutgekleidete Menschen, Professoren, Politiker, Prominente, und sie erwarten den Redner des Abends. Er hat sich auf diesen Vortrag aufs Sorgfältigste vorbereitet; von dem Erfolg an diesem Abend hängt vieles für ihn ab. Nun tritt er auf und beginnt seinen Vortrag: „Sehr geehrte Damen und Herren“, wird er sagen, und schon bei diesen ersten Worten ist er ein wenig irritiert. Denn das Publikum ist unaufmerksam, tuschelt, vereinzelt wird leise gelacht. Dennoch fährt der Redner fort. Doch der Saal wird immer unruhiger, bis schließlich nach einigen Minuten das ganze versammelte Publikum schallend lacht. Und als der Redner an sich herunterguckt auf der Suche nach irgendetwas an seiner Erscheinung, das seine Zuhörer derartig ablenken könnte, stellt er mit blankem Entsetzen fest, daß er nackt ist; nackt bis auf die Haut…. In diesem Moment ist der Alptraum zu Ende, und der Mann erwacht aus seinem Schlaf.

Der eine oder die andere von Ihnen, liebe Gemeinde, wird einen solchen oder ähnlichen Traum selber schon einmal geträumt haben. Neben Fallträumen, in denen wir ins Bodenlose stürzen, gehört auch der Traum, in dem wir uns plötzlich nackt vor einer Gesellschaft vorfinden, zu den klassischen Alpträumen. Sigmund Freud, der erste Forscher in der Psychologie, der sich intensiv mit der Bedeutung von Träumen beschäftigte, vermutete bei diesem häufigen Traummotiv noch sexuelle Hintergründe. Die heutige Traumforschung stimmt hingegen weitgehend darin überein, daß das plötzliche Nacktsein im Traum in erster Linie ein Symbol für unsere Angst ist: die Angst, in unserem wahren, ungeschützten, ungeschminkten und unverdeckten Charakter entdeckt und entlarvt zu werden. Ein Traum, der uns erbarmungslos in das Loch fallen läßt zwischen den Ansprüchen, die von anderen und auch von uns selber an uns gestellt werden und dem, was wir ohne alle unsere Fassaden letztendlich sind: nackt, verletzlich und armselig.

Vielleicht liegt in dieser tiefenpsychologischen Dimension der Nacktheit mehr noch als in ihrer erotischen Dimension eine Erklärung für die von vielen als so besonders provokant empfundene Wirkung von Elisabeth Ohlsons Taufbild. Vielleicht lenken Fragen wie die, wieso dieser Jesus ganz offensichtlich nicht beschnitten ist, oder warum das Tuch nicht einfach drei Zentimeter höher hängen kann, ab von der ja vielleicht viel wichtigeren Frage, wie nackt wir uns machen müssen, um uns vom Wasser der Taufe berühren zu lassen. Wieviel Ängste wir zulassen müssen, um eine Ahnung davon zu bekommen, was Erlösung durch die Taufe und durch den Glauben bedeutet. Etwas davon klingt an im Taufspruch aus der Apostelgeschichte: „“Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir, und niemand soll sich unterstehen, dir zu schaden.““ Wer immer das passende Outfit bereit hat, wer auf keinen Fall riskieren will, auch mal nackt und bloß dazustehen, der braucht einen solchen Zuspruch nicht.

Elisabeth Ohlson macht ihren Jesus nackt für die Taufe. Noch einmal so nackt wie bei der Geburt. Sie präsentiert ihn in aller möglichen geschöpflichen Schönheit und geschöpflichen Verletzlichkeit. Und Johannes, der Täufer, gibt beides in seiner Berührung eindrücklich wieder. Ich kenne nicht viele Bilder, auf denen sich durch eine einzige Berührung so gleichzeitig Schönheit und Verletzlichkeit darstellt.

In den Briefen des Neuen Testaments wird der christliche Glaube verschiedentlich mit einem Kleid verglichen. Im Kolosserbrief beispielsweise heißt es: „“So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.““

Die Nacktheit soll also mit einem neuen, anderen Kleid bedeckt werden. Aber unter diesem Taufkleid aus Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld, Vergebung und Liebe bleiben wir nackt wie alle anderen. Mit unserem Bekenntnis zum Christsein legen wir weder die erotische Schönheit noch die Verletzlichkeit oder auch Fehlerhaftigkeit unseres Menschseins ab. Vielmehr bekommen wir zu dieser Verletzlichkeit und Fehlerhaftigkeit etwas dazu: die Zusage, über unser nacktes Menschsein hinauswachsen zu können; das Geschenk eines Kleides, einer Identität, die uns immer wieder ermöglichen soll, anders zu sein und anders aufzutreten, als es uns aus unserer eigenen Kraft heraus möglich wäre.

Unser Taufkleid aus Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld, Vergebung und Liebe ist also nicht als Fassade gedacht, hinter der wir unseren eigentlichen Charakter verstecken müßten. Auch und gerade als Christenmenschen müssen wir unsere Blöße nicht fürchten: unsere Fehler, unser Versagen, unsere Sprachlosigkeit oder unsere Verführbarkeit. Auch und gerade als Christenmenschen müssen wir uns nicht davor fürchten, auch einmal nackt dazustehen. Das Erkanntwerden in den Tiefen und Untiefen unseres Charakters muß uns kein Alptraum sein, wenn wir uns auf Gottes Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld, Vergebung und Liebe verlassen können.

Mit der Taufe, mit unserem Bekenntnis zum Christsein bekommen wir die Zusage, daß ein Alptraum dieses Lebens zum erfüllten Wunschtraum geworden ist: wir sind nackt und dennoch bekleidet; wir werden erkannt und dennoch geliebt. So soll es sein für Jesper, der heute getauft worden ist. So soll es sein für uns alle, die wir miteinander als christliche Gemeinde leben. Und so soll es sein für alle die Menschen, die mit Elisabeth Ohlsons Bildern in unserer Mitte sind.

Amen.