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Texte aus Gottesdiensten oder solche die dort verwendet werden könnten

Der heilige Geist ist ein bunter Vogel

der heilige geist
er ist nicht schwarz
er ist nicht blau
er ist nicht rot
er ist nicht gelb
er ist nicht weiss

der heilige geist ist ein bunter vogel

er ist da
wo einer den anderen trägt
der heilige geist ist da
wo die welt bunt ist
wo das denken bunt ist
wo das denken und reden und leben
gut ist
der heilige geist lässt sich nicht
einsperren
in katholische käfige
nicht in evangelische käfige
der heilige geist ist auch
kein papagei
der nachplappert
was ihm vorgekaut wird
auch keine dogmatische walze
die alles platt walzt
der heilige geist
ist spontan
er ist bunt
sehr bunt
und er duldet keine uniformen
er liebt die phantasie
er lebt das unberechenbare
er ist selber unberechenbar

Wilhelm Willms

Glaubensbekenntnis

Ich glaube Gott als Vater und Mutter
und uns Menschen alle als Geschwister.
Dieser Glaube lässt keine Herrschaft und Unterdrückung,
keine Ungerechtigkeit und Benachteiligung zu,
nicht zwischen Reich und Arm,
nicht zwischen Mann und Frau,
nicht zwischen Weiss und Schwarz.

Ich glaube Gott als Gebärerin und als Schöpfer,
uns das eigene Leben und das der Natur schenkend.
Dieser Glaube ruft mich,
die weitere Zerstörung der Natur zu verhindern,
Menschen, Pflanzen und Tiere zu schützen,
wo sie dem Profit und der sinnlosen Rüstung
geopfert werden sollen.

Ich glaube Jesus von Nazaret als Sohn Gottes.
Er lebte diesen Glauben an Gott,
den Vater und die Gebärerin,
indem er sich auf die Seite der Ausgebeuteten,
der politisch Entmündigten und
der religiös Ausgeschlossenen stellte.
Dieser Glaube drängt zum klaren Entscheid,
in meinem Handeln
zum Sohn und zur Tochter Gottes zu werden.

Ich glaube Gott als Geist,
als treibende Kraft im Leben von Jesus,
und als Quelle,
die uns untrüglichen Sinn für Gerechtigkeit,
furchtlosen Mut zur politischen Einmischung
und überströmende Liebe
zur Veränderung der Welt einflösst.
Dieser Glaube fordert
die Entlarvung jener Geister, Kräfte und Interessen,
die ungerechte Güterverteilung und wirtschaftliche Sachzwänge
stützen und rechtfertigen.

Im Namen Gottes
eintreten für das Leben der Menschen und der Natur,
im Namen Jesu
für Gerechtigkeit
und brüderlich-schwesterliches Umgehen miteinander
und in der Gemeinschaft mit dem Geist
todbringende Ideologien und Feindbilder überwinden –
das ist die Herausforderung des dreifaltigen Gottes.

Regula Strobel in „Neue Wege“ Beiträge zu Christentum und Sozialismus, 6/1997

Engel

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,
die Engel.
Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein,
oft sind sie alt und hässlich und klein,
die Engel.

Sie haben kein Schwert, kein weisses Gewand,
die Engel.
Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand,
oder er wohnt neben dir, Wand an Wand,
der Engel.

Dem Hungernden hat er das Brot gebracht,
der Engel.
Dem Kranken hat er das Bett gemacht,
er hört, wenn du ihn rufst, in der Nacht,
der Engel.

Er steht im Weg, und er sagt: Nein,
der Engel,
gross wie ein Pfahl und hart wie ein Stein –
es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,
die Engel.

Rudolf Otto Wiemer

Ein modernes Glaubensbekenntnis

ich glaube, dass du ganz anders bist, Gott,
als wir denken;
dass du dich niemals festschreiben lässt
in eine Gestalt, in ein Bild;

ich glaube an dich, heilige Kraft,
die Mutter und Vater für uns ist
in Weisheit und Güte;
ich glaube, dass du Erde und Himmel geboren hast
und dass du weiter Leben schenkst,
auch wenn wir es nicht sehen;

ich glaube an Jesus von Nazareth,
den Menschen deiner Liebe,
der aus dir und in dir lebte und lebt,
deinen Sohn, unsern Bruder,
Maria hat ihn geboren,
und du hast ihn aus dem Tode geweckt
in unvergängliches Leben mit dir;

ich glaube an den heiligen Geist,
die Schöpferin Liebe;
ich glaube, dass du unsere christlichen Kirchen
verwandeln und heiligen willst,
dass du unsre offenen Herzen erwartest,
damit die Erde bewohnbar bleibt;

ich glaube, dass du uns unbedingt annimst,
ob Frau oder Mann,
ob schwarz oder weiss,
ob arm oder reich,
ob hetero- oder homosexuell;

ich glaube, dass du uns durch den Tunnel des Todes
in Leben und Freude rufst.
Amen

Ich glaube…

Ich glaube, dass Gott aus allem
auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dazu braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage
soviel Widerstandskraft gibt, wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben
müsste alle Angst vor der Zukunft
überwunden sein.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer
nicht vergeblich sind
und dass es Gott nicht schwerer ist,
mit ihnen fertig zu werden,
als mit unseren Guttaten.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist,
sondern, dass er auf aufrichtige Gebete
und verantwortliche Taten
wartet und antwortet.

Dietrich Bonhoeffer

Maria – Mutter des Wortes

maria
du mutter des wortes
du hast das unerhörte wort gehört
du hast es empfangen
du hast das wort
mit deinem herzblut genährt
du hast mit dem wort
in wehen gelegen
du hast das wort ausgetragen
du hast das wort geboren

maria
du mutter des wortes
du hast das unerhörte wort gehört
du hast das wort gedreht und gewendet
du hast es gewogen
du hast es erwogen
du hast es keimen lassen
du hast es wachsen lassen
du hast es ruhen lassen
umgeben mit einer mauer
des glaubens
des hoffens
und der liebe
du hast es durchgetragen
das schwere wort
das untragbare wort
du hast gewartet
bis es aufging
das wort

maria
mutter des wortes
du hast das wort
das am anfang bei gott war
gehört
das erste wort
das letzte wort
du hast das wort am anfang gehört
als das wort
dich maria
mutter nannte
du hast dem wort auf die beine geholfen
du hast es aus den windeln genommen
du hast es entwickelt

maria
mutter des wortes
du hast für das wort
kaum ein ohr gefunden
du standest mit dem wort
auf der strasse
du warst mit dem wort rechtlos
du warst mit dem wort auf der flucht
das wort war dein kind
maria
mutter de wortes
du hingst an dem wort
das wort hing an dir
das menschlichste aller worte
das göttlichste aller worte
das wort
ist dein kind
maria
mutter des wortes

Wilhelm Willms

Wir brechen das Brot

Anlehnend an die Liturgie der ersten europäischen City-Kirche, St. James’s in London brechen wir nun dieses Brot in Verbindung mit allen Menschen.
Dieses Brot ist gebrochen zur Ehre all derer, die Gott lieben – für unsere Schwestern und Brüder, die den Gott der Hindus verehren und dem Weg Buddhas folgen, für unsere Schwestern und Brüder im Islam und für das jüdische Volk, aus dem wir erwachsen sind. Wir beten, dass wir eines Tages in Frieden und gegenseitigem Respekt zusammenleben können.

Dieses Brot ist gebrochen zur Ehre aller Lesben und Schwulen, ( auch denjenigen, ) denen es nicht möglich ist in einer Kirche zu sein und das Brot der Gemeinschaft zu teilen. Wir verbinden uns mit ihren vergewaltigten und enttäuschten Gefühlen. Wir beten, dass die Lebenserfahrungen von Lesben und Schwulen sichtbar gemacht werden, auch in den Kirchen, denn sie sind fruchtbringende Geschöpfe Gottes.

Dieses Brot ist gebrochen für die Zerbrochenen und Enteigneten und für alle jene, die kein Brot haben. Damit eines Tages diese Erde ein Zuhause ist für alle Menschen, ein Zimmer in der Herberge für alle.

Dieses Brot ist gebrochen zur Ehre der grünen, blauen Erde und aller Elemente, Wasser, Feuer und Luft, die sie umgeben und erhalten. Mutter Erde, verachtet, geplündert und vergewaltigt durch unsere Gier, aber immer noch lebendig und grün. Wir beten, dass die Wunden eines Tages nicht mehr sein werden.

Dieses Brot ist gebrochen zur Ehre der Gebrochenheit von uns allen:
Das Kind in uns, gebrochen durch Gewalt und Kälte
Der Erwachsene in uns, gebrochen durch Einsamkeit und Versagen
unsere Gesundheit, gebrochen durch Krankheit oder Verlust
Allen hier sei Ehre und Segen,
Wärme und Fülle des Lebens

Amen

Magnifikat

Meine Seele Gott erhebt und mein Geist in Freuden schwebt. Der mir Heil und Segen bringt, meinen Sinn zu Freuden zwingt; denn ihm hat sein arme Magd gnädig anzusehn behagt, dass hinführ o Kindeskind mich zu preisen Ursach find’t. Er hat grosse Ding an mir ausgeübet, dessen Zier, Macht und Namens – Heiligkeit ist und bleibt ohn Ziel und Zeit.
Dessen Güte für und fürwaltet über denen hier, die in seiner Furchte stehn und auf seinen Wegen gehn; dessen starker Arm Gewalt übt ohn allen Aufenthalt und zerstreut wie Spreu der Wind, die so stolzen Sinnes sind. Feinden gibt er ihren Lohn, Mächtige stürtzt er vom Thron und erhebt mit starker Hand die Geringen in dem Land.

Die, so Sorg und Hunger drückt, er mit Gütern hat erquickt, will sie lassen nimmermehr, stolze Reichelässt er leer; er denkt an den teuren Eid und versprochne Gütigkeit.Seinem Diener Israel hilft er aus an Leib und Seel, wie er unser Väter Schar hat geredet oft und klar, Abraham und seinem Kind und die ihm geboren sind.

Christian Keimann 1607-1662