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Predigt zu Lukas 18

Lukas 18:1-8 1 Jesus erzählte den Jüngerinnen und Jüngern ein Gleichnis dafür, wie notwendig es ist, allezeit zu beten und nicht müde zu werden. 2 Er sagte: »In einer Stadt lebte ein Richter, der weder theos/Gott phobos/fürchtete noch einen Menschen achtete. 3 Auch eine Witwe lebte in jener Stadt; die kam immer wieder zu ihm und sagte: ›Verschaffe mir dikaiosyne/Recht gegenüber meinem Gegner‹ ! 4 Eine Zeit lang wollte der Richter nicht. Dann aber sagte er sich: ›Wenn ich auch Gott nicht fürchte und keinen Menschen achte, 5 werde ich doch dieser Witwe Recht verschaffen, weil sie mich belästigt; sonst kommt sie noch am Ende und schlägt mich ins Gesicht.‹6 Da sagte kyrios/Jesus: »Hört, was der ungerechte Richter sagt. 7 Aber Gott sollte den Auserwählten, die Tag und Nacht zu Gott schreien, kein Recht schaffen und für sie keinen langen Atem haben? 8 Ich sage euch: Gott wird ihnen Recht schaffen in kurzer Zeit!

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Predigt zu Lukas 17 (COD 2022)

Evangelium (Lukas 17,11-19)

Aus dem Evangelium, wie es Lukas erzählt hat

11Während der Wanderung nach Jerusalem durchquerte Jesus das Grenzgebiet von Samaria und Galiläa. 12Beim Eingang eines Dorfes kamen ihm zehn Männer entgegen, die an Aussatz erkrankt waren. Diese blieben in der Ferne stehen 13und riefen laut: »Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!«

14Und Jesus sah sie und sagte zu ihnen: »Geht und zeigt euch den Priestern.« Und, während sie fortgingen, geschah es: Sie wurden rein.

15Einer von ihnen kehrte zurück, als er sah, dass er geheilt war, und lobte Gott mit lauter Stimme, 16fiel auf sein Angesicht vor Jesu Füsse und dankte ihm.

Er war ein Samaritaner.

17Jesus antwortete und sagte: »Sind nicht zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? 18Waren sie nicht bereit, umzukehren und Gott die Ehre zu geben, ausser diesem, der aus einem anderen Volk kommt?«

19Und Jesus sprach zu ihm: »Richte dich auf und geh! Deine Glaubensstärke hat dich gerettet.«

Predigt

Liebe Menschen, queere und nicht queere …

Am 11. Oktober ist «Coming out day». «Coming out» kann man mit «sich zeigen» übersetzen. Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben oder sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, sollen durch diesen Aktionstag Mut bekommen, sichtbar zu werden, sich zu zeigen.

Als ich das vorliegende Evangelium auf seinen Zusammenhang mit dem Coming out day hin befragte, fühlte ich mich einerseits positiv angesprochen, andererseits bin ich auch erschrocken.

Was mich betroffen macht: Auf dem Hintergrund einer queerfeindlichen Einstellung kann die «Heilung», von welcher im Evangelium die Rede ist, auf fatale Weise missgedeutet werden. In religiösen Kreisen, welche sich buchstabengetreu auf die Bibel und das Christentum beziehen, gibt es die unsägliche Praxis, Queersein als Krankheit zu betrachten, die weggebetet oder wegtherapiert werden kann,

Psychiatrie und Psychotherapie sind sich heute über die folgenschwere Wirkung solcher «Heilungsversuche» einig, sie sind falsch und unwissenschaftlich. Konversionstherapien können Menschen aus der LGBT-Communitiy unglaublich schaden. Meistens ist das Resultat einer solch fragwürdigen Praxis traumatisierend, häufige Folgen sind Depression und Suizid. Diejenigen, die solch fragwürdige Heilungen vornehmen, stehen Menschen aus dem LGBTIQ-Spektrum feindlich gegenüber, sie lehnen queere Menschen ab und sehen in ihnen «Sünder», die bekehrt werden müssen. Sie machen Queere zu Aussätzigen. Im Schweizer Parlament wird zurzeit ein Gesetz diskutiert, das die «Heilung» von Homosexualität verbietet. In anderen Ländern gibt es bereits ein solches Verbot.

Ich möchte den Blickwinkel drehen und dieses Evangelium positiv auf den Coming out day beziehen: Jesus sagt: «Geht, zeigt euch!» Als die Aussätzigen dieser Forderung nachkommen und aufbrechen, geschieht Heilung. Diese Gleichzeitigkeit ist es, die mich an diesem Evangelium fasziniert.

«Geht, zeigt euch», sagt Jesus zu «Aussätzigen». Er spricht zu Menschen, die sich nicht zeigen durften, die von der Gesellschaft ausgeschlossen wurden. Die Aussätzigen im Evangelium mussten sich am Rand der Gesellschaft bewegen. Aussätzige wurden ausgegrenzt, queere Menschen in Kirche und teilweise auch in der Gesellschaft erleben dies ebenso.

Dass es heilsam ist sich zu zeigen, kenne ich aus meiner eigenen Lebensgeschichte: Als ich erkannte und öffentlich sagte, dass ich nicht-binär bin, dass mein Geschlecht sich fliessend zwischen Mann und Frau bewegt, erlebte ich eine grosse Befreiung. Ich konnte endlich «Ich» sein. Das diffuse Unbehagen, das vorher keine Sprache hatte, war nun sicht- und benennbar. Ich war in diesem Prozess auch angewiesen auf Menschen, die den Weg vor mir gegangen waren, und auf Menschen, welche mir akzeptierend begegneten.

Die Theologin Dorothee Sölle hat einmal geschrieben, «Jesus war ein Mensch, der es wagte ich zu sagen». In diesem Mut zur eigenen Wahrheit kann er uns Vorbild sein. Die Begegnung mit Menschen, die sich nicht an der Norm orientieren, die ihre Wahrheit leben, kann befreiend wirken. Sie können als Beispiel dienen und Mut machen Authentizität zu wagen. Jesus ist sich selber, die Wahrhaftigkeit seiner Person ist das Heilende, das sich in der Begegnung mit ihm ereignet.

Die Begegnung mit Jesus ist ein auch ein ermutigendes Zeichen, weil Jesus und die Bewegung, die hinter ihm steht, sich auf die Begegnung mit ausgegrenzten Menschen einlassen. Diejenigen, welche sich heute auf Jesus berufen und in seiner Nachfolge stehen, handeln oft sehr anders, besonders wenn es um Menschen aus der LGBT-Community geht: Vor acht Monaten lief im Deutschen Fernsehen eine Sendung, in der queere Menschen beschrieben, wie sie durch die katholische Kirche ausgegrenzt wurden. Coming out kann zu Diskriminierung mit handfesten Folgen führen. Sich zeigen und entsprechend der eigenen sexuellen Ausrichtung oder Geschlechtsidentität leben zu können ist ein schützenswertes Grundrecht. Menschen die Sichtbarkeit verweigern kann verletzen und krank machen. Sie ist ein grosses Unrecht.

Jenseits von Faszination und Betroffenheit stellt sich mir die Frage, ob nicht auch diejenigen, die queeren Menschen ablehnend gegenüberstehen, Heilung nötig haben. Der Ausschluss der Aussätzigen zu Zeiten Jesu hatte einen nachvollziehbaren Grund: Die Angst vor Ansteckung war real. Hingegen geht von Menschen aus der LGBT-Community keine wirkliche Gefahr aus. Ihr Ausschluss ist irrational.

Ich möchte es zuspitzen: Institutionen, die Menschen aus irrationalen Gründen ausschliessen, ihnen Krankheit zuschreiben und so «Aussätzige» produzieren, bedürfen selber der Heilung. Diejenigen, welche Andere so ausgrenzen, ertragen Offenheit und Vielfalt nicht, sie haben Angst. Sie versuchen sich abzusichern, indem sie Menschen, die der «Norm» nicht entsprechen, ausschliessen und im schlimmsten Fall zu Feinden fantasieren.

Queere Menschen stellen das herrschende Geschlechter-, Menschen- und Selbstbild in Frage, sie können verunsichern. Begegnung mit Menschen, die ausserhalb der bekannten Norm daherkommen, ist ein Ruf sich auf Fragen einzulassen. Dazu braucht es Vertrauen und Offenheit für das Leben, wie Jesus es vorlebt.

Im Evangelium müssen sich die Aussätzigen «den Priestern» zeigen.  Auch dies lässt sich auf die Gegenwart beziehen: Eine «priesterliche Institution», die sich in der Nachfolge Jesu sieht, darf Menschen nicht zu «Aussätzigen» machen, sondern muss vertrauend Begegnung wagen. So sind die christlichen Kirchen aufgerufen, sich an die Geistkraft ihres Ursprungs zu erinnern und von daher den Umgang mit Menschen aus der LGBT-Comunity zu gestalten: Das heisst, sie ermutigend willkommen heissen, ihnen ermöglichen sich zu zeigen, sodass sie sich getragen wissen.

Heutzutage gibt es mehr Akzeptanz als früher, es ist wichtig, dies bei aller noch herrschenden Diskriminierung dankbar wahrzunehmen. Ein Zeichen dafür ist dieser Gottesdienst.  Ich danke allen Nichtqueeren, welche an diesem Gottesdienst teilnehmen. Ihr übernehmt die Rolle, die im Evangelium den Priestern zukommt.

Zum Schluss möchte ich den Blick weiten: Das Gesagte gilt nicht nur für queere Menschen in ihrem Verhältnis zur Kirche, sondern für die ganze Gesellschaft. Wir sind alle Angewiesene, wir leben nicht nur für uns und durch uns. Umgekehrt haben wir alle die Möglichkeit, Anerkennung zu gewähren oder zu verweigern. Wenn wir im Vertrauen Begegnung wagen, können wir heilsam wirken.

Dies ist ein Gottesdienst im Zeichen des Regenbogens. Er wird mit der LGBT-Community verbunden. Regenbogen ist auch ein Friedenssymbol. Es steht für Vielfalt, für Begegnung von unterschiedlichen Menschen. Frieden gründet auf Dialog, auch mit Menschen, die uns befremden. «Der Mensch wird am Du zum Ich», sagt Martin Buber.

Autoritäre Menschen und Systeme bekämpfen solche Prozesse. Sie verneinen die Vielfalt. Sich zu zeigen als die, welche wir sind und so Begegnung wagen, braucht Mut. Ich verstehe Coming out auch als politischen Akt. Sich zeigen, begegnen und Diversität aushalten ist friedensfördernd, nicht nur für Queere.

In diesem Sinn hoffe ich auf ein Coming out für alle, nicht nur nächsten Dienstag, sondern immer wieder. Wenn wir uns der Begegnung mit Andern aussetzen, stehen wir in der Nachfolge Jesu.

Gehalten am 9. Oktober 2022 von Elisha in der Kirche Bruder Klaus in Biel