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Queerfeindlichkeit
Manche Christ:innen reagieren voller Hass, wenn sie mit queeren Themen konfrontiert sind. evangelisch.de-Blogger und Psychotherapeut Christian Höller zeigt, was wir dagegen tun können.
22.04.2026, evangelisch.de, Christian Höller
«Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» ist eines der zentralen Gebote der christlichen Ethik. Bei dem Gebot geht es nicht um eine egoistische Selbstliebe, sondern darum, sich selbst als geliebten Menschen anzunehmen und die Liebe weiterzugeben. Trotzdem gibt es manche Christ:innen, die auf bestimmte Themen mit Hasstiraden reagieren, auch wenn dies dem christlichen Gebot der Nächstenliebe widerspricht. Ein Beispiel dafür ist der jüngst abgewählte ungarische Premierminister Viktor Orbán. Dieser bezeichnet sich als gläubiger Christ. Er rückte das Christentum in den Mittelpunkt seiner Politik. Er inszenierte sich gerne als «Verteidiger» des christlichen Abendlandes und hat sich mehrfach abwertend über Geflüchtete und Migrant:innen geäussert.
Einen regelrechten Hass entwickelte der Rechtspopulist auf queere Menschen. Orbán verglich gleichgeschlechtlich liebende Menschen mit Kinderschändern. Im ungarischen Parlament wurden zahlreiche Gesetze gegen eine sogenannte Homo-Propaganda beschlossen. Trauriger Höhepunkt war, als in Ungarn im Vorjahr alle Pride-Regenbogenparaden verboten wurden. Dabei handelt es sich um eine friedliche Demonstration für die Rechte von queeren Menschen.
Die queerfeindliche Politik war einer von vielen Gründen für die jüngste Abwahl von Orbán. Trotz Verbot nahmen im Vorjahr in Budapest 200 000 Menschen an der Regenbogenparade teil. Es war eine der grössten Kundgebungen in Ungarn seit dem Zusammenbruch des Kommunismus im Jahr 1989. Viele Ungar:innen gingen aus Solidarität mit queeren Menschen auf die Strasse. Viele Aktivist:innen sagen, die Parade sei ein Wendepunkt gewesen. Seitdem verlor Orbán stark an Popularität.
Am Beispiel von Orbán sehen wir, wie wir wirkungsvoll mit hasserfüllten und empathielosen Christ:innen umgehen können.
Sich nicht einschüchtern lassen
Unrechtes Handeln muss klar benannt werden. Es ist wichtig, bei Beleidigungen und Verleumdungen sachlich zu widersprechen. Dabei ist es hilfreich, nicht impulsiv zu handeln. Denn Feuer kann nicht mit Feuer bekämpft werden. Tief durchatmen hilft, die Kontrolle über die Situation zu behalten. Fakten sind besser als Gefühle. Normalerweise helfen Ich-Botschaften, aber von empathielosen Menschen können sie als Schwäche ausgelegt werden. Viel besser sind daher eindeutige Ansagen wie: «Ich möchte nicht, dass in diesem Ton mit mir gesprochen wird.» Ohne emotionale Reaktion verliert das Gegenüber oft das Interesse. Wenn die andere Person provoziert oder dramatisiert, kann eine langweilige Antwort sinnvoll sein. Auch die Regenbogenparade in Budapest war eine friedliche, bunte und fröhliche Kundgebung gegen die Hasstiraden von Orbán. Rechtsextreme Gegendemonstranten blockierten die Freiheitsbrücke. Doch die queeren Menschen zeigten sich davon unbeeindruckt. Sie zogen fröhlich über eine andere Brücke.
Klare Grenzen setzen
Es muss deutlich gemacht werden, dass Hasstiraden nicht akzeptiert werden. Werden gleichgeschlechtlich liebende Menschen mit Kinderschändern verglichen, ist die Grenze des Dialogs erreicht. Denn für einen Dialog sind Respekt, Anerkennung der Menschenwürde und der Wille zur Wahrheitsfindung notwendig. Im privaten Rahmen kann es auch hilfreich sein, das Gespräch zu beenden und den Raum zu verlassen. Schliesslich kann Dialog keine Plattform für Hetze und für die Normalisierung von menschenverachtenden Aussagen sein. Sobald die Äusserungen strafrechtlich relevante Grenzen überschreiten, ist die Einleitung von rechtlichen Schritten wie Anzeigen bei der Polizei sinnvoll. Wenden hasserfüllte Menschen Gewalt an, ist es oberste Priorität, den Ort so schnell und sicher wie möglich zu verlassen.
Nicht persönlich nehmen
Abwertende Äusserungen von hasserfüllten Menschen sollten nicht persönlich genommen werden. Viel besser ist es, an der eigenen emotionalen Stärke und am Selbstwertgefühl zu arbeiten. Ein gutes Selbstwertgefühl ist wie ein inneres Immunsystem. Es macht widerstandsfähiger gegen ungerechtfertigte Kritik und Angriffe. Wer mit sich im Reinen ist, nimmt Ablehnung weniger als Bedrohung wahr. Oft spiegeln Hasstiraden die inneren Konflikte oder die Unzufriedenheit der anderen Personen wider. Die Hassausbrüche sagen meist viel über die Unsicherheiten, Frustrationen und den Ärger des Gegenübers aus. In solchen Situationen kann es ratsam sein, sich empathielose Menschen wie schlechtes Wetter vorzustellen. Diese Menschen haben nichts mit uns persönlich zu tun. Wir sollten ihre Kälte nicht an uns heranlassen.
Die eigenen Erwartungen anpassen
Der Umgang mit empathielosen Menschen kann ermüdend sein. Denn meistens hoffen wir, dass sich die andere Person ändert. Doch bei manchen Menschen warten wir vergeblich auf Verständnis, Reue oder Mitgefühl. Hier kann es helfen, unsere Erwartungen anzupassen und zu akzeptieren, dass die anderen Personen uns keine Empathie geben können. Der Kontakt mit dem Gegenüber soll daher klar begrenzt werden. Normalerweise versuchen wir, anderen unseren Schmerz zu erklären, damit sie ihn verstehen («Verstehst du nicht, wie weh mir das getan hat?»). Bei empathielosen Menschen führt das oft zu Frust, weil sie nicht zu einer angemessenen Reaktion fähig sind. Daher sollten wir uns die Energie für lange Erklärungen unserer Gefühle sparen, weil diese beim Gegenüber nicht ankommen.
Humor gegen Hass
Humor kann wirkungsvoll gegen Hass sein. Hier kommt es aber stark auf die Situation und die Sicherheit an. Eine kurze und witzige Antwort signalisiert: «Ich kann nicht verletzt werden. Ich stehe über der Situation.» Bei der Regenbogenparade in Budapest waren beispielsweise geschminkte Orbán-Gesichtsmasken zu sehen. Sie zeigten Orbán mit geschminkten Augen und Lippenstift, teilweise vor einer Regenbogenflagge. Damit soll die «fragile Maskulinität» des Politikers dargestellt werden. Ein bekanntes satirisches Meme auf Pride-Paraden ist auch das Bild des russischen Präsidenten Wladimir Putin als Dragqueen.
Und was macht die evangelische Kirche?
Traurig ist das Verhalten der evangelischen Kirchen in Ungarn. Denn sie haben zu Orbáns queerfeindlicher Politik geschwiegen. Bei der bunten Parade in Budapest nahmen zahlreiche Vertreter:innen von zivilgesellschaftlichen Organisationen teil. Die evangelischen Kirchen in Ungarn glänzten durch Abwesenheit. Die evangelischen Landeskirchen in Deutschland können es hier besser machen und mit einer gendersensiblen sowie queerfreundlichen Praxis ein Vorbild sein.