Wiederholt sich die Geschichte?

Der US-anglikanische Bischof John Shelby Spong zum Thema Homophobie

«Diejenigen, die nicht aus der Geschichte lernen, sind dazu verdammt, sie zu wiederholen.» Diese Worte des Philosophen George Santayana sind erschreckend wahr.

Kürzlich habe ich wieder mal betrachtet, was mit den Juden im christlichen Europa in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts geschah und verglich es mit dem, was meiner Ansicht nach heutzutage den Homosexuellen in den Vereinigten Staaten widerfährt. Die Ähnlichkeiten sind sowohl erschreckend als auch furchterregend. Damit wir uns nicht als schuldig erweisen, nicht aus der Geschichte gelernt zu haben, erlauben Sie mir, diesen antisemitischen Horror des letzten Jahrhunderts zum Zweck des Vergleichs zu rekapitulieren.

Die latente Feindlichkeit gegenüber den Juden wurde durch Adolf Hitler in seinem Buch «Mein Kampf» geschürt, das Mitte der Zwanziger Jahre während seiner Gefängniszeit geschrieben wurde. Die historischen Wurzeln die Feindseligkeit waren jedoch durch jahrelange christliche Rhetorik genährt worden, die die Juden als Christusmörder und als Ursache solcher Katastrophen wie die Beulenpest hinstellte. Das Töten von Juden wurde vom Vatikan während der Kreuzzüge legitimiert und wurde durch die Schriften von Martin Luther während der Reformation genährt. In jedem Fall wurden die Juden als Ursache allen Übels bezeichnet, das die Regierenden erfuhren. Als Hitlers politischer Stern zu steigen begann, wurde dieses tödliche Vorurteil erneut bekräftigt. Der Papst, Pius XII., sah in Hitlers Haltung nichts, was er für verdammenswürdig hielt. Stattdessen bot er dem Führer seine offene Zustimmung. Die Leitung der deutschen Protestantischen Kirche schwieg, mit einer oder zwei bemerkenswerten Ausnahmen, ebenfalls. Politiker in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und in Kanada handelten so, dass andere dachten, das deutsche Verhalten sei nicht unangemessen. Hitlers antisemitische Rhetorik blieb unwidersprochen und erlaubte, eine bestimmte Gruppe von Leuten als verfolgungswürdig zu betrachten.

Heutzutage wird ein ähnlicher Trommelschlag der Feindseligkeit gegen andere Opfer losgetreten. Hören Sie auf die Worte, die von höchster Stelle gegen schwule und lesbische Menschen in unserer Zeit geäußert werden, und vergleichen Sie dies mit der Feindseligkeit gegenüber den Juden während der 30er Jahre in Nazideutschland. Vieles spricht dafür, dass Angriffe gegen Schwule und Lesben heutzutage den gleichen politischen Zwecken dienen wie die Angriffe auf Juden in dieser früheren Zeit. Vorurteile sind im Kern eine Ablenkungstaktik, um die Verantwortung auf einen identifizierbaren Gegner zu lenken. Hitler schob die Banken-Depression auf «jüdische Bankiers». Sein Unvermögen, eine Allianz mit Großbritannien zu erreichen, was in seinen Augen den zweiten Weltkrieg unvermeidlich machte, war, so sagte er, das Resultat einer «internationalen jüdischen Verschwörung».

Heutzutage machen politische und religiöse Führer in Amerika die Homosexuellen für den Niedergang der Familienwerte, die steigende Scheidungsrate und den Niedergang der öffentlichen Moral verantwortlich. Einen ausgewiesenen Sündenbock zu haben, lässt Feindseligkeit legitim erscheinen. Ich erschaudere angesichts der Richtung, in die ich meine Nation und die Welt laufen sehe. Der Vorfall, der für mich diese Ängste in unbestreitbarer Weise entzündete, war die jüngst erfolgte Ankündigung des Vatikans, dass der neue Papst Benedikt XVI., der frühere Großinquisitor Kardinal Joseph Ratzinger, plante, die Entfernung aller schwulen Priesteramtskandidaten [aus den Seminaren] zum Schlüsselthema seines Pontifikats zu machen. Die Anordnung besagte, dass diese Säuberungsaktion umfassend zu sein hatte. Der Papst handelt – wie Hitler – aus einer langen Geschichte eines Vorurteils heraus, das auch von den vorherrschenden Stimmen in der christlichen Kirche gerechtfertigt wurde. Seine eigene Kirche hat Homosexualität durchweg als «abweichend, unnatürlich und entartet/verdorben» bezeichnet. In unserer Umgangssprache werden Homosexuelle als «Faggots» bezeichnet, das ist der Name der Reisigbündel, die benutzt wurden, um die Feuer zu entzünden, die unzählige Homosexuelle auf dem Scheiterhaufen verbrannten.

Römisch(-katholisch)e Bischöfe erlauben Gruppen von Homosexuellen wie «Dignity» [=Würde] nicht, sich in ihren Kirchen zu treffen. Dennoch wissen diese Prälaten sehr wohl, dass ein großer Prozentsatz ihres Klerus, Bischöfe und Kardinäle eingeschlossen, tatsächlich schwule Männer sind. In dieser neuen Kampagne um das Gefallen der Öffentlichkeit behauptet der Vatikan jedoch, dass es nicht zähle, dass schwule Männer, die das Priesteramt anstreben, zölibatär leben oder sogar Leben exemplarischer Heiligkeit führen. Wenn sie homosexuell sind, sind sie auszusondern. Das Verhalten des Einzelnen ist nicht länger die Grundlage der Beurteilung. Leute sollen nun wegen dem, was sie sind, [aus dem Seminar] entfernt werden. Dies war auch Hitlers Regel. «Jüdisch» meinte für Hitler jeden, der/die mindestens zwei jüdische Großelternteile oder ein jüdisches Elternteil hatte. Wenn ein Nichtjude einen Juden heiratete, wurde er oder sie wie ein Jude behandelt. Bei Hitlers wie bei Benedikts Säuberungsaktion ging es nicht um die Taten eines Menschen, es ging um sein Sein. Das bloße Sein eines homosexuellen Menschen gilt als ausreichend böse, um diese Handlung zu rechtfertigen, denn Homosexuelle infizieren vermeintlich die Reinheit des katholischen Glaubens ebenso, wie man dachte, dass Juden die Reinheit der arischen Rasse infizierten.

Interessanterweise stellt das Vatikanpapier klar, dass sich diese Säuberungsaktion nicht auf die bereits Geweihten beziehe. Dies sollte vermieden werden, da die skandalösen Enthüllungen verheerend für das öffentliche Ansehen sein würden. Das Ziel, die Ränge der Geweihten von Homosexuellen zu reinigen, sollte also nur auf der Zugangsebene verfolgt werden. Dies bedeutet, dass die Aufgabe der Befreiung der Priesterschaft von der so gesehenen homosexuellen Verschmutzung eine Zeitspanne von 50 Jahren oder mehr erfordern würde. Auf diese Weise, verspricht der Papst, würde der Gestank der «Homosexualität» aus den «Zitadellen der Heiligkeit» entfernt werden.

Kirchenführer haben die jüngste Publizität bezüglich des Kindesmissbrauchs durch Priester – wie mir scheint recht gelegen – auf den homosexuellen Klerus geschoben, als ob Homosexualität und Pädophilie irgendwie das Gleiche wären. Es gibt absolut keine Belege, die diese Behauptung stützen würden. Tatsächlich finden 90% der Fälle von Kindesmissbrauch in Amerika in der Familie des missbrauchten Kindes statt, und der Missbrauch ist zum allergrößten Teil heterosexueller, nicht homosexueller Natur. Daher ist diese neue Anti-Schwulen-Initiative kaum mehr als eine Kampagne, um das Image der Kirche zu verbessern. Dies ist kaum rechtschaffen.

Ich erinnere mich, dass die Hierarchie dieser Kindesmissbrauchskrise nicht mit Ehrlichkeit, sondern mit massiver Vertuschung begegnete. Der bedeutendste Beschuldigte in dieser Vertuschung war Kardinal Bernard Law aus Boston, der in einem offenkundigen Doppelspiel auf einen Ehrenplatz in Rom versetzt wurde und den man so der Möglichkeit entzog, vor Gericht gestellt zu werden und unter Eid aussagen zu müssen.

Wenn das Attackieren von Homosexuellen eine annehmbare Handlungsweise wird, sind wir sicherlich in eine gefährliche Periode der Geschichte eingetreten. Doch der Vatikan ist nur eines der Anzeichen dieses drohenden «dunklen Zeitalters». Während des letzten Präsidentschaftswahlkampfs gelang es dem amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten, George W. Bush, und seinem politischen Spitzenberater Karl Rove, die Ängste der Leute dieses Landes vor der Bedrohung zu schüren, die die Homosexualität vermeintlich für die Institution der Ehe bedeutet. Indem sie dieses Thema in elf Bundesstaaten zur Abstimmung brachten, riefen Bush und Rove den Geist des Pöbels herauf und ermutigten so unverhohlen Amerikas wachsende Homophobie. Dies stellte sich als eine erfolgreiche Taktik heraus. Sobald die Saat der Feindseligkeit jedoch ausgesät ist und die Opfer benannt sind, ist das Ergebnis unvermeidlich. Amerikas homosexuelle Bevölkerung wurde in der Tat dazu bestimmt, diese Rolle zu spielen. Als Mr. Bush nach einem Verfassungszusatz rief, um die Homo-Ehe zu verbieten, versuchte er, dieses Vorurteil zu institutionalisieren. Wenn Homosexuelle zu hassen oder zu fürchten für den Papst und für den Präsidenten richtig ist, wird es schnell richtig für alle. Man muss nur darauf schauen und hinhören, wie diese nun entfesselte Zerstörungswut das Land relativ unangefochten durchstreift.

Der Fernsehprediger Jerry Falwell hat bereits behauptet, das Drama des 11. September sei ein Akt göttlicher Bestrafung gewesen, weil Amerika begonnen hatte, Homosexuelle zu tolerieren. Seine nicht sehr subtile Botschaft ist: wenn Du nicht von Terroristen attackiert werden willst, musst Du Homosexuelle unterdrücken.

Um nicht von seinem ebenfalls aus Virginia stammenden Kollegen übertroffen zu werden, war Pat Robertson damit beschäftigt, abzustreiten, er hätte gesagt, der Hurrikan wäre die göttliche Strafe für New Orleans, weil dies die Heimatstadt der lesbischen Komödiantin Elle DeGeneres sei. Bei seinem Dementi zeigte er jedoch die gleiche Geisteshaltung, indem er feststellte, Gott plane ein Erdbeben für Hollywood, wo Ellen «Degenerierte», wie er sie nannte, nun lebt. Es ist ein bizarrer Gedanke, aber beide Männer sind selbst davon überzeugt, dass Gott alles hasse, was sie hassen.

Dies scheint in der heutigen Welt der Religion einfach zu sein. Der Kardinal-Erzbischof von Sydney, George Pell, behauptete «Homosexualität ist eine größere Gesundheitsgefährdung als das Rauchen.» und machte bekannt, dass Homosexuelle und ihre Sympathisanten nicht willkommen seien, die Kommunion an katholischen Altären in Australien zu empfangen. Beim Begräbnis eines ermordeten schwulen Mannes, Matthew Shepard, in Wyoming trugen Mahnwachen, die von einem Baptistenprediger aus Topeka/Kansas organisiert wurden, ein Schild mit der Aufschrift «Gott sagt: Tunten sollen sterben (Levitikus 20)». Versteht nicht schon jeder, dass wenn religiöse oder politische Stimmen behaupten, Vorurteile seien sowohl legitim als auch von Gott gesegnet, sie diese Gesellschaft für die Gewalt öffnen?

Zum Gewicht unserer kulturellen Homophobie kommen die Stimmen von christlichen Führern aus der Dritten Welt hinzu, die (weit mehr, als öffentlich wahrgenommen wird) von Geldquellen des rechten Flügels in Amerika unterstützt und angetrieben werden. Schließlich gibt es die schwafelnden christlichen Führer der Hauptströmungen, am besten symbolisiert durch den Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, der sich nicht durchringen kann, dieses eklatante Vorurteil zu konfrontieren, das seine Kirche beeinträchtigt, weil er glaubt, dass die «Einheit der Kirche» wichtiger sei als diesem sich erhebenden bösen Geist zu widerstehen. Die Leute scheinen einfach nicht zu verstehen, dass, wenn heute Feindseligkeit, Vorurteile oder Verfolgung gegen irgendjemanden auf der Grundlage des Seins dieser Person als legitim betrachtet werden, dann morgen niemand mehr sicher ist. Die Geschichte kann sich wiederholen.

Ein deutscher lutherischer Pastor, Martin Niemöller, der in Opposition zu Hitler stand, schrieb diese Worte, die, wie ich glaube, für uns heute ebenso wahr sind wie sie in den 1930ern waren: «Sie kamen zuerst und holten die Kommunisten, und ich sagte nichts, weil ich kein Kommunist war. Dann kamen sie und holten die Sozialisten, und ich sagte nichts, weil kein Sozialist war. Dann holten sie die Gewerkschafter, und ich sagte nichts, weil ich kein Gewerkschafter war. Dann holten sie die Juden, und ich sagte nichts, weil ich kein Jude war. Dann holten sie mich, und es war keiner mehr da, um etwas zu
sagen.»

Ich beabsichtige, die Stimme gegen diese steigende Flut der Homophobie sowohl in der Kirche als auch in der Welt heute zu erheben. Schweigen stellt den Verrat an Allem dar, was ich heilig halte. Ich hoffe, Sie werden sich diesem öffentlichen Zeugnis anschließen.

John Shelby Spong

[Übersetzung: Ulrich Schürrer, Stuttgart]

John Shelby Spong (*1931), emeritierter Bischof von Newark/New Jersey

Er hat in vielen Büchern seine liberale und engagierte Haltung gezeigt.
In der LSBK-Liste ist er mit folgenden Titeln vertreten:

Rescuing the Bible from Fundamentalism A Bishop Rethinks the Meaning of Scripture

Resurrection : Myth or Reality? A Bishop’s Search for the Origins of Christianity

Was sich im Christentum ändern muss