Zehn Gebote

Prominente über die Aktualität der Zehn Gebote
Wim Wenders, 56, Filmemacher
Ich habe nicht das geringste Problem mit den Zehn Geboten, im Gegenteil: Ich finde es über alle Massen erstaunlich, geradezu unfassbar, wie relevant und lebendig sie geblieben sind. Man darf sie nur nicht so bürokratisch und mechanisiert sehen, wie sie leider vor allem von den Pharisäern und Schriftgelehrten des Christentums dargestellt worden sind oder noch dargestellt werden.
Ich erinnere mich mit Unbehagen, wie ich als katholischer Bub den Katechismus auswendig lernen musste und damit auch die Zehn Gebote erst einmal ausgetrieben bekam. „Du sollst nicht …“ stand da mit erhobenem Zeigefinger, und danach kam gleich das Kapitel mit den „Todsünden“. Dieser erhobene Zeigefinger ist womöglich nie im biblischen Text enthalten gewesen.
Übersetzungen aus dem Althebräischen weisen darauf hin, dass man die Zeitform der Verben nicht nur im Sinne des „Du sollst nicht“ verstehen muss, sondern dass man sie auch als Futurum verstehen kann, nämlich als „Du wirst nicht …“ Und schon stehen diese Gebote in anderem Licht da. Im Klartext steht dann da nämlich: Wenn du mich als deinen Gott und Schöpfer begreifst, Mensch, dann wirst du mich ehren. Dann wirst du nicht lügen. Dann wirst du nicht töten … usw.
Easy. Und absolut einsichtig. Ein Mensch, der sich vor seinem Schöpfer verneigt und sich von ihm liebevoll be(ob)achtet weiß, braucht in der Tat keine Gebote, sondern erkennt, wie von selbst, die Folgen dieser Beziehung.
Aus «stern» Nr. 52 (19.12.2001)