Zwischen liberal und repressiv

Kirchen und Homosexualität in der Schweiz

Kirchen und Homosexualität markiert ein Spannungsfeld, das am ehesten die Betroffenen selber abzubauen vermögen, mit (Selbsthilfe-) Gruppen, Tagungen, Verlautbarungen. Eine Tour d’horizon christlicher Initiativen für (und gegen) Homosexuelle.

VON MICHAEL MEIER

Insgesamt tut sich die Kirche mit der gleichgeschlechtlichen Liebe immer noch schwerer als die Zivilgesellschaft. Homosexualität ist in der Kirche, ähnlich wie die Abtreibung, ein Thema, das die gläubigen Gemüter erhitzt, ein heisses Eisen eben – und ein Dauerbrenner. Man schlägt sich die immer gleichen Bibelzitate um die Ohren. Selbst wenn ÖRK-Generalsekretär Konrad Raiser unlängst prophezeite, Homosexualität werde in den nächsten Jahren eines der Hauptthemen im Weltkirchenrat sein, so ist das nur Zeichen dafür, wie wenig selbstverständlich die homoerotische Liebe unter Christen ist.

Dabei vertreten die Kirchen der Reformation eine vergleichsweise liberale Haltung. Bei den Reformierten bricht das Thema öffentlich immer wieder auf, wenn es um Segnungsfeiern für schwule und lesbische Paare geht. Finden sie öffentlich statt, wie vor Jahren im Bündnerland oder neulich in Bern und Zürich, ist das Mediengetöse garantiert. Offiziell allerdings sind solche Segnungen erst in Luzern und Freiburg abgesegnet; in Bern, Aargau, Zürich oder St. Gallen sind sie in der Vernehmlassung. Chancen hat das Postulat meist nur im grösseren Rahmen von „Gottesdiensten für Menschen in besonderen Lebenssituationen“, also für geschiedene, unverheiratete und eben gleichgeschlechtliche Paare. Gemäss dem Basler Urs Mattmann, der seine eigene Beziehung zu seinem Freund hat einsegnen lassen, haftet der ganzen Diskussion auch etwas Künstliches an. Es werde etwas debattiert, das im Prinzip erlaubt sei „Eine Segnung ist schliesslich keine Trauung, also kein Sakrament.“

Schweigen – bis zum Skandal

Auf katholischer Seite stehen Segnungsfeiern nicht zur Diskussion. Hier hat bekanntlich das Lehramt auch die Frage der Homosexualität abschliessend geregelt: Homosexuelle dürfen nicht diskriminiert, aber auch nicht sexuell aktiv werden. Ausserhalb des ehelichen Zeugungsaktes keine Lust – so will es die unverbrüchliche römische Doktrin. Darum ist schwul-lesbische Liebe in der römischen Kirche kaum je ein Thema, es sei denn, es kommt zum Skandal. 1995 beispielsweise hat der Zürcher Weihbischof Peter Henrici den Pastoralassistenten von Oberstrass in die Wüste geschickt, als ruchbar wurde, dass dieser mit seinem Freund zusammenlebte. Nach dem Konfliktfeld Homosexualität befragt, schickten die Bischöfe ihre damalige Pressesprecherin vor und liessen mitteilen, ihnen seien lediglich zwei Fälle von homosexuellen Geistlichen bekannt.

Dem Verbot zum Trotz

Die Bischöfe wissen ganz genau, dass es mehr sind, erheblich mehr. Auch ihnen ist bekannt, wie attraktiv der Zölibat gerade für verschämte Homosexuelle ist. Dem Klerus ist alles daran gelegen, das Problem zu individualisieren. Darum verwehrt er den schwulen Angestellten das Versammlungs- und Vereinigungsrecht. Dem Verbot zum Trotz ist vor zwei Jahren der Verein Schwuler Seelsorger entstanden – hierzulande die erste Standesorganisation für homosexuelle Kirchenmänner-. Es sind vor allem katholische Theologen, Pastoralassistenten und Priester, die hier ein Coming out unter ihresgleichen wagen. Sie treffen sich einmal monatlich zu einem Nachtessen mit themenbezogener Aussprache. Neulich hat der Verein auch öffentlich gegen den Wiener Erzbischof Christoph Schönborn protestiert, der einen Pfarrleiter wegen seines Engagements für Schwule absetzte.

Gegen Diskriminierung

Seit Jahren schon bietet der – mehr protestantisch geprägte – Verein Homosexuelle und Kirche HuK allen homosexuellen Christen und Christinnen ein Forum an. Er versteht sich als Arbeits- und Gesprächsgruppe, um das Spannungsfeld Homosexualität und Kirche abzubauen, organisiert aber auch gesellige Anlässe. Neben HuK Schweiz bestehen in Zürich, Bern und Basel Regionalgruppen. Eine eigene Frauengruppe trifft sich jeweils am ersten Samstag des Monats in Olten. Voraussichtlich wird sich ihr die seit sechs Jahren bestehende Gruppe lesbischer Theologinnen anschliessen. Dass in der Diskussion die Lesben hinter den Schwulen zurücktreten, darin sehen betroffene Frauen einfach den Spiegel unserer Gesellschaft. Gemäss Daniela Guggenheim, im HuK-Vorstand für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, können sich in der Frauengruppe Olten lesbische Christinnen in einer Art Selbsthilfegruppe austauschen. Darüber hinaus aber setzt sich die Gruppe – wie HuK insgesamt – dafür ein, dass Pfarrerinnen wegen ihrer Homosexualität in und bei der Anstellung nicht behindert werden. Neulich hat die HuK auch die Kantonalkirchen und Kirchenleitungen aufgerufen, sich für den Antidiskriminierungs-Artikel einzusetzen.

In Basel gibt es seit 1991 gar eine lesbische und schwule Basiskirche – eine Basis- oder Gottesdienstgemeinde, die im Sinne der Befreiungstheologie monatliche Gottesdienste – in der Elisabethenkirche – vorbereitet und feiert. Mitinitiant Urs Mattmann hat vor kurzem das Projekt Spiritualität aus lesbisch-schwuler Perspektive lanciert, das Wochenendseminare zu ganz verschiedenen Themen anbietet. Tagungen für Homosexuelle finden seit Jahren auch in kirchlichen Bildungshäusern wie Gwatt, Paulus-Akademie oder Boldern statt.

Umbeten und exorzistische Rituale

Vermutlich würde die reformierte Kirche sich stärker für Homosexuelle einsetzen, hätte sie nicht Angst, im evangelikalen Lager schlafende Hunde zu wecken. Die sind allerdings schon geweckt. Gerade in jüngster Zeit legt die von den USA inspirierte religiöse Rechte einen unheimlichen Gleichschaltungseifer an den Tag: So wie Juden zu Christen, besser zu messianischen Juden bekehrt, sollen Homos zu Heteros umgebetet werden. Im Juni 1997 haben etwa die Vereinigten Bibelgruppen VBG den Umpolungsguru Joseph Nicolosi, Exponent der expandierenden amerikanischen Ex-Gay-Bewegung, an eine Tagung mit Psychologen und Pädagogen eingeladen. Zuvor schon hatte Basileia Bern an ihren charismatischen Kongressen Seminare gegen „sexuelle Zerbrochenheit“ feilgeboten. Hier versuchten der Kalifornier Andy Comiskey und seine Jünger dem „Dämon Homosexualität“ mit exorzistischen Ritualen Herr zu werden.

Mittlerweile praktiziert bei uns der Arbeitskreis Neuer Weg – angeblich eine „Initiative von Betroffenen“, das Heilungs- und Jüngerschaftsprogramm „Living waters“ von Comiskey in Gruppen. Auch das Schweizerische Weisse Kreuz fordert therapiewillige Homosexuelle in einer Broschüre zu seelsorgerlichen Gesprächen auf. Hinter den christlichen Hilfsangeboten versteckt sich eine veritable Schwulenhatz und Homophobie. Die VBG glaubten an ihrer Tagung in Baar die Teilnehmer mit einem eigentlichen Sicherheitsdispostiv vor den „Drohungen aus der Schwulenszene“ schützen zu müssen. Und die Schweizerische Evangelische Allianz schrieb Ende 1995 in einer eigenen Resolution zum Thema: „Die Wirklichkeit des homosexuellen Lebensstils und der Homo-Szene ist tragischer und brutaler, als gewisse Veröffentlichungen sie darstellen.“ Darum entsorgt auch sie das Problem nach römischem Vorbild:

„Nein zur praktizierten Homosexualität – Ja zum homosexuell empfmdenden Menschen!“.

Erschienen im „aufbruch“ 1/1998

Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion des „aufbruchs“, Zeitung für Religion und Gesellschaft.

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