«aufbruch» 1/98: Schwerpunkt

«Homosexualität ist gewiss kein Vorzug, aber es ist nicht etwas, dessen man sich schämen muss, kein Laster, keine Erniedrigung, und kann nicht als Krankheit bezeichnet werden.»

Wissen Sie, woher dieses Zitat stammt? Sie haben die Wahl unter fünf Antworten:

  1. aus einer kirchlichen Stellungnahmen zur Segnung homosexueller Paare
  2. aus „De Profundis von Oscar Wilde,
  3. aus einem modernen Lehrbuch für Psychiatriepflege,
  4. aus einem Brief an die Mutter eines schwulen jungen Mannes,
  5. aus dem Kolosserbrief.

Sie liegen richtig, wenn Sie auf d) tippten. Die Art des Sohnes, seine Sexualität zu leben, wird der Mutter gesagt, ist nichts besonderes, aber auch nichts, dessen er oder sie sich zu schämen bräuchte. Es gibt dagegen kein Heilmittel, keine Therapie, keine Entziehungskur. Es braucht auch keine Schuldzuweisungen oder -übernahmen. Der junge Mann wird damit leben können und seine Mutter wird damit leben müssen – und können. Indem der Autor aufzählt, was Homosexualität nicht ist, wird klar, was sie ist: Homosexualität ist normal.

Wird dies der Mutter helfen? Ist die Antwort glaubwürdig? Der sie schrieb, 1935 nota bene, kann sehr wohl eine gewisse Autorität für sich beanspruchen: Der „Brief an eine amerikanische Mutter“ stammt von Sigmund Freud. Seine Toleranz und Klarheit sind noch heute beeindruckend und befreiend – vor allem, wenn man bedenkt, dass der britische Erfolgsautor Oscar Wilde noch 1895 wegen seiner Homosexualität zu zwei Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit verurteilt wurde, von denen sein letztes Werk „De Profundis“ ein ergreifendes Zeugnis ablegt, die aber zu seinem frühen Tode führten. Der Film über sein Leben lief kürzlich in unseren Kinos.

Die Schwulen- und Lesbenbewegung hat sich inzwischen zumindest in der westlichen Welt zu einer selbstbewussten gesellschaftlichen Gruppierung entwickelt, die um Gleichstellung kämpft. Ein wachsender Teil der Bevölkerung gehört ihr an oder ist persönlich mit Menschen konfrontiert, die ihre Sexualität offen mit Menschen des gleichen Geschlechts leben und damit nicht mehr Probleme haben als Heterosexuelle.

Mit wem ein erwachsener Mensch seine Sexualität lebt, ist nicht (mehr) das Entscheidende; entscheidend ist vielmehr, ob es dabei um blosse Triebbefriedigung ohne Rücksicht auf andere Menschen geht oder um echte Partnerschaft in Verantwortung. Und das heisst nicht zuletzt, ob eine Beziehung den Anspruch zu erfüllen vermag, nicht nur Lust und Liebe, sondern auch die dunklen Phasen der Entfremdung gemeinsam zu leben – oder notfalls in Würde zu beenden. Das schliesst für Bisexuelle gegebenenfalls die Mitverantwortung und Rücksichtnahme auf Kinder mit ein, auch wenn ihnen diese Verantwortung Grenzen setzt.

Dass die herkömmliche kirchliche Sexualmoral nicht nur, aber vor allem katholischer Prägung, dass Zölibat und Keuschheitsgelübde seit Jahrhunderten und bis heute in einer endlosen Kette von Heimlichkeiten, Lebenslügen und Selbstverleugnungen zum vorprogrammierten sexuellen Missbrauch von Kindern, Frauen, aber auch ,Brüdern‘ geführt hat, ist mit Liebe im Sinne des Evangeliums nicht in Einklang zu bringen. Zwar hat auch sexuelle Enthaltsamkeit zumindest zeitweise ihre Berechtigung. Sie aber zum status confessionis zu machen und junge Menschen lebenslänglich dazu zu verpflichten – um nicht zu sagen: zu verurteilen – ist kein Zeichen hoch stehender Ethik, sondern menschenverachtenden Machtdenkens.

Anders gesagt: Nicht mehr Schwule, Lesben und Bisexuelle sind heute das Problem, sondern jene, die Heterosexualität noch immer als Norm und gottgewollte Schöpfungsordnung betrachten. Das Problem sind die tief verwurzelten Vorurteile, der religiöse Fundamentalismus und eine überholte Rechtsordnung.

Wir tragen zusammen, wie die Schweizer Kirchen heute mit diesen Problemen umgehen und wie homosexuelle Menschen in ihrem Umfeld damit leben.

Susanne Kramer-Friedrich

Erschienen im „aufbruch“ 1/1998

Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion des „aufbruchs“, Zeitung für Religion und Gesellschaft.

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