Stets abgelehnt

Reformierte Kirchgemeinden und Homosexualität

Frisch ordinierte Theologinnen und Theologen weisen in diesem Leserlnnenbrief auf die schmerzliche Erfahrung eines Frauenpaares hin, das sich in verschiedenen Kirchgemeinden um eine pfarramtliche Tätigkeit bewarb.

Als frisch ordinierte Theologinnen und Theologen verschiedener Kantonalkirchen mussten wir feststellen, dass homosexuelle Theologinnen und Theologen nur mit Mühe von den Gemeinden in den kirchlichen Dienst aufgenommen werden. Besonders schmerzliche Erfahrungen hat ein lesbisches Paar unseres Kurses bei zahlreichen Bewerbungen in Gesprächen mit Kirchenpflegen und Pfarrwahlkommissionen machen müssen Ihre gemeinsame Bewerbung wurde stets mit grossem Interesse entgegengenommen und die Besuche in den Schulstunden und im Gottesdienst sehr positiv bewertet. Bei ausführlichen Gesprächen in den Kommissionen wurden die beiden Theologinnen über die Art ihrer Beziehung ausgefragt und in der Folge auf ihre Sexualität reduziert. Das Interesse an der Bewerbung erlosch schlagartig, sobald die Homosexualität der Kandidatinnen bekannt wurde. Bei den darauf folgenden Absagen versteckten sich die Kommissionsmitglieder entweder hinter dem Argument, ihre Gemeinde könne eine Anstellung nicht verstehen und die Absage geschehe nur zum Besten des Paares, oder es wurden fadenscheinige formale Gründe vorgeschoben.
Erfreuliche Stellungnahmen, aber…

Viele Kantonalkirchen haben in letzter Zeit erfreuliche Stellungnahmen zum Thema Homosexualität veröffentlicht, die wir sehr begrüssen und unterstützen. Auch wir meinen, dass Homosexualität einer wertvollen Arbeit als Gemeindepfarrerin oder -pfarrer in keiner Weise entgegensteht. Wir erachten es sogar als wünschenswert, dass eine breitere Öffentlichkeit zur Kenntnis nehmen kann, dass der Pfarrberuf sehr wohl mit unter schiedlichen Lebensformen einhergeht.

Allein das Veröffentlichen von wohlwollenden Stellungnahmen durch die Kirchenleitungen hilft homosexuellen Frauen und Männern im konkreten Fall der Anstellung in ein Pfarramt nicht weiter. So halten wir es für angebracht zu überlegen, in welcher Weise und von wem homosexuelle Gemeindepfarramtskandidatinnen und -kandidaten unterstützt werden können. Die Verantwortung für weiterführende Schritte liegt neben den einzelnen Gemeinden auch bei den Behörden der verschiedenen Kantonalkirchen.

Wir solidarisieren uns mit unseren benachteiligten Kolleginnen und Kollegen und sind motiviert, sie zu unter stützen. Deshalb sind einige von uns bereit, in der Beratung von Pfarrwahlkommissionen, in der Mitarbeit an Einführungskursen von Kirchenpflegen oder an ähnlichen Veranstaltungen mitzuwirken, durch welche die Anstellung homosexueller Pfarrerinnen und Pfarrer gefördert werden kann. So hoffen wir, dass homosexuellen Amtsträgerinnen und Amtsträgern in den reformierten Kirchen der Schweiz Chancengleichheit widerfahren wird.

Im Original folgte eine Liste von Unterschriften, die wir in dieser Publikation weggelassen haben.

Erschienen im „aufbruch“ 6/1998

Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion des „aufbruchs“, Zeitung für Religion und Gesellschaft.

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