Der besessene Gerasener

Siehe da, ich mache alle Dinge neu

John J. McNeill zu Offenbarung 24,5

Vortrag vom 19. September 2000, im Rahmen eines Workshops des Instituts für Friedens- und Bewusstseinsbildung in Basel

Es ist dies eine wunderbare Zeit gewesen, lebendig und schwul und Christ zu sein. So wie Jacques Perrot – ein führender Mann in der Schwulen Christlichen Befreiungsbewegung „David und Jonathan“ in den frankophonen Teilen der Welt – von dieser neuen Ära spricht als einem speziellen Augenblick in der Geschichte, „einer Offenbarung des langsamen Entstehens einer positiven homosexuellen Identität aus dem Herzen der Welt heraus.“ Nach so vielen Jahren der Zurückweisung, Zerstörung und Einschüchterung hat ein Wind von Freiheit zu wehen begonnen.

Mit Gottes Hilfe möchte ich versuchen, das Muster des Befreiungsprozesses der homosexuellen Menschen deutlich zu machen. Als Hinweis darauf, wie Gott an Befreiung herangeht und welches der Prozess ist, möchte ich mit euch eine biblische Geschichte von Jesus‘ Befreiung des besessenen Gerasener teilen, die als Metapher dienen soll für den Befreiungsprozess, dem wir Schwule und Lesben uns unterziehen müssen. Die Geschichte befindet sich im Lukas-Evangelium (Kap. 8, Vers 26-39).

Nach dem Sturm auf See geriet Jesus‘ Boot ausser Kurs und schliesslich landete er an der Küste im Land der Gerasener, eines der ersten Male, wo Jesus den Fuss auf nicht-israelischen Boden setzte. Dort traf er in einem Friedhof am Seeufer auf einen Mann, der von seinem Dorf ausgestossen worden war, weil er als vom Teufel besessen galt. Die Dorfbewohner wussten nicht, was sie mit dem Mann tun sollten. Sie hatten ihn in eine Gruft gebracht und ihn an einen Felsen gekettet. In seinem verwirrten Zustand riss er sich jedoch immer wieder los, so dass sie es schliesslich aufgaben, ihn anzubinden und ihn fortan unter den Toten hausen liessen. Der Besessene, der das Urteil seines Dorfes über ihn akzeptierte, benahm sich weiter entsprechend dem Urteil des Dorfes, indem er sich selbst peinigte, verletzte und bestrafte, und Tag und Nacht hoffnungslos heulte.

Der Mann, oder der Geist, erkannte Jesus von weitem. Er rannte zum Seeufer und betete Jesus an und beschwor ihn, ihn nicht zu peinigen, denn Jesus hatte dem Geist gesagt, er solle aus ihm heraus fahren. Jesus fragt den Geist nach seinem Namen, und er nennt sich selbst „Legion“, denn „wir sind viele“. Er bittet, nicht aus diesem Land weggeschickt zu werden. Das ist nicht erstaunlich, denn Legion ist vollkommen Teil der Ökonomie dieses Ortes, er ist die Interrelation von Zwängen und Triebkräften, die jene Leute zusammenhalten, so dass sie einen Sündenbock haben können, jemanden der das repräsentiert, was sie selbst nicht sind, alles, was gefährlich, widerwärtig und böse ist. Ausserhalb dieses Landes, entfernt aus der Beziehung zwischen der Stadt und dem Besessenen, würde Legion keine Existenz mehr besitzen. Seine ganze Struktur und sein Daseinsgrund würden in sich zusammenfallen.

Jesus empfindet keine Angst vor dem Geist des Legion. Er schreit ihn nicht an oder befiehlt ihm, wohin er gehen soll. Statt dessen erlaubt er Legion freundlich zu tun, was er will: in die Schweine einzufahren. Jesus hat es nicht nötig, Legion ausser Landes zu schicken. Dennoch wird sich die gewalttätige und selbstzerstörerisch Identität des Legion in dem Moment offenbaren, wo er ausserhalb des rein menschlichen Spiels steht, das sorgfältige Grenzen und Strukturen aufstellt, um das Gruppenüberleben auf Kosten eines Sündenbocks dadurch auszuhandeln.

Die Schweine werden zu einer perfekten Symbolisierung dessen, worum es sich beim Legion eigentlich handelt. Sie besitzen nicht die festgelegte menschliche Fähigkeit, aus selbstzerstörerischen Kräften etwas Konstruktives aufzubauen, eine soziale Gruppe zu vereinen indem jemand ausgestossen wird. Die Schweine, als Herde, sind lediglich sehr gut darin, sich gegenseitig zu imitieren: Entweder befinden sich alle im Frieden, oder alle werden ausgestossen. Und so stürzen sie alle den Abhang hinunter und ins Meer.

Die Schäfer gehen und berichten, was den Stadtbewohnern geschehen ist; anständige Leute, die zweifellos davon überzeugt waren, dass der Besessene eine bösartige Person war, die es verdiente, ausgestossen zu werden. Bis dahin waren sie sich nicht bewusst darüber gewesen, wie abhängig sie von ihm waren für ihre eigene Stabilität. Im Text steht: „Sie kamen zu Jesus und sahen den Besessenen dort sitzen, bekleidet und bei rechtem Verstand, den Mann, der die Legion gehabt hatte, und sie fürchteten sich“.

Wovor fürchteten sie sich? Sie hatten sich nicht gefürchtet, als der Mann sich besessen verhalten hatte, als er heulte und sich selbst Wunden zufügte. Dies war für sie ganz einfach üblich. Das Schockierende war, ihn dasitzen zu sehen, in der Haltung eines friedvollen Menschen, bekleidet und bei klarem Verstand. Die Stadtleute haben wahrscheinlich kaum eine Ahnung, warum sie sich fürchten. Was sie zusammenhält, ihre Beziehung mit dem Besessenen, ist auf einer Ebene, die ihr Bewusstsein erst bildet und daher nicht etwas ist, was sie ins Bewusstsein bringen können. Es ist ihre Art, als Gemeinschaft zusammengehalten zu werden, die plötzlich herausgefordert wird. Welch seltsame Macht es auch sein mag, die ihren Besessenen ganz ausserhalb der Spielregeln gebracht hat, durch die sie überleben, sie empfinden sie schrecklich bedrohlich. Und so bitten sie Jesus zu gehen.

Jesus ist sich bewusst, dass seine Gegenwart diese heidnische Stadt aus dem Gleichgewicht bringen würde. Diese Menschen besassen nicht den Nutzen des Gesetzes und der Propheten. Daher würden die Gebote, den lebendigen Gott anzubeten und ohne Götzen zu leben, zuviel für sie sein. Der Besessene will mit ihm gehen. Doch Jesus erlaubt dies nicht. Sein ganzes Leben hindurch war der Besessene in einem verrückten Spiel von Dazugehören und Nichtdazugehören eingebunden. Sein Volk zu verlassen ähnelt für ihn zu sehr dem Ausgestossensein, etwas was andauernd vor sich gegangen war

Statt dessen gibt ihm Jesus eine wahrscheinlich viel schwierigere Aufgabe: „Kehre heim zu deinen Freunden und erzähle ihnen, was Gott dir Grosses getan hat, und wie sehr er Erbarmen mit dir gehabt hat.“ Und er ging fort, und verkündigte in der ganzen Stadt, was Jesus ihm Grosses getan hatte.“

Das Zeugnis dieses Mannes für den Lebendigen Gott wird höchst machtvoll abgegeben, indem er dasitzt, bekleidet und bei rechtem Verstand ist, zu Hause ist, unter Freunden (diesen gleichen Freunden, die ihn ausgestossen haben) und Zeugnis ablegt für die Gnade und die Macht Gottes.

Eines der ersten Dinge, die der Besessene getan hat, als er Jesus erkannt hatte, war, ihn zu bitten, ihn nicht zu peinigen. Das tönt seltsam, denn was könnte peinigender sein als der lebende Prellbock seiner Gesellschaft zu sein, wo man ihn peinigte und er darin einwilligte, sich selbst zu peinigen, „das Spiel mitzuspielen“. Für jemanden, für den die Pein als Alltagsgeschäft die ganze Bequemlichkeit des Vertrauten besitzt, fühlt sich die Ankunft des Lebendigen Gottes wie eine Tortur an.

Und doch ist die Form, die der Mann bei Jesusæ Ankunft annimmt, nichts weniger als seine Humanisierung und Domestizierung, selbst auf Kosten der sozialen Gruppe, von der er ein solch wichtiger Teil gewesen war. Dies ist nicht die menschliche Logik dass es „besser ist dass ein Mensch ausgestossen werde, als dass die ganze Nation gestört wird“. Das ist die Logik der universellen Liebe des Lebendigen Gottes, Jesus Christus, für den es weder Verbannung noch Ausgestossenheit gibt, die Logik nämlich, dass „es besser ist, dass ein Mensch menschlich gemacht werde und die ganze Nation lernen soll, unterschiedlich zu leben“, die Logik, die das eine verlorene Schaf den 99 anderen vorzieht, welche sich nie verirrt haben.

Homosexuelle Befreiung ist ein Prozess, die Initiative in diesem Prozess kommt von Gott. Der erste Moment dieses Prozesses ist, uns selbst – gleich dem Besessenen – total gefangen in einem geschlossenen System zu finden, welches keinen Ausweg bietet. Das Resultat davon ist etwas wie Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Für manche von uns ruft all dieses Gerede über böse Geister und Besessenheit extrem schmerzvolle Erinnerungen hervor.

Viele von euch sind, wie ich selbst, von verschiedenen christlichen Gruppen behandelt worden, als wären wir von einem bösen Geist besessen. Ob dies die Form eines Exorzismus angenommen hat, um den sog. „Geist der Homosexualität“ auszutreiben, oder in Form von verschiedenen fundamentalistischen Gruppen, die dazu ermutigen, uns selbst dafür zu hassen. Viele von uns haben erfahren, was es heisst, lethargisch gegenüber der Vernichtung unseres Wesens zu sein, die die ganze Sprache des Besessenen für uns erzeugt hat.

Wir müssen die Logik eines solchen Verständnisses der Logik des christlichen Evangeliums gegenüber stellen. In der Logik der Gemeinschaft des Besessenen (bedeutet dies): Wenn wir darin einwilligen, einen Teil unseres Selbst zu verbannen, werden wir dafür das kostbare Dazugehören und Dasein erhalten, das uns angeboten wird. Die Tatsache, dass das „Böse“ herausgeschafft wird, verstärkt unser Festhalten an der Glaubensstruktur, die uns die Gruppe anbietet. Wenn du Schwulsein nur als eine Serie von zwanghaften, schmutzigen, heimlichen, hoch sexualisierten Ausflügen vom normalen Leben kennst, dann wirst du mit der Gruppendefinition übereinstimmen und auch damit, dass wenn das alles ist, was Schwulsein bedeutet, dann das Gruppenporträt davon als dunkle Seite des normalen Lebens richtig ist.

Das ist nicht die Logik des Evangeliums. Die Sprache des Besessenen weist auf den Schöpfergott, der auf friedvolle Weise jene ins Leben ruft, deren Dasein durch die Gewalt der kulturellen Zugehörigkeit gefangen wurden. Der Lebendige Gott schenkt Dasein und Dazugehören völlig ausserhalb derjenigen Spielregeln, die bei der Bildung einer Menschengruppe aufgestellt werden.

Der Lebendige und Schöpferische Gott, der alle Dinge ins Dasein ruft, ist auf keinen Fall abhängig von einer Gruppenzugehörigkeit. Dasein wird gegeben im Spalt des Nicht-Dazugehörens, wo wir entwöhnt werden von unserer leidenschaftlichen Loyalität und unserem krankhaften Dazugehören und dann ruhen können in der Zuwendung von dem, der ins Dasein ruft und sich an nichts so sehr erfreut als an jemandem, der menschlich gemacht wurde, dasitzend, bekleidet und bei rechtem Verstand, zu Hause, unter Freunden.

Das ist die wahre Dynamik hinter der Geschichte des Besessenen von Gerasena. Es ist die Geschichte darüber, wie es ist, wenn der Lebendige Gott, der höchst lebendige Schöpfer aus dem Nichts, sich dem Ersatzgott des Gruppendaseins und der Gruppenzugehörigkeit nähert und, indem er sanft das schwächste Mitglied dieser Gruppe nimmt, die Gruppenzugehörigkeit zusammenfallen lässt, den „schlechten Jungen“ Mensch werden lässt und so die Möglichkeit schafft, eine ganz andere Form von Sozialstruktur zu finden. Gott ist der Schöpfergott, der ganz ausserhalb der Götterwelt steht, und es ist die Gegenwart des Schöpfers in der Person von Jesus, die diese Dynamik in Gerasena zum Tragen bringt. Jeder Versuch, die Dinge Gottes zu verstehen, der nicht zurück reicht auf die Wahrnehmung des Schöpfergottes, der ohne jede Rivalität ist, der einen liebevollen Plan für die Menschwerdung besitzt, der den Zusammenbruch allen Götzentums beinhaltet, findet keinen Zugang zu den Evangelien. Der Gott, der Dasein und Zugehörigkeit durch die Gruppe gibt, ist nur eine weitere Form von praktischem Atheismus und Blindheit für die wahre Natur Gottes.

Für die Gerasener wie für den Besessenen wäre es vor Jesusæ Ankunft undenkbar gewesen, sich irgend eine andere Möglichkeit vorzustellen. Wenn ich heute zu euch spreche, dann tue ich es auch als schwuler Mann zu schwulen und lesbischen Christinnen und Christen. Ich sage, dass das, was wir hier tun, vom Standpunkt unseres Besessenen ganz unmöglich ist. Wir wollen nicht in die Tiefen der Unmöglichkeit der Geschichte hinein sinken, die zu erzählen wir berechtigt sind, und wir werden keinen Zugang haben zu der Neuheit von Gott, noch werden wir die Kraft verstehen können, die in Erscheinung tritt, wenn wir Gott als denjenigen bezeichnen, für den nichts unmöglich ist.

Ich behaupte, dass es für einen homosexuellen Menschen erst dann möglich sein wird, mit anderen schwulen und lesbischen Menschen in vernünftiger und ruhiger Weise zu sprechen, wenn wir bereits begonnen haben, uns von der Macht des Schöpfers überkommen zu lassen, welcher bereits damit beginnt, uns zu humanisieren, uns klaren Verstand zu geben, und uns befähigt, uns mit unseren Freunden vertraut zu fühlen. Mit anderen Worten, die Tatsache, dass wir hier heute fähig sind, so zu sprechen, ist völlig abhängig von etwas ganz Grossem, Ruhigem und Unvorstellbarem, das bereits geschieht. Der Schöpfergott „macht etwas neu“, und spricht zu uns in Tönen und Tiefen, die unsere frühere Zugehörigkeit nie erreichen konnte, und in einer Weise, die unsere früheren Gruppen nur als unvorstellbar und skandalös bezeichnen können: als friedliche Menschen.

Es gibt keinen objektiven Beweis für unsere Gewissheit. Unsere Feinde werden uns vorwerfen, dass wir eine spezielle Form des Bittens (Betens) anwenden. Ich bin sicher, dass ich nicht der einzige unter euch bin, der hört, wie Menschen unsere Versuche, die Sprache des Evangeliums zu sprechen, als Frucht eines Geistes beschreiben, der durch unsere Perversion so verdunkelt sei, dass wir unfähig seien klar zu sehen, geschweige denn darüber zu sprechen. Tatsächlich sagen sie, dass wir besessen seien von einem Geist, der uns den klaren Verstand geraubt hat; und nun fuchtelten wir in unserer selbst verursachten Dunkelheit herum.

Wie es mein Freund Alison schön gesagt hat: Anstatt als solche zu sprechen, die entlang einer Welle von Gewissheit geboren wurden, vertrauen wir lieber darauf, dass wir nach Hause „surfen“ auf Kondenstropfen aus dem Atem Gottes. Nichts kann verletzlicher, verwundbarer sein, aber kann etwas stärker sein?

Was wir als Schwule und Lesben als erstes verspüren, wenn der Lebendige Gott hervorkommt, ist eine Ahnung, die uns aufschreien lässt: „Es muss nicht so sein!“. Das war bereits ein riesiger Riss im System, eine erstaunliche Glaubenserklärung, denn sie steht genau im Gegensatz zu dem, was Glaube im System meint. Der Glaube der Gerasener sagt: „So ist es, und muss es sein, und es gibt keinen Weg ausserhalb davon.“ Deshalb sind der Glaube an Schicksal, in die Natur, in eine Schöpfungsordnung, meine Interpretation der Heiligen Schrift immer bedroht durch die Ankunft des Glaubens durch den Lebendigen Gott, den Heiligen Geist, der alle Dinge neu macht. Fähig sein zu glauben, dass „es nicht so sein muss“ ist bereits eine aussergewöhnliche und durcheinanderbringende Eruption des Glaubens in den Lebendigen Gott, und dies inmitten der Fixiertheit und den Unmöglichkeiten des Götzenglaubens. Von der Gewissheit erreicht werden, „dass es nicht so sein muss“, trotz der Unversöhnlichkeit derjenigen, die auf einer unveränderlichen göttlichen Ordnung pochen, beginnen wir bereits einen Weg, menschlich zu sein, der ziemlich ausserhalb dessen liegt, was innerhalb des Systems darunter verstanden würde. Ich werde etwa fähig zu sagen: „Wenn Gott wahr ist, dann kann dies nicht wahr sein“. Mit anderen Worten, zu relativieren, was uns vorher im Dasein gehalten hat, eine Fähigkeit die nur wachsen kann, wenn wir erkennen, dass wir sanft gehalten sind durch eine liebende Gegenwart, und zwar auf eine Weise, die jene Zwänge lockert, die uns vorher in ihrer Knechtschaft gehalten hatten.

Wenn ich weiter wachse im Prozess, vom liebenden Gott erreicht zu werden, ist es mir möglich zu sagen „Gott hat nichts zu tun mit all dieser Gewalt.“ Dies ist ein Zeichen dafür, dass ein neuer Mensch tatsächlich entsteht. Dieser neue Mensch beginnt fähig zu werden, den totalen und unergründlichen Unterschied wahrzunehmen zwischen der Logik der Gnade und der Logik des Ausschlusses, der Vertreibung. Dies ist ein atemberaubender Durchbruch, eine aussergewöhnliche „Besitznahme“ durch den lebendigen Glauben

Etwas unermesslich Schmerzvolles begleitet diesen Prozess: die Erkenntnis darüber, wie sehr ich von Lügen eingebunden war. Ich meine nicht eine zufällige Entdeckung, dass die Regierung, oder Kirchenleute oder ein Verwandter uns belogen haben. Es ist die viel grössere und komplettere Entdeckung, dass das, was wir jahrelang eingeatmet hatten, in Wahrheit nicht Sauerstoff war, sondern irgendein schädliches und zersetzendes Gas, das nach unserem Tod getrachtet hatte. Es ist weniger, dass jemand uns belogen hätte als dass unser wahres Wesen geformt und eingewickelt wurde in einer anklagenden Verlogenheit. Natürlich ist der Teufel der Vater aller Lügen. Und so ist das Gefangensein in einer Lebenslüge eine Form der Besessenheit. Doch Gottes Geist, so wird uns verheissen, wird uns in die volle Wahrheit führen.

Natürlich geht es bei all diesen Lügen nicht nur darum, dass sie uns erzählt werden: Wir selbst lassen uns darauf ein und erzählen sie unserem tiefsten Selbst und anderen. Wir werden zu diesen schuldigen Zuschauern auf dem Lynchplatz, wir werden zu jenen Eltern, jenen Lehrern, jenen Geistlichen, die wir die Lüge um des Überleben willen reproduzieren. Und dafür sind wir aufs äusserste angewiesen auf Gottes mitfühlende Vergebung

Und von all diesen Lügen ist keine so schrecklich und so extrem destruktiv wie diese, die uns sagt, dass wir nicht lieben könnten. Dass unsere Liebe krank sei, pervertiert, und denjenigen, mit denen wir uns verbinden nur Schaden und Erniedrigung bringen würde. Man sagt uns, dass das Ich des Homosexuellen von Promiskuität geprägt sei, und unfähig zu emotionaler Stabilität, ebenso was das Eingehen von Bindungen angeht, unfähig, für das Wohl anderer Verantwortung zu übernehmen, kurz, muss von der Fleischwerdung ausgeschlossen werden. Was man von der Fleischwerdung ausschliesst, verurteilt man zu einem Dämonenleben. Dies ist eine der stärksten Mächte bei der Gerasener Konstruktion des schwulen Dämonen, worauf sich so viele von uns eingelassen haben.

Was soll absolut unmöglich sein, wenn die Gerasener Religion richtig ist, friedliebend konstruktiv in der gegenseitigen Liebe. In unserer Erfahrung der schwulen Liebe haben wir gelernt zu unterscheiden zwischen guter und schlechter Liebe, wir haben gelernt, klar zu erkennen, wenn Liebe für einen anderen Menschen besteht und wenn es sich um Selbstliebe handelt, wo man den anderen als Spiegel benutzt. Wir können einen Unterschied machen zwischen Liebe und Eifersucht, zwischen Besitzergreifung und einer Leidenschaft für das Wachstum und Wohlergehen eines anderen.

Wir haben gelernt, zu unterscheiden zwischen sexuellen Beziehungen, die eine Art Vergewaltigung oder Selbstgenugtuung sind und den anderen benutzen, und solchen, die konstruktive Wege sind, wo jeder sich aufbauen kann. Es ist eine der Ironien der Kirchenlehre, dass sie uns unfähig der Sünde machten, denn nur jene, für die es einen rechten Daseinsweg gibt, können ihr schöpferisches Potential verlieren. Fähig sein, etwas falsch zu verstehen und daraus etwas zu lernen, wonach wir streben können, ist ein riesiger Schritt auf der göttlichen Strasse zur Humanisierung des Besessenen.

Wenn unsere Liebe nicht wesentlich, sondern, wie bei der übrigen Menschheit, nur gelegentlich pervers ist, dann folgt daraus natürlich alles andere: es kann gute homosexuelle Partnerschaften geben und schlechte, gute homosexuelle Eltern und Geistliche und schlechte, und was gut und schlecht ist, kann erarbeitet werden, wonach man streben will und was man vermeiden will, indem man mit seinesgleichen spricht und die Erfahrungen teilt. Doch das bedeutet, dass unser Dasein der Sprache zugänglich geworden ist und wir sind schon gut unterwegs, um in unserem rechten Geist sein zu können, unter Freunden.

Es ist mir bewusst, dass nur die Grösse und Sanftheit des Lebendigen Gottes, die an der Küste von Gerasena aufkommt, dafür sorgen kann, dass mein falsches Selbst zusammenfällt und schrumpft. Ich vermute ebenso, dass bei vielen homosexuellen Menschen, vor allem solchen, die in religiösen Familien aufwuchsen, das Gefühl des „Nicht-Seins, der Vernichtung so stark ist, der Mangel an Selbstschätzung, dass es Teil ist von Gottes Gefälligkeit, dass er uns nicht zu schnell und zu leicht in unserem neuen Dasein unterstützt, sondern es vorzieht, seine humanisierende Göttlichkeit so zu entrollen, dass wir sie erst spät bemerken, damit wir sie nicht etwa zurückweisen, indem wir uns immer noch an unsere Gerasener Selbstgeisselung klammern.

Der Teil, wo man entdeckt, dass man gerufen wird zum Dasein, ist ein wachsendes Bewusstsein darüber, dass ausgesucht werden und Mensch zu werden nur Beschreibungen dessen sind, was es bedeutet, zu entdecken, dass man geliebt ist. Ein Teil dessen, was ich begonnen habe zu lernen, ist auf der einen Seite, dass die schmerzlichen Götzen und Zwänge der Gerasener-Zugehörigkeit abgestreift wurden, und auf der anderen Seite das Geschenk erhalten zu haben, jemand sein zu können, den ich selbst niemals gewagt hätte zu erfinden. Dies ist nur ein flüchtiger Einblick in das, was Paulus gemeint hatte, als er uns sagte, dass „wenn wir Kinder sind, sind wir Erben.“

Wenn wir uns als Erben entdecken, dann ist in uns ein Bewusstsein geboren, das wir teilhaben am Schöpfungsvorhaben in dessen tiefsten Bedeutung, und wir sind fähig, eine aktive Rolle darin zu übernehmen.

Ich kann mir den Gerasener Besessenen vorstellen, wie er auf seinem Heimweg anfängt zu erkennen, dass die ganze Verrücktheit der Gruppenzugehörigkeit, die ihn so getrieben hatte, ihm immer unnützer und brüchiger erscheint, je mehr er sich selbst entdeckt als Teil eines viel grösseren ruhigeren, ernsthafteren Abenteuers eines menschlichen Anteils an der Schöpfung. Es gibt keine mächtigere und doch weniger greifbare Form der Zugehörigkeit als diejenige, die vollumfänglich gegeben wird und über die Erben kommen wird.

Und das Schlüssselsignal, dass dies über uns kommen wird besteht darin, dass wir befreit werden von der Rivalität, dazuzugehören zu versuchen, dass wir unseren Exilstatus in dieser Welt annehmen können. Es gibt eine Stufe in unserer schrittweisen Befreiung aus der Vernichtung, wo wir überwältigt werden von einer riesigen Wut und Bitterkeit darüber, was wir verloren haben, was uns angetan wurde (Unsere Wut ist psychischer Schmerz und weist auf die unverheilten Wunden in unserer Psyche hin). Oft wird diese Wut zu einem heftigen Protest gegenüber denjenigen, die wir als unsere Peiniger betrachten, und wir sind schnell bereit, die Menschen beim Namen zu nennen und anzuprangern: Bischöfe, Priester, Politiker, die an der Peinigung teilgenommen haben und dabei gedacht hatten, dass sie damit Gott dienen würden.

Solange, wie wir diese Wut und das Bedürfnis nach Rache empfinden, sind wir immer noch in der Gerasener Welt der Gewalt und brauchen mehr Befreiung.

Ein Teil der Entdeckung darüber, dass man ein Kind und Erbe ist, voll zur Gottesfamilie gehörend, besteht darin, schrittweise fähig zu werden, jedes Bedürfnis nach ihrer Zustimmung loszulassen, das Bedürfnis es ihnen recht zu machen, das Bedürfnis zu ihrer Welt zu gehören. Durch ein Loch im Boden ihrer Welt hindurch zu fallen, gibt uns die aussergewöhnliche Freiheit, überhaupt nicht mehr nach Zugehörigkeit greifen zu müssen.

So kann auch unsere Wut beginnen zusammenzufallen. Wahre gerechte Wut, wirklich empfunden, und anstelle der grausamen Einsichten, die uns die clevere Aufdeckung der Bigotterie ermöglicht, beginnt das geheilte Herz zu entstehen welches keine Rivalität besitzt, weil es weiss, dass es in Liebe ergriffen wurde als Kind und Erbe.

In jeder Phase in diesem Befreiungsprozess, wo Wut, Trauer und Groll von uns Besitz ergreifen, war es ganz aussergewöhnlich schwierig, einen Blick auf die nächste Stufe im Heilungsprozess des Herzens zu werfen. Es war bereits ein Triumph, wenn man beginnen konnte, das Böse beim Namen zu nennen, und den Mechanismus unfairer Behandlung zu verstehen und zu brandmarken, wie wenn das allein die Dinge besser machen würde. Doch das war nicht genug. Der schwierige Teil ist, nicht mehr fixiert zu sein auf Päpste, Pfarrer und Politiker, die darauf festgelegt sind, dass es Gottes Ehre ist, die auf dem Spiel steht, eine Ehre, die es mit allen Mitteln zu verteidigen gilt, koste es was es wolle.

Dann kommt etwas Mysteriöses in den Brennpunkt: Wie Paulus sagt: „wir ringen nicht mit Fleisch und Blut, wir kämpfen gegen die Fürstentümer, gegen die Mächtigen, gegen die Weltherrscher der gegenwärtigen Dunkelheit, gegen die spirituellen Gastgeber des Bösen an den heiligen Orten.“ Bestimmte Menschen beim Namen zu nennen und sie anzugreifen, Kampagnenteilnehmer, Bischöfe, Politiker bedeutet, dass man im Kampf gegen Fleisch und Blut steckenbleibt. Aber die Wahrheit ist, dass die genannten Menschen stecken geblieben sind, so wie es auch unsere Kirchenstrukturen sind, in einer Welt in der es immer noch „spirituelle Gastgeber des Bösen an den heiligen Orten“ gibt. Das bedeutet, dass die Stimmen der Anklage und des Ausschliessens in die Sprache der Gnade gekleidet werden, so das was himmlisch erscheint in Wahrheit Teil der Ordnung für soziale Zugehörigkeit ist, die von der Logik des Ausschliessens diktiert wird. Ihr könnt euch vorstellen, das unserem ehemals Besessenen langsam bewusst wird, dass die Führer, die ihn am stärksten als Besessenen definiert hatten, trotz ihrer frommen Rede, selbst genauso gefangen waren durch die Fürstentümer und die Machthaber, gefangen, wie er es gewesen war, nach der Logik des Aussschliessens, wie sie scheinbar von Gott befohlen worden war.

Seltsamerweise denke ich, dass etwas, was den Gerasener überkommen haben muss, als er begonnen hatte mit seinen Freunden zu Hause zusammenzusitzen und zu sprechen, ein tiefes und sanftes Mitgefühl war. Ich möchte hier sorgfältig sein, da das Wort „Mitleid“ für uns mit einem Gefühl der Ueberlegenheit verknüpft ist, ein Vergleich, der eine gewisse Geringschätzung maskiert. Ich glaube, es gibt noch eine andere Eigenschaft von „Mitleid“. Sie ist ganz ohne Vergleich, ganz ohne Rivalität oder Geringschätzung. Sie ist begleitet von einer gewissen Sehnsucht, einer kreativen Vorstellung über die Möglichkeit und Herrlichkeit einer Zusammenkunft mit anderen in einem ungebundenen Sein. Sobald die Wut, das Greifen nach Zugehörigkeit, und das Vergleichen, die die Selbstbilligung verstärken, zusammen zu fallen beginnen, wird dieses sehr mysteriöse sehnsüchtige Mitleid an ihre Stelle treten. Komm, Herr Jesus, komm! . Dieses Mitleid geht direkt zurück ins Herz des Schöpfers, der gegenwärtig ist in dem Manne, der an die Gerasener Küste schreitet. Es befähigt uns, die innere Bewegung der Liebe zu erahnen, die Gott dazu geführt hat, zu uns als einer von uns zu kommen.

Wenn der Gerasener Besessene dazu fähig war, zu seinem rechten Verstand zu kommen, wenn, – wie ich glaube – wir lesbische und schwule Menschen, trotz aller Nachteile, an der Schwelle stehen, wo wir fähig sind, zuhause unter Freunden miteinander zu sprechen, bei rechtem Verstand zu sein und unsere verbindlichen Beziehungen zu feiern, dann ist das so, weil der Besessene tatsächlich, und endlich, in einer echten Weise besessen wurde. Von demjenigen Geist besessen, der sich in dem Manne befand der das Ufer in Gerasener emporstieg. Was ausserhalb des Besessenen gewesen war und zu ihm gesprochen hatte, ist nun in ihm als Herz des Schöpfers, das sich mit einem leidenschaftlichen und tiefen Sehnen nach Freiheit für uns alle sehnt, und sich an nichts anderem erfreut als darüber, wenn wir uns gegenseitig mit der Ruhe und Sanftheit anstecken in den ersten Zeichen dieser Sehnsucht.

Zu welchen Dingen befähigt Gottes Geist uns Lesben und Schwule zum Wohl der menschlichen Gemeinschaft ?

Erstens besteht ein tieferer Glaube und ein tiefere Vertrauen in einen Lebendigen Gott, der gegenwärtig ist in unserer Welt und in unseren Herzen, der dafür kämpft, alle Dinge neu zu machen.

Dieser Gott hat nichts zu tun mit Gewalt und Vertreibung. Seine/ihre Liebe ist universelles Mitgefühl, welches alle einschliessen will, im speziellen die Ausgestossenen in der Gottesfamilie

Wir müssen dafür eine neue Art von spiritueller Reife erlangen, wo wir nicht länger abhängig sind von äusseren Autoritäten, sondern frei sind um zu hören was Gott uns sagt, aus uns selbst und unserer Erfahrung heraus. Jeder von uns muss „von seinem eigenen Brunnen trinken“.

Wir müssen eine neue Form der Dankbarkeit für den Schöpfergott finden, der unsere Herzen erneuert, uns von allen Ängsten befreit und uns zu seinen geliebten Kindern macht.

Wir müssen uns auch stark bewusst sein, dass wenn Gott uns diese spezielle Gnade und Liebe gewährt hat, es aus dem Grunde ist, weil Gott durch unser Zeugnis der ganzen Menschheit ein neues Bewusstsein bringen will.

„Kehre zurück in dein Haus und erzähle, was Gott dir Grosses getan hat. Und er ging aus und verkündigte in der ganzen Stadt, was Jesus ihm Grosses getan hatte.“

(Aus dem Amerikanischen übersetzt von: Irène Lugner-Gerold)