Archiv der Kategorie: Theologisches

Beiträge mit theologischen Themen oder Büchern

Trauung für alle

Mit der Änderung des Eherechts (“Ehe für alle”) auf den 1. Juli 2022 steht auch die kirchliche Trauung vielen Paaren offen:

  • Evangelisch-reformierte Kirchen Basel-Stadt und Basel-Land: Hier sind Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare möglich.
    In den Gottesdienstordnungen wird klar festgehalten, dass keine Pfarrperson gegen ihr Gewissen Trauungen und Segnungen durchführen muss. Nicht jede Pfarrperson oder Gemeinde ist offen genug. Fragt in eurer Gemeinde nach.
  • Christkatholische Kirche: Trauungen wurden zeitgleich zur Gesetzesänderung eingeführt.
  • Römisch-katholische Kirche: Offizielle Trauungen sind nicht möglich.
  • Offene Kirche Elisabethen: Die Mutterkirche der LSBK führt Trauungen und Segnungsfeiern durch. Fragt im Sekretariat nach.
  • Freikirchen: Wohl eher nicht; unter Umständen ist aber vieles möglich…
  • Andere Reformierte Kirchen in der Schweiz

Geistliche Impulse…

…aus dem Gottesdienst “Männliche und weibliche Gottesbilder”

Elisabethenkirche Basel, Oktober 2000

Der Ausgangspunkt für das Thema unseres Gottesdienstes über männliche und weibliche Gottesvorstellungen war der Hinweis darauf, wie sehr unsere Sprache über das Göttliche männlich dominiert ist: Er, der Herr, Vater unser, der Herrgott – das sind Begriffe, welche unser Reden von Gott beHERRschen. Sie, unsere himmlische Mutter, die Eine, die Urkraft, die Quelle, diese Umschreibungen kommen nur sehr selten vor.

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Bibel sagt NICHTS zu Homosexualität

Über Homosexualität sagt die Bibel schlichtweg nichts, auch wenn es in der Tat einige Stellen im AT und NT gibt, die homosexuelles Verhalten thematisieren und jeweils sehr negativ bewerten.

Was dort geschildert wird, hat mit Homosexualität als grundlegender sexueller Orientierung jedoch nichts zu tun. Der Zusammenhang ist immer ein ganz anderer. Es gibt keinen Text ohne Kontext! (Die im Folgenden angegebenen Bibelstellen bitte ich bei Interesse selber nachzuschlagen. Es ist dabei wie gesagt unerlässlich, auch den jeweiligen textlichen Zusammenhang mitzulesen und mitzudenken.)

Aber was ist mit 3. Mose 18,22 bzw. 20,13 („Wenn ein Mann bei einem anderen Manne liegt…“)? Das gehört zum mosaischen Gesetz. Da geht es im Textzusammenhang um Reinheitsvorschriften zur Abgrenzung von den umliegenden heidnischen Völkern und deren mutmassliche kultische Sexualpraktiken. Und nicht um eine zeitlose Sexualmoral.
In diesem Textzusammenhang werden zum Beispiel homosexuelle Handlungen (unter Männern) praktisch im gleichen Atemzug verworfen wie „Sex mit Tieren“. Daraus schliessen manche, dass jene im Prinzip auf der gleichen „Unanständigkeits-Skala“ rangieren wie dieser. Aber das ist Unsinn, denn:
Homosexualität ist eine anthropologische Konstante, Sex mit Tieren jedoch nicht. In jeder grösseren Population gibt es einen bestimmten Prozentsatz homosexuell Empfindender (wenn auch nicht notwendigerweise einen Begriff dafür). Das wird zu biblischen Zeiten nicht anders gewesen sein als es heute ist. Eine sexuelle Neigung zu Tieren dagegen gibt es nicht und gab es nie. (Höchstens als Fetisch-Sex oder Ersatzhandlung, aber das ist etwas anderes.) Es gibt einfach keine „Animalsexuellen“ wie es Homosexuelle gibt.

Das heißt: Homosexualität (als grundlegende sexuelle Orientierung) und Sex mit Tieren sind – ohne jede Wertung – etwas KATEGORIAL Verschiedenes. Dennoch stellt das mosaische Gesetz sie in ein und denselben Zusammenhang. Da der Zusammenhang sich aber gerade NICHT aus sexuellen Neigungen ergibt, muss er anderswo gesucht werden. Wir sind diesbezüglich auf Vermutungen angewiesen, aber es spricht sehr viel dafür, dass der Hintergrund in bestimmten sexuellen Kulthandlungen zu finden ist, von denen die Israeliten sich scharf abgrenzen wollten. Möglicherweise musste deswegen auch das missbrauchte Tier getötet werden, weil es als rituell unrein galt (und nicht, weil es ebenfalls „gesündigt“ hätte).

Was steht denn in den Evangelien zu kultischen Reinheitsvorschriften? Sinngemäss bekanntlich dies: Nicht das Befolgen äusserer Vorschriften hat mit Reinheit oder Unreinheit zu tun, sondern das, was im Herzen ist. Und dass das Gesetz für die Menschen da ist und nicht die Menschen für das Gesetz …

Abgesehen davon, mit welcher Begründung wird ein Teil des mosaischen Gesetzes für Christen als nicht mehr gültig erachtet und ein anderer Teil – den man noch dazu willkürlich aus seinem Zusammenhang reisst und damit völlig verfälscht – als buchstäblich gültig behauptet? Schliesslich darf ein Christ Blutwurst, Schweinefleisch, Hasenbraten und Muschelsuppe essen, darf Kleidung tragen, die aus mehrerlei Fasern hergestellt ist, darf am Sonntag ins Internet gehen und so weiter und so fort. All dies ist nach dem mosaischen Gesetz nämlich streng untersagt (einfach mal z.B. Blut essen in eine Online-Bibel eingeben)!

Und was ist mit „Sodom und Gomorra“ (1. Mose 18,16 – 19,29), wo die Sodomiter die beiden Gottesboten vergewaltigen wollten? Ging es da um homosexuelle Lust? War da eine ganze Stadt schwul? Dieses müsste man ja annehmen, denn alle geschlechtsreifen, männlichen Bewohner („vom Knaben bis zum Greis“) Sodoms versammelten sich lt. Text vor Lots Haus und forderten die Herausgabe seiner beiden Gäste. Es können aber schlechterdings nicht alle Männer Sodoms homo- oder wenigstens bisexuell gewesen sein. Die übergrosse Mehrheit auch der Männer von Sodom muss man sich zweifelsohne als heterosexuell empfindend vorstellen, was bedeutet, dass sie an homosexuellem

Geschlechtsverkehr genauso wenig Interesse hatten wie andere heterosexuelle Männer auch – völlig unabhängig von ihrer Sündigkeit oder ihrem schlechtem Charakter.

Der Versuch der kollektiven Vergewaltigung war demnach nicht Ausdruck homosexueller Lust, sondern sollte die Verachtung und den Mutwillen der Sodomiter gegenüber (vermeintlich) wehrlosen, durchreisenden Fremden ausdrücken und dass sie es sich erlauben konnten, eklatant und aktiv die heilige Gastfreundschaft zu verletzen und zudem noch ihren zugereisten Mitbürger Lot (der die beiden Boten ja schon als Gäste bei sich aufgenommen hatte) zu entehren.
Auf was lässt so ein Verhalten grundsätzlich schließen, was waren die Sodomiter offenbar für Leute, welcher Art war ihre Gesinnung, was waren ihre Sünden? Die Bibel selbst skizziert die Sünden von Sodom kurz und präzise: Jesaja 1,10-17; Hesekiel 16,49-50. Sodom ist ein Sinnbild für Götzendienst, äusserliche Opfer, Gier, Mitleidlosigkeit und Ungerechtigkeit. Und wiederum nicht für irgendeine Sexualmoral. (Vergl. im übrigen auch die „heterosexuelle“ Parallelgeschichte von Gibea im Buch Richter 19).

Homosexuellen werden gern auch Textstellen von Paulus um die Ohren geschlagen, besonders Röm 1, 26-27. Diese beiden Verse gehören unmittelbar in den Zusammenhang der Verse 18-32. Aber wen beschreibt Paulus da eigentlich? Homosexuelle? Liest man die Verse unter der Voraussetzung, dass im Besonderen auch auf Homosexuelle und Homosexualität abgestellt wird, müsste man rein von der Textlogik her davon ausgehen, dass schlechte Menschen (siehe Paulus’ Lasterkatalog) und Götzendiener homosexuell werden, WEIL sie schlecht oder götzendienerisch sind bzw. umgekehrt, Homosexualität bei den betreffenden Menschen darauf schliessen lässt, dass sie schlecht oder götzendienerisch sind (denn sonst wären sie ja nicht homosexuell geworden).

Aber das ist offenkundig absurd. Es gibt keinerlei Grund für die Annahme, zwischen der sexuellen Orientierung eines Menschen einerseits und seinem Charakter oder seinen religiösen Praktiken andererseits bestünde irgendein kausaler Zusammenhang – völlig unabhängig davon, was man ansonsten über Homosexualität denkt. Also liegt wohl der Schluss nahe, dass Homosexualität als solche überhaupt kein Thema von Röm 1,18-32 ist. Was Paulus in diesen Versen dagegen wohl meint, ist ganz grundsätzlich die Verwechslung des Geschaffenen mit dem Schöpfer und somit eine Selbstvergottung und eine Vergötzung von Dingen (u. a. Reichtum, Lust etc.) bzw. überhaupt des Geschaffenen. Mit Homosexualität hat das nicht das Geringste zu tun.

Das erste Römerkapitel schliesst mit Vers 32. Der sich textlich und inhaltlich unmittelbar daran anschliessende Beginn des zweiten Kapitels ist auch interessant, nicht zuletzt für etliche Buchstabengläubigen (obwohl sie paradoxerweise die tatsächliche Textbedeutung ja eben oft genug ignorieren). Zudem, beharren diese Buchstabengläubigen auf ihrer Ansicht, dass es hier ganz besonders auch um Homosexualität geht, müssten sie vom Wortlaut von Röm 2,1 ff her neben allem anderen auch selber homosexuell sein oder zumindest dazu neigen… („1 Deshalb bist du nicht zu entschuldigen, o Mensch, jeder, der da richtet; denn worin du den anderen richtest, verdammst du dich selbst; denn du, der du richtest, tust dasselbe.“)

Eine weitere beliebte Paulus-Passage, um Homosexuellen ihre angebliche Sündhaftigkeit unter die Nase zu reiben, ist 1 Kor 6, 9-10 („Oder wisst ihr nicht, das Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden? Irrt euch nicht! Weder Unzüchtige, noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch Wollüstlinge, noch Knabenschänder, noch Diebe, noch Habsüchtige, noch Trunkenbolde, noch Lästerer, noch Räuber werden das Reich Gottes erben“). Sind mit Unzüchtigen, Wollüstlingen und Knabenschändern Homosexuelle gemeint? (Vergl. auch 1 Tim 1,10)
Die Begriffe Unzucht und Unzüchtige kommen sowohl im AT wie im NT recht häufig vor und zwar vorrangig in der Bedeutung von Götzendienst und Götzendienern und nicht im Sinne einer davon losgelösten Sexualmoral. Bei Hesekiel z.B. und etlichen anderen Stellen der Bibel sind Unzucht und Götzendienst praktisch gleichbedeutend. Der Begriff bezieht auf Israels „Weghuren“ von Gott zu anderen Göttern. Gerade Hesekiel spricht von Israels Neigung zum Götzendienst teilweise in kräftigen sexuellen Metaphern. Sexualmoral als solche ist aber offenkundig wiederum nicht das Thema.

Bezieht man ansonsten „Unzucht“ auf Sexualität, meint dies offensichtlich die spezifische Qualität (bzw. den Mangel daran) einer sexuellen Beziehung/Begegnung. Im engeren Sinne ist Unzucht (synonym mit „Hurerei“) Sex als Ware, also Prostitution. Im weiteren Sinne kann Unzucht eine rein objektorientierte, kurzfristige Triebabfuhr bedeuten. Beides hat von der Sache her nichts damit zu tun, ob die betreffende Beziehung homo- oder heterosexuell ist. Unzucht im eben skizzierten Sinn gibt es in homo- wie heterosexuellem Rahmen.
Was sind „Wollüstlinge“ (oder in anderer Übersetzung auch „Lustknaben“)? Das griechische Originalwort dafür lautet „malakoi“, was anderswo im NT auch im Zusammenhang mit weich, kränklich, feige, zart oder ausschweifend gebraucht wird. Ganz allgemein ist es wohl mit „ungezügelt“ oder „schwelgerisch“ konnotiert. Anderswo wird es auch gebraucht für Menschen, die disziplinlos oder moralisch schwach sind. (In der Tat werden diese Eigenschaften auch heute noch manchmal gerade Homosexuellen im Besonderen unterstellt, aber das entbehrt natürlich jeder Grundlage.) In primär sexuellem Kontext wurde „malakoi“ nirgends gebraucht.

Früher wurde „malakoi“ auch mit Masturbation in Zusammenhang gebracht. Als Masturbation dann nicht mehr als derartig grosse Sünde angesehen wurde, dass man ihretwegen des Reiches Gottes verlustig gehen konnte, wurden aus „malakoi“ vorrangig Homosexuelle. In Wirklichkeit weiss jedoch niemand genau, wen oder was Paulus mit „malakoi“ exakt meinte. Es fehlte in der griechisch-römischen Kultur keineswegs an Begriffen für (männlich)-homosexuellen Geschlechtsverkehr und seine Beteiligten. „Malakoi“ war kein solcher Begriff.

Und wer waren die „Knabenschänder“? Das ist die Übertragung aus griech. „arsenokoitai“, ein aus zwei Wörtern zusammengesetzter Begriff mit den Wurzeln „Mann“ und „Bett“. Das Wort Bett war oft eine Umschreibung für Geschlechtsverkehr (vergl. auch unseren heutigen Terminus „Koitus“). Die Verbindung mit „Mann“ ist hier jedoch nicht eindeutig. Der Ausdruck wird eigentlich nur von Paulus gebraucht und kommt nach Ansicht von Fachleuten in der griechischen Literatur ansonsten praktisch nicht vor. Man kann den Begriff in Zusammenhang mit homosexueller Kultprostitution sehen, in der Verbindung mit Päderastie oder der Nötigung oder Vergewaltigung von Sklaven. Dies waren gängige Praktiken in der griechisch-römischen Welt und sind als Hintergrund für die Äusserungen des Paulus ungleich wahrscheinlicher als etwa gleichberechtigter homosexueller Geschlechtsverkehr. Homosexuelle Liebesbeziehungen gar sind als Bedeutungshintergrund nahezu auszuschliessen.

Da man also gar nicht genau weiss, was die einschlägigen Schlüsselwörter in ihrem ursprünglichen Kontext eigentlich im Einzelnen bedeuten sollten, kann man jene Verse auch nicht als biblisches Argument gegen Homosexualität und Homosexuelle ins Feld führen.
Ich behaupte nun keinesfalls, all die angedeuteten Textpassagen völlig korrekt oder gar erschöpfend auslegen zu können. Ich weise nur darauf hin, was dort NICHT steht: nämlich eine grundsätzliche und allgemeine Aussage über das, was wir heute Homosexualität nennen. Und wie gesagt: Von homosexuellen LIEBESBEZIEHUNGEN ist in der Bibel schon gleich gar nicht die Rede. Woraus manche dann allerdings schliessen, dass etwas, das die Bibel nicht erwähnt, wohl entweder automatisch verboten sein müsse oder von vorneherein nicht existieren könne. Eine solche Haltung lässt sich jedoch nicht mit der Bibel, sondern nur mit den eigenen – a priori als gültig vorausgesetzten und dann in die Bibel hineinprojizierten – Vorurteilen begründen…

Noch ein abschliessendes Wort zur Bibelauslegung. Natürlich kann man die Bibel gegen Homosexualität und Homosexuelle ins Feld führen. Man kann so gut wie alles in die Bibel hinein interpretieren und wieder herauslesen. Das ist es ja. Nur zwei Beispiele unter vielen möglichen: Die Meisten wären heute empört, wenn jemand allen Ernstes Sklaverei mit der Bibel rechtfertigen würde. Sie wären empört, wenn jemand heute Antisemitismus mit der Bibel rechtfertigen würde. Nun, über fast die gesamte bisherige Geschichte des Christentums war beides völlig selbstverständlicher Konsens der Bibelinterpretation. Und die Exegeten waren weder dümmer als die heutigen noch hatten sie eine andere Bibel. An Leseschwäche litten sie auch nicht. Im Gegenteil, gerade was Sklaverei angeht, muss man eine Menge exegetischen Aufwand betreiben, um zu dem Schluss zu kommen, Gott will keine Sklaverei. Sie wird in der Bibel zwar nicht ausdrücklich gebilligt, aber sowohl im AT wie im NT als ganz selbstverständlich vorausgesetzt. Das heißt, es gibt nicht einfach ein zeitloses „biblisches Menschenbild“ ohne historischen Kontext. Daher besteht kein Grund, diesen Umstand ausgerechnet in punkto Sexualität zu ignorieren, zumal von Homophoben eine Sexualmoral in die Bibel hineinprojiziert wird, die dort per se eigentlich gar nicht zu finden ist. Und schon gar nicht in den Stellen, die diesbezüglich immer wieder als Munition herhalten müssen.

Hans Peter Bertschi 2005

Homosexualität und Bibel

Vortrag: von Bruder Nikolaj Bromberg, 2003-01-19
Gde.-Seelsorgedienst – Wittlich.

Liebe Brüder und Schwestern,
vielen Dank, dass Sie mich eingeladen haben,

vor kurzem bin ich auf ein Thema gestossen: «Homosexualität». Dabei habe ich festgestellt, dass es offenbar immer wieder zu – meiner Ansicht nach recht fruchtlosen, Diskussionen über die Auslegung der Bibel in Bezug auf HS kommt, wobei sich evangelikal angehauchte Christen bemühen, sich möglichst den Anstrich der «Bibeltreue» zu geben, wenn sie HS ethisch ablehnen. Um weiteren Wortschlachten ein bisschen den «Wind aus den Segeln» zu nehmen, gestatten Sie mir als Christlicher Seelsorger bitte ein paar Ausführungen, die ich als theoretische Folie verstanden wissen möchte, die jeder nutzen kann, der oder die weiterhin über die Frage nach der Bewertung der HS in der Bibel diskutieren möchten. Ich glaube aber, dass sich mit meinem heutigen Beitrag eigentlich «theologisch-betrachtet», jede weitere Diskussion erübrigt. Für die etwas umfangreichen Ausführungen entschuldige ich mich bei Ihnen allen im Voraus:

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John J. McNeill: Mein heutiges spirituelles Leben

Vortrag vom 19. September 2000, im Rahmen eines Workshops des Instituts für Friedens- und Bewusstseinsbildung in Basel

Ich bin jetzt fünfundsiebzig Jahre alt. Ich habe entdeckt, dass jedes Jahrzehnt meines Lebens glücklicher und friedvoller war als das letzte. Jedes Jahrzehnt brachte grössere Nähe zu einem Gott der Barmherzigkeit und Liebe und grösseres Vertrauen in Gottes Liebe für mich. Während mein Körper älter wird, wird mein Geist jünger. Ich weiss, dass dies ein Geschenk Gottes ist, für das ich dankbar bin. Im Laufe der vergangenen Jahre hat sich mein Gebetsleben radikal verändert von einem Gebet des Kopfes, einem Gebet der Worte, Konzepte und Gedankengängen hin zu einem Gebet des Herzens. Gott hat mir die Gnade gegeben, mir ständig einer Sehnsucht in meinem Herzen bewusst zu bleiben, einer Sehnsucht nach grösserer Nähe zu Gott. Meine Gotteswahrnehmung basiert auf dem, was ich entbehre, auf dem was ich brauche und nicht habe, wonach ich mich sehne, wonach ich hungere und dürste und was ich noch nicht erreicht habe.

Entbehrung ist ein paradoxer Begriff. Philosophen definieren Entbehrung als “die Abwesenheit dessen, was sein sollte”. Entbehrung ist demnach eine Erfahrung der Abwesenheit in der Gegenwärtigkeit oder einer Gegenwärtigkeit in der Abwesenheit. Gott zu erfahren als Mangel oder Entbehrung bedeutet dann notwendigerweise, dass ich bereits eine Erfahrung von Gottes Gegenwart gemacht habe. Ich möchte dies mit einem verlorenen Teil eines Puzzles vergleichen. Wenn ich es sehe, werde ich es kennen, weil es nur ein Teilchen gibt, welches in diesen leeren Raum passt. Mit den Worten von St. Augustin ausgedrückt: “Du hast uns für Dich erschaffen, oh Herr, und unsere Herzen werden niemals ruhen bis sie in Dir ruhen.”

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Der besessene Gerasener

Siehe da, ich mache alle Dinge neu

John J. McNeill zu Offenbarung 24,5

Vortrag vom 19. September 2000, im Rahmen eines Workshops des Instituts für Friedens- und Bewusstseinsbildung in Basel

Es ist dies eine wunderbare Zeit gewesen, lebendig und schwul und Christ zu sein. So wie Jacques Perrot – ein führender Mann in der Schwulen Christlichen Befreiungsbewegung “David und Jonathan” in den frankophonen Teilen der Welt – von dieser neuen Ära spricht als einem speziellen Augenblick in der Geschichte, “einer Offenbarung des langsamen Entstehens einer positiven homosexuellen Identität aus dem Herzen der Welt heraus.” Nach so vielen Jahren der Zurückweisung, Zerstörung und Einschüchterung hat ein Wind von Freiheit zu wehen begonnen.

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Die Sünde hassen – den Sünder lieben?

Eine Predigt von Manuela Bünger.

Nach einem Text von Valeria Hinck (Zwischenraum)

Liebe Gemeinde,

vor einiger Zeit telefonierte ich mit einem etwas älteren Diakon; wir sprachen über verschiedene Probleme in der Christenheit, über den Einfluss des Zeitgeistes, über sich daraus ergebende seelsorgerliche Konflikte; am Schluss gab er mir dann den folgenden sicherlich gut gemeinten Rat mit auf den Weg: “Als Christ sollst die Sünde hassen, den Sünder aber lieben.”

“Die Sünde hassen – den Sünder lieben” Dieser Satz war mir nicht unbekannt. Ich habe ihn oft schon in unseren christlichen Kreisen, in unserer Gemeinde gehört, und ihn eigentlich bis zu diesem Gespräch – wohl eher unreflektiert – bejaht. Auf den ersten Blick scheint das Motto vom Hass auf die Sünde und von der Liebe zum Sünder ja eine geniale Kurzfassung der biblischen Botschaft vom heiligen und doch barmherzigen Gott zu sein. Für viele ist es sozusagen das Evangelium in einem Satz. Wann immer es darum geht, wie man sich als Christ gegenüber diversen Problemen und Personen verhalten soll, wird diese Formel zur Sprache gebracht. “Die Sünde hassen – den Sünder lieben”

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Seine Liebe zu verleugnen, heisst Gott zu verleugnen

Brigitte Hauser

Seine Liebe zu verleugnen, heisst Gott zu verleugnen

Kirchliche Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare

Sechswochenarbeit im Fach Praktische Theologie
(Homiletik und Liturgik)

Begleitet durch Prof. Dr. Albrecht Grözinger

Eingereicht an der Theologischen Fakultät
der Universität Basel
Sommer 1996

Vorwort des Webmasters

Seitdem Brigitte Hauser diese Arbeit geschrieben hat, ist – auch in der Schweiz – vieles vorwärts gegangen. Mehrere reformierte Kantonalkirchen haben haben Segnungsfeiern erlaubt (ZH, BE, SG, GR, BS, BL, SH, ohne Gewähr auf Vollständigkeit) Eine Petition und einige eindrückliche Demos haben auch “Bern” in Marsch gesetzt, auf 2002 wurde ein Entwurf für eine “eingetragene Partnerschaft” versprochen.

Im Juni 2005 wurde in einer Volksabstimmung ein weitgehendes Partnerschaftsgesetz angenommen und auf 1. Januar 2007 eingeführt.

Seit dem 1. Juli 2022 sind mit der Vorlage “Ehe für alle” alle Ehen gleichgestellt.

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Destruktive Religion

Von Andreas Studer

Inhalt

Was ist «Destruktive Religion»?
Gesunder Widerstand gegen «Destruktive Religion»
Leiden an «Destruktiver Religion»
Ausgewählte Bereiche von «Destruktiver Religion»
Glaube wird stärker als die Erfahrung
Statik wird stärker als Beweglichkeit
Demütigung und Selbsterniedrigung
Ekklesiogene oder religiöse Neurose
Destruktive Gottesbilder
Sexualfeindlichkeit
Gehorsam und Autorität
Moralismus
Begriffserklärungen
Literaturhinweise
Nachwort
Woher wir diesen Text haben

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Gott ist eine Frau- und sie wird älter

von Margot Moers Wenig

Wer oder was aber ist Gott? Wo sollen wir Gottes Gegenwart suchen? Unsere Weisen und Philosophen sind sich keineswegs einig in ihren Aussagen. Aber darin stimmen sie überein: Wer oder was Gott wirklich ist, ist letztlich nicht zu ergründen. Gott ist der Verborgene (El Mistateyr), der sein Antlitz verhüllt (Eyn Sof) – unerkennbar, unergründbar, unbeschreibbar.

Und doch wagen eben diese Weisen den Versuch, die Gotteserfahrung unseres Volkes in Bilder zu fassen, die wir kennen und verstehen können. Die Kabbalisten gingen sogar soweit, Gottes Gestalt darzustellen: als den Menschen des Ursprungs (Adam Kadmon). Alle Eigenschaften Gottes wurden mit einem bestimmten Teil Seines Körpers in Zusammenhang gebracht: Kopf, Arme, Beine, Leib, sogar männliche Genitalien.

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