Lesben und Schwule brechen auf

In verschiedenen Kirchen bilden sich Gruppen, um darüber nachzudenken, ob und wie schwule und lesbische Paare eingesegnet werden sollen. Die Praxis gibt es in der Schweiz jedoch schon jahrelang. So feierten am 8. Oktober 1988 mein Partner Emanuel Grassi und ich die Einsegnung unserer Lebenspartnerschaft in einem Gottesdienst. Wir bereiteten ihn zusammen mit einem reformierten Pfarrer vor. Elemente des Gottesdienstes waren ein gegenseitiges Versprechen, Segnen unserer Partnerschaft mit Handauflegung, Fürbitten für unsere Beziehung von Mitfeiernden.

Nebst solchen Einsegnungsfeiern gibt es andere spirituelle Aufbrüche von Schwulen und Lesben in der Schweiz. 1991 gründete ich mit anderen zusammen die Lesbische und Schwule Basiskirche (LSBK) in Basel mit dem Ziel, regelmässige Gottesdienste für Lesben und Schwule zu organisieren. Ich erlebe in diesen Gottesdiensten praktisch gelebte Befreiungstheologie. In der Vorweihnachtszeit erzählte ich als Einleitung zu einer Meditation, dass in meinem Leben meine Homosexualität wie ein Stern war und ist, der mich zur Krippe führt. Wie kann ich mein Schwulsein fruchtbar machen in der Nachfolge Christi und am Dienst an dieser Welt? Worin liegt die besondere Berufung von Lesben und Schwulen?

Das sind Fragen, denen auch das neu gegründete Projekt „Spiritualität aus lesbischlschwu1er Perspektive“ nachgeht. Es ist ein Teil der „Friedensgasse – Diakonische Kommunität“, zu der ich und mein Partner gehören, und wird von der Katholischen Erwachsenenbildung Basel-Stadt unterstützt. Ziel ist, Wochenend-Seminare mit spirituellen Schwerpunkten für lesbische Frauen und schwule Männer zu organisieren. Im Oktober 1997 fand mit Erfolg das erste Wochenendseminar statt.

All diese neuen Gefässe sind notwendig. Viele im Glauben stehende und suchende homosexuelle Menschen finden den Weg in gewöhnliche kirchliche Angebote nicht: Einige sind verletzt von Erfahrungen mit homophoben Kirchenleuten, andere befremdet das ausschliesslich heterosexuelle Weltbild, das die Predigt, Liturgie und Theologie der meisten Kirchen durchzieht. Zudem gibt es Fragestellungen, die spezifisch Lesben und Schwule betreffen. Es geht darum, Raum zu schaffen, um zu entdecken und miteinander zu teilen, was Spiritualität aus lesbisch/schwuler Perspektive bedeutet, und um Erfahrungen von Heil-werden zu machen. Es geht nicht nur darum, in den kirchlichen Institutionen um unsere Rechte zu kämpfen. Wir sind Kirche. Das will ich leben. Mir gefällt das Bild vom Regenbogen sehr. Jede Farbe hat ihren Platz. Damit sie ihren Platz findet, muss sie sich ihrer Farbe zuerst bewusst werden. Diese schwulen und lesbischen Farben können voll und grell gemalt werden. Auch andere ChristInnen dürfen unsere Farbe sehen. Und siehe da, auch heterosexuelle Christlnnen fangen an, dies dankbar wahrzunehmen. Ich freue mich an der Buntheit des Reiches Gottes.

Urs Mattmann

Erschienen im „aufbruch“ 1/1998

Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion des „aufbruchs“, Zeitung für Religion und Gesellschaft.

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